Trainingslager im Allgäu

Der Kampf um Herthas Nummer eins ist eröffnet

Herthas neuer Torhüter Thomas Kraft ist kein Typ, der ins Plaudern kommt: Ebenso präzise wie in seinen Antworten, will er sich auch auf dem Rasen präsentieren. Im Trainingslager geht der Konkurrenzkampf mit Platzhirsch Aerts jetzt richtig los.

Foto: Bongarts/Getty Images

Sucht man einen, hat man eigentlich immer alle Drei im Blick: Die Rede ist von den Torwarten von Hertha BSC. Das Interesse fokussiert sich auf Thomas Kraft (22), den Neuen, der ablösefrei vom FC Bayern gekommen ist. Wenn Kraft im Trainingslager im Allgäu auf der Seite liegt, ist es Maikel Aerts (35), der ihm die Bälle zuschießt, so dass Kraft sie gerade noch so erreichen kann. Herthas Nummer eins der Aufstiegssaison prüft den Neuen. Minuten später ist es Kraft, der dem am Boden liegenden Sascha Burchert (21) die Bälle zuspielt. Auch Manager Michael Preetz weist darauf hin, dass es nicht nur um einen Zweikampf geht: „Vergesst mir Sascha Burchert nicht. Das ist ein Konkurrenzkampf um drei Positionen. Wer wird die Nummer eins, wer die zwei, wer die drei? Das Leistungsprinzip greift. Am Ende wird der Beste spielen.“

Nun wird allgemein erwartet, dass der Sieger in diesem Rennen schon feststeht: Kraft, der beim Rekordmeister in München unverschuldet zum Politikum geworden war. Der Youngster hat spektakuläre Spiele in der Bundesliga und der Champions League abgeliefert hat. Aber zwei Fehler (in Hannover und Nürnberg) kosteten nicht nur ihn seinen Platz im Tor, sondern seinen Förderer Louis van Gaal den Trainer-Job beim FC Bayern.

Keine Stammplatzgarantie

Es dürfte noch nie in der Bundesliga-Historie über einen Profi mit gerade zwölf Erstliga-Einsätzen so viel geschrieben worden sein wie über Kraft. Eine intensive Lektion gleich zum Beginn seiner Profi-Karriere: „Man kann daraus lernen, wie man persönlich mit den Medien umzugehen hat. Und man kann lernen, was die Medien aus einem machen können“, erzählt Kraft im Trainingslager seines neuen Arbeitgebers.

Er hätte in München mit jedem anderen Torwart den Konkurrenzkampf aufgenommen, außer mit Manuel Neuer, den er zu den zwei, drei besten Torhütern der Welt zählt. „Weil da der Ausgang klar gewesen wäre.“

Kraft hat sich für den Wechsel entschieden, in seinem Alter sei Spielpraxis wichtig. Neben anderen hatte sich der Hamburger SV um ihn bemüht. Doch Kraft hat sich für Hertha entschieden und geht die Aufgabe selbstbewusst an: „Ich bin gekommen, um zu spielen.“ Gleichwohl ist ihm klar, dass es keine Stammplatz-Garantien gibt. Kraft beschreibt das Verhältnis zu den Rivalen Aerts und Burchert als „gut. Da wird es keine Probleme geben“.

Beim FC Bayern wird von Kraft-Nachfolger Neuer erwartet, dass er für eine neue Torwart-Ära steht, wie einst Sepp Meier, Jean-Marie Pfaff oder Oliver Kahn. Hertha hat sich nach der Rückkehr in die Bundesliga im Tor neu aufgestellt. Gut möglich, dass Kraft derjenige ist, der eine neue Torwart-Ära in Berlin begründet, wie es sie zuletzt unter Gabor Kiraly (und mit Abstrichen bei Christian Fiedler) gegeben hat. Immerhin hat Kraft einen Vier-Jahres-Vertrag bei Hertha unterschrieben. Er ist ein moderner Torwart. Dass er beidfüßig spielen kann, versteht sich von selbst. Ebenso, dass der Schlussmann von heute für eine gute Spieleröffnung zuständig ist. Kraft: „Ein Torwart muss heute der elfte Feldspieler sein.“

Doch in Dimensionen einer Ära denkt Kraft nicht. Ob es um Ambitionen für die Nationalmannschaft geht, um mittelfristige Perspektiven bei Hertha – Kraft winkt ab und betont: „Wir sind als Aufsteiger gut beraten, uns auf das Ziel Klassenerhalt zu konzentrieren. Alles andere macht im Moment keinen Sinn.“

Gelassen, aber fokussiert

Im Gespräch während der Mittagspause im Garten des Mannschaftshotels macht Kraft einen gelassenen, aber fokussierten Eindruck. Er ist kein Typ, der ins Plaudern kommt, sondern einer, der klar und präzise antwortet. Zufall oder nicht, seine Antworten leitet er ein mit der Oliver-Kahn-Floskel „Ja gut, ich sag’ mal“. Bei den Hertha-Verantwortlichen ist seine professionelle Einstellung schon aufgefallen, noch ehe der erste Ball beim Trainingsauftakt gespielt worden war. Am Montag vor dem Aufgalopp bei Hertha hatte Kraft den Möbelwagen in München bestellt. Am Dienstag war sein neues Domizil mit Ehefrau Denise am Wannsee bezogen. Am Mittwoch hat er sich mit seinen beiden Rottweilern im Grunewald umgeschaut. „Und am Samstag ist Thomas bereits als Berliner entspannt zum Trainingsstart erschienen“, berichtet Manager Michael Preetz.

Zu den ersten zehn Tagen bei seinem neuen Arbeitgeber sagt Thomas Kraft, dass ihm auffällt, dass bei Hertha sehr intensiv und auch fokussiert gearbeitet wird. Das Torwarttraining von Christian Fiedler sei anders als jenes, das er in München kennengelernt habe. „Aber es gefällt mir gut. Am Ende sind die Trainingsinhalte ähnlich, aber sie werden halt immer anders verpackt.“

Ob Kraft oder Aerts oder Burchert, wer die Nummer eins wird und wer sich dahinter wo sortiert – alle Beteiligten werden sich etwas gedulden müssen, bis sie ihren Platz im Kader kennen. Trainer Markus Babbel wird sich nicht rasch festlegen: „Jeder Torwart bekommt seine Einsatzzeiten, weil das wichtig ist. Dann werden wir eine Entscheidung treffen. Aber sicher nicht in dieser und auch nicht in der nächsten Woche.“