Ex-Trainer

Favre tritt als "Chef" gegen Hertha an

522 Tage war Lucien Favre nach seiner Entlassung bei Hertha ohne Job. Jetzt trainiert er Borussia Mönchengladbach - mit großem Erfolg. Nach Berlin reist der Schweizer mit einem ganz neuen Selbstbewusstsein.

Neulich ist Lucien Favre beim DVD-Studium in seinem Arbeitszimmer etwas ins Auge gefallen, das genau so auch früher oft zu bestaunen war, aber wofür er niemals auch einen Blick hatte. Beim Abendessen hat er seiner Frau Chantal dann davon erzählt: Hertha BSC, der ehemalige Verein des Trainers von Borussia Mönchengladbach, spielte im Olympiastadion gegen den 1.FC Köln – und wie es während der Partie zu dämmern begann, war durch das Marathontor die untergehende Sonne zu sehen, und wie sie den Himmel in ein leuchtendes Glutorange tauchte.

Wunderschön sei das Farbenspiel gewesen, schwärmt Favre, aber wahrscheinlich wird er Sonnabend (15.30 Uhr, Sky live und hier im Live-Ticker von Morgenpost Online ) wieder keinen Blick dafür haben. Dann, drei Tage nach seinem 54. Geburtstag am Mittwoch, kehrt Favre ins Olympiastadion zurück – etwas mehr als zwei Jahre nach seiner Entlassung beim Hauptstadtklub zum ersten Mal. Den sich daraus ergebenden emotionalen Stellenwert der Partie mag Favre nicht zu hoch hängen. Drei Punkte sind sein Ziel – wie in jedem anderen Spiel auch: „Wir müssen uns Woche für Woche vor Augen führen, wo wir herkommen“, sagt er. 20 Punkte hat seine Mannschaft auf diese Weise erspielt, sie ist Tabellenfünfter der Fußball-Bundesliga. Nachdem am Ende der vergangenen Saison Platz 16 stand und der Klassenerhalt erst via Relegation gesichert wurde, berechtigte die aktuelle Konstellation am Saisonende zur Teilnahme an der Europa League.

Zwar mahnt Favre zu anhaltender Bescheidenheit. Aber ausschließen, dass es tatsächlich so kommt, mag auch er nicht. Das ist wesentlich, denn die Zeiten, in denen Favre ein Zauderer, ein Bremser, ein „unendlich Unbefriedigter“ gewesen ist, wie sein früherer Spieler Sebastien Fournier es einmal formulierte, sind Vergangenheit. Es habe sich „viel geändert bei mir“, behauptet Favre. Auffällig sind seine noch mal deutlich verbesserten Sprachkenntnisse. Regelrecht flüssig ist nun das Deutsch des Mannes aus dem französischsprachigen Teil der Schweiz. Entsprechend „aufgeschlossener und kommunikativer“ sei er nun als Trainer, sagt Favre: „Ich bin ein richtiger Chef geworden.“

Vielleicht war es gerade die neu erworbene Fähigkeit zum Positivdenken ihres Trainers, die die Borussia im Mai den Abstieg hat verhindern lassen. Auch als die Lage im Endspurt der vergangenen Saison bei bis zu sieben Punkten Rückstand wahrlich aussichtslos erschien, habe ihr Mann „immer versichert: ‚Ja, ja, ja – wir schaffen das'“, erzählt Chantal Favre. Zwar habe dann mitunter auch sie nicht gewusst, woher Favre seinen seltsamen Optimismus bezog. Aber er klang so überzeugt“, sagt sie, „ich dachte, er wird schon am besten Bescheid wissen.“

Spätestens mit dem erfolgreichen Abschluss der Mission Klassenerhalt hat Lucien Favre in Mönchengladbach neue Begeisterung rund um die traditionsreiche Borussia geweckt. Er genießt die Huldigungen, die das Publikum ihm entgegenbringt. Den Beinamen „Hennes“ hat Favre verpasst bekommen, es ist eine Hommage an den legendären Trainer Hennes Weisweiler. Ihn hatte Favre 1983 persönlich kennen lernen dürfen, als der Deutsche bei Grashoppers Zürich arbeitete und Favre für Genf-Servette spielte. „Er hat mich den ‚besten Schweizer Fußballer zu der Zeit' genannt“, erzählt Favre – für einen Fußballromantiker wie ihn war das schon damals wie ein Ritterschlag.

