Die Bälle ließ Rainer Widmayer bei der Übungseinheit am Nachmittag anfangs unbeachtet. Die Spieler mussten sich in Sechsergrüppchen bäuchlings auf den Rasen legen und auf das Signal des Co-Trainers von Hertha BSC hochschnellen und sprinten. Begeisterte Gesichter sehen anders aus als die verzerrten Mienen von Peter Niemeyer oder Pierre-Michel Lasogga. Beim Hauptstadtklub wird das Training angezogen, trotz oder gerade wegen des euphorisierenden 2:1-Sieges in Dortmund. „Der Trainer muss jetzt deutlich machen, wie wichtig fokussiertes, konzentriertes Arbeiten ist“, unterstützt Herthas früherer Coach Jürgen Röber seine Nachfolger: „Wenn ein Spieler jetzt schludert, dann merkt er das vielleicht nicht morgen oder übermorgen, aber im Laufe der Saison wird sich das rächen.“

Das weiß auch der aktuelle Trainer Markus Babbel und fordert seine Mannschaft zum Charaktertest heraus: „Wir sind der Favorit“, sagt er unumwunden mit Blick auf das Spiel gegen Augsburg am kommenden Sonnabend (15.30 Uhr). Jetzt müsse sich zeigen, „wie weit wir wirklich sind“. Im Moment ist Hertha überraschend weit: Platz acht, vier Spiele in Folge nicht verloren, acht Punkte.

Dabei sah das vor kurzem noch ganz anders aus: Nachdem Hertha den Saisonauftakt mit 0:1 gegen Nürnberg verpatzt hatte, rief Erich Beer bei Hans Weiner an. „So schlecht habe ich Hertha noch nie gesehen“, klagte „Ete“ Beer (64) seinem Freund „Hanne“ (60) sein Leid. Die beiden Hertha-Legenden waren geschockt. Sonnabend, kurz nach dem 2:1 (0:0) beim Deutschen Meister, wandte sich Beer wieder an eine Hertha-Legende. „Ein überraschender, aber verdienter Sieg“ schickte er per SMS an Manager Michael Preetz.

Mehr Selbstvertrauen gibt es nicht

Und jetzt kommt Mitaufsteiger FC Augsburg, der nach fünf Partien erst zwei Punkte auf dem Konto, nur vier Tore geschossen, dafür aber schon zehn kassiert hat und derzeit auf Rang 16 steht. „Jetzt ist es wichtig, zu Hause nachzulegen und für das Publikum auch mal eine Gala hinzulegen“, nahm am Montag der frühere Hertha-Verteidiger Marko Rehmer im „Querpass“ von tv.berlin die Herthaner in die Pflicht, mehr als einen Sieg zu bieten. „Ein 5:2 oder 6:2 wäre schön“, sekundiert Weiner, der mittlerweile „begeistert“ ist von seiner Hertha, für die er von 1972 bis 1979 und in den Achtzigern noch einmal zwei Jahre verteidigte. In 283 Spielen hielt er Knochen und Bänder hin. Die sind mittlerweile kaputt. Zwei Mal wurde Weiner kürzlich am Fußgelenk operiert: Arthrose. Da tut ein bisschen Hertha-Höhenflug gut: „Ich hoffe, dass es so weitergeht.“

Für Röber steht das außer Frage: „Hertha muss das Heimspiel gewinnen.“ Mehr Selbstvertrauen als jetzt könne man schließlich nicht holen. „Die Mannschaft ist in einer beneidenswerten Situation und kann befreit aufspielen. Mehr kann man sich doch nicht wünschen“, sagt der 57-Jährige, der 1997 mit Hertha in die Bundesliga aufstieg und zuletzt bis Ende 2009 den türkischen Hauptstadtverein Ankaraspor trainierte. In dieser Woche gehe es bis zum Spiel darum, diese positive Stimmung aufrecht zu erhalten ohne abzuheben, dann könnte es aus Sicht der Hertha-Spieler so laufen, wie Röber es knapp zusammenfasst: „Ich habe in Dortmund gewonnen, nehme die Euphorie mit und hau die Augsburger weg.“

Und Röber schaut noch weiter: „Wenn jetzt der Schwung mitgenommen wird, kann sich daraus etwas entwickeln. Man sieht dieses Muster doch immer wieder, vergangenes Jahr in Dortmund und Hannover.“ Röber erinnert an seine zweite Bundesligaspielzeit mit Hertha, als das Team mit Schwung bis in die Champions League rannte: „Da haben wir uns in einen Lauf gespielt.“ Plötzlich fügten sich die Dinge wie von selbst, und das nötige Quäntchen Glück kam hinzu.

Wie zuletzt auch gegen Dortmund, als Raffael nach einer eigentlich vergebenen Chance den Ball von Dortmunds Marcel Schmelzer ein zweites Mal vor seine Füße bekam und zum 1:0 traf. Oder als ein Kopfball von Kapitän Andre Mijatovic über Umwege den Weg zu Niemeyers Knie fand und der Mittelfeldspieler zum 2:0 abstauben konnte.

Beer aber warnt vor dem Heimauftritt: Hertha kämen Auswärtsspiele besser entgegen. „Wenn das Spiel auf uns zuläuft“, sagt der von Preetz als Rekordtorschütze (95 Treffer) abgelöste Beer, dann könnten die Offensiven Adrian Ramos und Tunay Torun ihre Schnelligkeit ausnutzen, so wie gegen Dortmund. „Augsburg wird sich hinten reinstellen“, prophezeit Beer. „Dann müssen wir vielleicht über eine Standardsituation zum Tor kommen“ und wenn das erst einmal gefallen ist, läuft das Spiel wieder für Hertha, „dann ist ein klarer Sieg drin“.

„Wieder eine Heimmacht werden“

Viel wichtiger sei aber, dass das Team das Selbstvertrauen mitnimmt und bloß nicht in der Tabelle abrutscht. „Die wichtigsten Spiele sind nicht die gegen Bayern“, sagt Weiner, „sondern die gegen direkte Konkurrenten, um den Abstand nach unten zu vergrößern.“ Dennoch: Ein deutliches Zeichen gegen Augsburg kann jetzt nicht schaden, denn nach dem 1:0 gegen Stuttgart, dem ersten Bundesliga-Heimsieg nach mehr als zwei Jahren Durststrecke, „müssen wir im Olympiastadion wieder eine Macht werden“, fordert Beer.