US-Nationalmannschaft

Hertha-Talent Morales soll Klinsmann helfen

Für Hertha BSC stand er in der Bundesliga erst zweimal auf dem Platz, doch jetzt winkt die internationale Bühne: Für das Länderspiel gegen Frankreich am kommenden Freitag hat Trainer Jürgen Klinsmann Alfredo Morales in die Nationalelf der USA berufen.

Foto: BM/JÖRG KRAUTHÖFER

Ganz aus heiterem Himmel kam die Einladung dann doch nicht, Alfredo Morales war vorgewarnt worden. Von seinem Trainer Markus Babbel. Der hatte ihm schon erzählt, dass sich Jürgen Klinsmann bei ihm gemeldet und nach ihm gefragt habe – der neue Trainer der Fußball-Nationalmannschaft der USA. Morales, einer aus der hoffnungsvollen Nachwuchstruppe von Hertha BSC, wusste also: Da ist etwas im Busch. Eine angenehme Überraschung war es am Ende natürlich trotzdem, als Klinsmann bei ihm persönlich anrief und ihn in den Kader für die Spiele der Amerikaner am kommenden Freitag in Paris gegen Frankreich und am 15. November in Ljubljana gegen Slowenien einlud. „Er hat einen großen Biss und einen starken Willen“, sagt Klinsmann über seinen neuen Schützling, der zwar eine deutsche Mutter hat und in Wedding zur Welt kam, aber einen Vater aus Peru mit Vergangenheit in der US-Army hat. „Er ist schon lange in unseren Planungen.“ Morales sagt: „Ich freue mich riesig und bin unheimlich stolz.“ Auch wenn er bei Turnieren weiter für Deutschland ist.

Es winkt also die ganz große Bühne, und das ist schon bemerkenswert. Morales ist mit seinen gerade erst 21 Jahren bei Hertha bislang immer nur dritte, bestenfalls zweite Wahl gewesen. Gerade einmal die Erfahrung von zwei Bundesligapartien wird er mit ins Stade de France bringen. Aber, das ist durchaus typisch für Morales: Er ist seiner Zeit etwas voraus.

Klinsmann sucht in Deutschland

Nun ruft also die Nationalmannschaft. Und wer sich Klinsmann und seine Bemühungen derzeit so ansieht, begreift schnell, dass Morales' Einladung kein sportlicher One-Night-Stand werden soll. Es geht ihm um den perspektivischen Aufbau einer WM-Mannschaft für 2014. Dazu lässt der Coach in diesen Tagen einen Lehrgang in Duisburg abhalten, zu dem auch die Hertha-Talente John Anthony Brooks und Jerome Kiesewetter gereist sind. Klinsmann hat bewusst Spieler aus U21 und U23 gemischt, „weil es ganz wichtig ist, dass wir alle in die gleiche Richtung rudern“.

Ohnehin hat Klinsmann einiges in Bewegung gebracht seit seinem Amtsantritt. „Baustellen gibt es viele. Zu viele eigentlich“, sagt er, „Der Verband hat erkannt, dass er neue Wege gehen muss, und das erwartet er jetzt von mir.“ Die Rekrutierung von Spieler wie Morales, die zu einem großen Teil dem Schema „Mutter deutsch, Vater amerikanischer Soldat“ entsprechen, ist ein erster Schritt. Gleich zwölf Spieler mit deutschen Wurzeln nehmen an dem Camp teil. „Wir vermitteln, dass viele Wege in das A-Team führen“, sagt Klinsmann. Dorthin, wo Morales nun also schon ist. Dabei ist das ja nur der Anfang des Plans, denn parallel zur WM-Mannschaft für 2014 baut Klinsmann unter Hochdruck ein U23-Team für die Olympischen Spiele im kommenden Sommer auf. „Ein Traum“, sagt Morales.

Wie wohl auch die Kritiken nach seinem bislang größten Auftritt, in der Partie beim FC Bayern München. Da kam Morales in der 61. Minute ins Spiel, gewissermaßen als Babbels letzter Trumpf, um einer bereits verlorenen Partie wenigstens noch einen Impuls zu geben. Und, wie es dann oft so kommt, war der Youngster der einzige, der Herthas Spiel beim 0:4 ein bisschen Leben einhauchen konnte. „Ich habe einfach versucht, ein bisschen Mut ins Spiel zu bringen“, sagt er rückblickend. Und auf die Frage, wie es denn so war, gegen die Riberys, Schweinsteigers und Lahms dieser Welt anzutreten, entgegnet er unbekümmert: „Das sind alles super Fußballer. Aber die kochen auch nur mit Wasser.“ Worte, die aufhorchen lassen nach seinem gerade erst zweiten Bundesligaspiel. Und die zeigen: Da geht einer zielstrebig seinen Weg. Und das ziemlich schnell. Das Spiel gegen München, meint Morales, „das steht jetzt für immer in der Vita drin“. Ziel erreicht, weitermachen.

