Stinkefinger gezeigt

Herthas 2:2 in Freiburg sorgt für Zündstoff

Ärger nach dem Spiel: SC-Präsident Keller soll nach einem nicht gegebenen Tor mit ausgestrecktem Mittelfinger auf den Berliner Co-Trainer zugestürmt sein. Dass Hertha eine 2:0-Führung verspielte, geriet beinahe in den Hintergrund.

Als die Spieler noch unter der Dusche standen, saß Hertha-Manager Michael Preetz bereits im Bus. Er musste erst einmal einen kühlen Kopf bekommen nach alldem. Als er sich dann etwa eine halbe Stunde später den Journalisten stellte, hatte er noch immer sichtlich Mühe, seine Verärgerung in auch nur halbwegs akzeptable Worte zu fassen.

Es ging um eine Szene, die sich abseits des turbulenten 2:2 (2:0) von Hertha BSC beim SC Freiburg vor 21.500 Zuschauern ereignet hatte. Eine, die beide Klubs noch ein Weilchen beschäftigen könnte. Denn Preetz berichtete, das Team von Hertha sei nach einer strittigen Szene auf übelste Weise beleidigt worden – und zwar von keinem geringeren als dem Präsidenten des SC, Fritz Keller. „Er kam mit ausgestrecktem Mittelfinger auf Co-Trainer Rainer Widmayer zugestürmt“, sagte Preetz. Eine schwere Anschuldigung, der er weitere Worte folgen ließ: „So etwas habe ich bei einem Funktionsträger in der Bundesliga noch nie erlebt.“

SC-Präsident zeigt den Stinkefinger

Nach Abpfiff, so berichtet der Manager weiter, sei Keller auf ihn zugekommen und wollte ihm die Hand geben. Er habe verweigert. Denn, so Preetz, es sei kein Angebot für eine Entschuldigung gewesen sondern nur das normale Handschütteln nach einem Unentschieden. „Es ist die Frage, ob man sich für asoziales Verhalten entschuldigen möchte oder nicht“, sagte er, „da hätte jeder andere an meiner Stelle genauso gehandelt.“ Keller äußerte sich am Sonnabend nicht mehr.

Aber woran hatten sich die Gemüter nur so erhitzt? Es ging um den vermeintlichen Ausgleich des SC in der 82. Minute. Alles sah ganz normal aus, der Eckball der Freiburger wurde wie immer ausgeführt, erst kurz, dann die Flanke, einer verlängerte den Ball und hinten am zweiten Pfosten köpfte Stefan Reisinger ins Tor (82.). Großer Jubel, aber: Der Treffer wurde von Schiedsrichter Markus Wingenbach aus Diez nicht anerkannt, da er die Ecke noch nicht freigegeben hatte. „Er stand mit dem Rücken zur Fahne, deshalb konnte er nicht sehen, dass der Ball längst gespielt war“, berichtete Christian Lell später, der zusammen mit Levan Kobiashvili eine Minute lang auf den Schiedsrichter eingeredet hatte. Danach ging der zu seinem Assistenten, die Fernsehbilder zeigten, dass er sich selbst nicht sicher war, ob er den Treffer geben soll oder nicht. Manger Preetz: „Ich habe sofort gemerkt, dass der Assistent alles gesehen hatte. Da habe ich ihn aufgefordert, den Schiedsrichter doch bitte dazuzuholen.“ Das Tor wurde aberkannt, die Ecke wiederholt – und, so Preetz, Keller rastete aus. „So ein nicht gegebenes Tor habe ich noch nicht erlebt“, sagte Herthas Mittelfeldspieler Peter Niemeyer später, „der Schiedsrichter hat Größe bewiesen. Hut ab, dass er einen Fehler vor dieser Kulisse korrigiert.“

Bei so viel Diskussionsstoff trat ein wenig in den Hintergrund, dass Hertha gerade auf ziemlich unnötige Weise zwei Punkte auf dem Weg zum Klassenerhalt hatte liegen lassen. Nach Toren von Adrian Ramos (20.) und Peter Niemeyer (45.) lag die Mannschaft zur Pause 2:0 in Führung. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte das Team von Trainer Markus Babbel das Spiel gut im Griff. Die Kontertaktik ging auf, es gab keinen Grund, nervös zu werden. Einzig die Torausbeute war wirklich zu kritisieren. „In der ersten Hälfte waren wir besser“, fasste es Patrick Ebert später zusammen, „in der zweiten Hälfte eben Freiburg.“

Genau so war es. Die Defensive bröckelte immer mehr, Hertha verlegte sich immer stärker auf das Kontern und geriet vor dem eigenen Strafraum stark unter Druck. Babbel nahm Stürmer Pierre-Michel Lasogga aus dem Spiel und brachte in Fabian Lustenberger einen Defensivmann – eine unglückliche Entscheidung, denn das Spiel verlagerte sich immer mehr in Richtung Herthas Hälfte. Alleine Torwart Thomas Kraft war es nach mehreren Glanzparaden zu verdanken, dass Hertha das Tor nicht viel früher kassiere. Auf der andere Seite, und auch das gehört zur Geschichte dieses unglaublichen Spiels, hatte auch Hertha vor allem durch Adrian Ramos zweimal freistehend die Gelegenheit, die Führung auszubauen. Beide Male scheiterte er an Torwart Oliver Baumann. „Wir bekommen die Gegentore zu einfach, das ist klar“, analysierte Andreas Ottl, „aber ausschlaggebend war, dass wir unsere Chancen nicht genutzt haben.“ Ähnlich sah es der Trainer: „Am Ende ist das Ergebnis so verdient, aber wir hätten das dritte Tor unbedingt machen müssen.“

Vorwurf an Ramos

So aber gab es kein gutes Ende. Denn die Zeit, die während der Diskussion um das aberkannte Tor verstrichen war, wurde natürlich nachgespielt. Und mit jeder Minute der Nachspielzeit glitten die Berliner in der Abwehr mehr ins Chaos. So sehr, dass in der fünften und letzten Minute wieder Stefan Reisinger in Position war, den Ball bekam und ins Tor schoss. Und damit nach dem Anschlusstreffer (61.) den zweiten Treffer des Tages markierte, obwohl er erst in der 57. Minute eingewechselt worden war. Diesmal unterbrach der Schiedsrichter den Jubel nicht. Hertha hatte in diesem Moment zwei Punkte verschenkt.Und das wussten die Spieler selbst. „Das aberkannte Tor hätte ein Signal für uns sein müssen, dass wir uns noch einmal zusammenreißen“, sagte Ottl, „Jetzt haben wir nur einen Punkt und sind total frustriert.“