Pressekonferenz als Fehler

In der Gegenwart ist Mönchengladbach nahezu perfekt für einen wie Favre. Vor dem Städtchen am Niederrhein mit seinen 25.0000 Einwohnern hatte er das in jeder Hinsicht einzigartige Berlin erlebt. Dort hat ihn und seine Frau damals beeindruckt, „dass überall Geschichte ist“, und Geschichte hätte fast auch Favre mit Hertha geschrieben. 2008/09 führte er die Berliner in der Bundesliga auf Platz vier, nachdem zwischenzeitlich sogar Träume vom ersten Meistertitel seit 78 Jahren gereift waren. Im Herbst desselben Jahres wurde er entlassen. Über die genauen Gründe der Trennung „nach zweieinhalb schönen Jahren“ mag Favre nicht mehr sprechen. Aber er sieht es als erwiesen an, dass nicht nur sportliche Faktoren ausschlaggebend waren. Es war eine Zeit, zu der bei Hertha sehr unübersichtlich paktiert wurde: Gerade noch Verbündete (gegen Ex-Manager Dieter Hoeneß) wurden quasi übergangslos zu Gegnern.

Nach seiner Beurlaubung durch Manager Michael Preetz, mit dem Favre seither kein Wort gesprochen hat, lud er zu einer spektakulären Pressekonferenz ins vornehme Hotel Adlon am Brandenburger Tor . Dass er zu der Zeit von Ratgebern fremdgesteuert war, die nicht sein, sondern ausschließlich ihr eigenes Wohl im Blick hatten, hat Favre erst später realisiert. Seine von Dritten vorformulierte Abrechnung mit Hertha mündete in eine fristlose Kündigung. „Ein Fehler und eine Katastrophe für mich“, sei sein legendärer Auftritt gewesen, sagt Favre inzwischen. Andernfalls, glaubt er, hätte er schon viel früher wieder Arbeit gefunden. So aber vergingen 522 Tage ohne Anstellung.

Er „habe büßen müssen“, resümiert Favre, aber seine Zufriedenheit mit der Gegenwart ist in jedem Moment zu spüren. Es gefällt ihm an seinem neuen Arbeitsplatz, und dieses Wohlfühlen ist ganz wesentlich für einen wie ihn. Die Magie des Namens Borussia trieb Favre vom ersten Tag an mit größtmöglichem Eifer in die Arbeit. Nicht er selbst und schon gar nicht dieser geschichtsreiche Klub sollten in der Zweiten Liga landen, schwor er sich. Und wo es zuvor hieß, er, Favre, sei als Trainer alles, nur kein Feuerwehrmann, da hat er der personell beinahe unveränderten Mannschaft im Rekordtempo Strukturen verliehen. Bis dahin 57 Gegentoren folgten bis zum letzten Spieltag nur noch weitere neun. Schon damals konnte mit diesem Wert nur Meister Borussia Dortmund mithalten. Der Trend hat den Sprung ins neue Spieljahr überdauert. In insgesamt 23 Ligaspielen unter Favre ließ Mönchengladbach nur 19 Gegentore zu – so wenige, wie sonst im selben Zeitraum nur der FC Bayern.

Offensiv ist das Spiel der Borussia nicht immer spektakulär. Gerade auswärts wurden erst zwei Treffer erzielt – beide genügten zu 1:0-Siegen, aber beide schoss der derzeit wieder mal verletzte Igor de Camargo. Dessen ungeachtet sagt Mittelfeldspieler Marco Reus: „Unsere Taktik ist unglaublich. Ich glaube nicht, dass es Spaß macht, gegen uns zu spielen.“ Dabei, fügt Favre an, würden seine Spieler doch noch immer nur unzureichend erkennen, über welch große Fähigkeiten sie alle zusammen verfügten.

Denn kein Wunder sei der Aufschwung der schon totgesagten Borussia, sondern nur das Ergebnis harter Arbeit und ein paar wesentlicher Korrekturen. Sie hätten schlichtweg „vom ersten Tag an überragend trainiert“. Aus dem Bauch heraus entschied Favre außerdem Anfang April, den unerfahrenen Marc-Andre ter Stegen (damals 18) an Stelle des nervösen Logan Bailly ins Tor zu stellen. Über ter Stegen, der in seitdem 18 Bundesligaspielen nur zweimal mehr als ein Gegentor hat hinnehmen müssen, sagt Favre, er sei nicht einfach einer von vielen herausragenden jungen deutschen Torhütern: „Er ist der Beste!“

Eine solche Hervorhebung eines einzelnen Spielers hätte Favre zu Berliner Zeiten unter keinen Umständen gewagt. Jetzt sagt er nur, dass er doch nicht gegen seine Überzeugung handeln könne.

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