Ohnehin ist es recht unterhaltsam, sich die Liste seiner wirklich wichtigen Partien anzusehen. Sein Profidebüt gab er in der Vorsaison in der Zweiten Liga ebenfalls in München, allerdings gegen 1860. Und weil es der Zufall so wollte, hat er bislang tatsächlich nur zwei Partien im Olympiastadion absolviert. Jetzt wünscht er sich einen Bundesligisten, denn „im Olympiastadion habe ich bislang ja nur gegen Fortune Düsseldorf und gegen Real Madrid gespielt“. Nur. Wieder so ein Punkt, der zeigt, wie zielstrebig Morales vorgeht. Denn welcher Spieler kann schon von sich behaupten, in seinen ersten fünf großen Spielen gleich gegen die Bayern und die teuerste Mannschaft der Welt gekickt zu haben?

Überhaupt ist es eine Lebensphase für den jungen Mann, die besser wohl nicht laufen könnte. Erst kürzlich bestätigte er, dass auch privat wichtige Ereignisse anstehen. Zunächst wird er am 27. Dezember seine Freundin Nadja heiraten, mit der es „einfach passt, obwohl wir erst seit zwei Jahren zusammen sind“, wie er sagt. Und dann, als ob das nicht reichen würde, erwarten die beiden im Frühjahr ihr erstes Kind. Ob es ein Junge oder Mädchen wird, ist noch unklar. „Ich hätte gerne einen Jungen, meine Verlobte lieber ein Mädchen“, meint Morales. Wo andere in seinem Alter noch um die Häuser ziehen und sich ansonsten fragen, ob sie nun Philosophie oder lieber Anthropologie studieren sollen, scheint in der Familie Morales bereits alles für die Zukunft geregelt zu sein.

Führungsspieler bei den Amateuren

Bleibt die Frage, warum es bei all der Euphorie ausgerechnet bei Hertha noch nicht so rund läuft. Er selbst sieht das gar nicht so. „Ich bin mit meinem Verlauf zufrieden, ich habe alle Jugendstufen durchlaufen“; sagt er und fügt an: „So ist es ja auch richtig.“ Allein das Training mit den Profis habe ihn bereits viel besser gemacht. Diese Dankbarkeit sieht man ihm an, Morales wirkt immer wie ein Junge, dem man einen Ball auf den Schulhof geworfen hat. Und der Angst hat, die große Pause könnte zu schnell vorbei sein. Schnell und wuselig agiert er, trotzdem aggressiv und torhungrig.

An sich ist es paradox, dass sie bei Hertha bislang keine rechte Verwendung für ihn gefunden haben. Kaum ein Spieler ist so multitalentiert wie er. Neulich, in einem Spiel der U23, begann er als Zehner – und rückte in die Innenverteidigung, als es eine Rote Karte gab. Er kann auch Außenverteidiger spielen oder gleich auf dem Flügel oder als Sechser. Herthas U23-Trainer Karsten Heine lobt: „Er ist sehr ballsicher und kreativ, er kann überall spielen.“ Was auch ein Nachteil sein kann, wenn sich einer nicht festlegt. Morales aber entgegnet selbstbewusst: „Ich brauche nicht lange, um mich anzupassen.“ Ähnlich sieht es Altstar und U23-Mitspieler Andreas „Zecke“ Neundorf. „Er hat inzwischen viel kürzere Tiefphasen als früher“, sagt er. Und einen schlechten Tag hat ja nun jeder mal. Nicht umsonst hat er bei den Amateuren eine Führungsrolle. Und zwar gegenüber Spielern, die deutlich älter sind als er. Auch das ist wieder so eine Geschichte. „Kein Problem“, sagt Morales, „das kommt alles mit der Zeit.“ Eine bemerkenswerte Sicht auf die Dinge bei dem Tempo, das er ansonsten so vorlegt.

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