Neu-Berliner

Kraft hat sich im ICE-Tempo im Hertha-Tor etabliert

Er hat sich durchgesetzt: Neuzugang Thomas Kraft ist bisher die klare Nummer 1 im Tor von Hertha BSC – und überzeugt dabei. Bei seinem vorherigen Verein Bayern München hieß es noch, dass er zu kurz geraten sei.

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Graues Poloshirt, Jeans, Kapuzenjacke – Thomas Kraft verbringt seinen freien Tag in Freizeit-Kleidung, nimmt aber trotzdem einen Diensttermin mit Morgenpost Online und dem „Querpass“ auf „tv berlin“ wahr. „Versprochen ist versprochen“, sagt der Torwart von Hertha BSC zur Begrüßung.

Der Aufenthalt vor Fernseh-Kameras ist ihm aus seiner Zeit beim FC Bayern bekannt, Kraft wurde dort von 2004 bis in den vergangenen Sommer ausgebildet. Dazu gehörte eine Medien-Schulung. Doch im Scheinwerferlicht des Studios geht es Kraft eher defensiv an. Auf dem Platz, sei es beim Training oder im Olympiastadion, fühlt sich Kraft wohler.

Dennoch darf man staunen. Kraft gibt die Nummer 1 mit einer Selbstverständlichkeit, als habe er nie etwas anderes gemacht. Der Neue hat sich in der Sommervorbereitung klar gegen Aufstiegstorwart Maikel Aerts und Sascha Burchert durchgesetzt . Bei allen zwölf Bundesliga-Partien stand Kraft in der Startelf. Damit hat er binnen drei Monaten seine Zahl der Bundesliga-Einsätze verdoppelt auf 24.

Beim FC Bayern war Kraft zu Jahresbeginn Spielball im großen Kräftemessen zwischen dem damaligen Trainer Louis van Gaal und Präsident Uli Hoeneß. Der zuvor unbekannte Torwart machte seine Sache in der Liga und der Champions League gut, musste aber nach zwei Patzern als Begründung herhalten, warum die Bayern sich von dem selbstbewussten Niederländern trennten.

Keine Chance gegen Neuer

Mit der Verpflichtung von Manuel Neuer war abzusehen, dass Kraft in München nicht spielen würde. Unter diversen Angeboten entschied sich Kraft für Hertha. „Nicht als Sprungbrett, sonst hätte ich hier keinen Vertrag bis 2015 unterschrieben. Hertha ist ein toller Verein, bei dem sich gerade etwas entwickelt. Ich möchte gern Teil dieser Entwicklung sein.“ Nun gibt es in der Fußball-Branche keinen Automatismus, dass ein Wechsel funktioniert.

Man darf sich nicht täuschen lassen: So unaufgeregt Kraft in Berlin den Eindruck vermittelt, er lebe seit Jahren mit dem Status der Nummer 1 – er macht eine Entwicklung im ICE-Tempo durch. Die Wahrheit ist: Bei Hertha ist Kraft zum ersten Mal Stammtorwart in der Bundesliga.

Gelernt von Kahn

Als regelmäßiger Trainingsgast an der Seite von Oliver Kahn hat er gelernt, dass Härte dazu gehört. Auch sich selbst gegenüber. So biss Kraft nach einer Knöchelverletzung, die er sich in der Woche vor dem Saisonstart zugezogen hatte, auf die Zähne. Andere Profis wären für zehn Tage ausgefallen, Kraft stellte sich ins Tor.

Zum Ethos der Schlussmänner gehört: keine Schwäche zeigen. Selbst als ihm in Bremen einen haltbarer Ball durch die Hände ins Tor rutschte, blieb Kraft ruhig. Für Jürgen Milewski ein klares Zeichen von Qualität. Der ehemalige Herthaner (1978 bis 1980), mittlerweile Berater von Kraft, sagte: „Eine starke Nummer 1 ist jemand, der Fehler akzeptieren kann und nicht anfängt zu flattern.“

Auch Kritik von Personen, die ihn kennen, wirft Kraft nicht aus der Bahn. So hatte Hermann Gerland, jahrelang sein Trainer bei den Bayern-Amateuren, gelästert: „Bayern München braucht den besten Torhüter Deutschlands, das ist Manuel Neuer. Daran ist auch Louis van Gaal gescheitert. Er wollte Thomas Kraft als besten Torhüter Deutschlands aufbauen, aber Länge kannst du nicht trainieren.“

Nun ist Kraft mit 1,87 Metern nicht direkt klein geraten. Er schmunzelt über seinen Ex-Chef: „Ach, der ,Tiger’ (Spitzname von Gerland /Anm.d.Red.), der haut schon mal einen Spruch raus. Aber das hat er nicht böse gemeint.“ Im Übrigen sei er mit seiner Größe „natürlich nicht zu klein für einen Torwart“. Kraft ist jemand, der sich nicht so beeindrucken lässt. Nicht von Kameras und Mikrofonen, nicht davon, dass Fußball-Profis zu allen möglichen Themen befragt werden. „Ich konzentriere mich auf meine Arbeit. Alles andere versuche ich auszublenden“, beschreibt er seinen Tunnelblick, mit dem er durch die Medien-Sportart Fußball geht.

Die Herausforderung als Torwart ist Fluch und Segen zugleich. Er ist der letzte Mann, der Fehler der Vorderleute ausbügeln kann. Und zum Matchwinner werden kann – siehe die Superparade von Bayern-Keeper Neuer in Augsburg.

Oliver Kahn als Vorbild

Oder der „Torwarttrottel“, der die Arbeit des Teams ruiniert. Kraft sagt: „Ja, als Torwart hat man einen gewissen Druck. Aber ich versuche das nicht an mein wirkliches Ich heranzulassen.“ Auch die Aufgeregtheiten der Branche wehrt er ab. Den Zirkus, dass nach jeder Niederlage der Abstieg drohe und nach jedem Sieg ein neues Saisonziel her soll, am liebsten die Champions League, macht er nicht mit. „Wir sind Aufsteiger. Mit 16 Punkten stehen wir ordentlich da. Aber unser Ziel ist: Wir wollen die Bundesliga halten.“

So ruhig er auftritt – unter der Oberfläche lodern die Emotionen. Nach dem Gladbacher Tor zum 1:2 am Samstag , bei dem Kraft einen Schuss von Arango pariert hatte, aber keiner der Kollegen sich um Marco Reus kümmerte, der den Ball ins Hertha-Tor jagte , trat Kraft wütend gegen den Pfosten. Ihn treibt an, was er in seiner Jugendzeit bei den Bayern mitgenommen hat, als er voller Ehrfurcht bei Oliver Kahns Training zuschauen durfte: „Was mich am meisten beeindruckt hat, war dieser unbändige Wille.“ Nur der Vollständigkeit halber sei angemerkt: „Torwart-Titan“ Kahn ist 1,88 Meter groß.

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