Torwartfrage

Kraft läuft Aerts bei Hertha den Rang ab

Der Kampf zwischen Maikel Aerts und Thomas Kraft um den Platz in Herthas Tor scheint endlich ein Ende zu haben. Nachdem sich Aerts im Herbst einen Kreuzbandanriss zuzog, überholte ihn Ersatzkeeper Kraft.

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Als die Mannschaft in Zürich für den Flug nach Berlin eincheckte, fehlte Markus Babbel. Der Trainer hatte sich in der Nacht zuvor, unmittelbar nach dem 0:3 gegen den FC Basel, auf den Weg nach München zu seiner Familie gemacht.

Davor war Babbel nach zwölf Tagen harter Arbeit im Trainingslager in Oberstaufen und Solothurn in Rage gewesen. Nach der dritten Testspielniederlage binnen vier Tagen sagte er: „Das ist mir viel zu leicht. Wie schon gegen Bern und Zürich haben wir auch gegen Basel zu einfache Gegentore bekommen. Selbst wenn du müde bist, darf das nicht passieren. Wir decken im eigenen Strafraum den Raum und nicht den Mann. Das ist Kreisklasse A.“

Der Bundesligaaufsteiger hat sich im Allgäu und der Schweiz geschunden. Ist täglich 7.30 Uhr gejoggt, hat Baumstämme geworfen, und die vier Neuen wurden unter anderem bei einem Hüttenabend auf 1225 Meter Höhe zu bayerischer Musik integriert. Doch nach drei Niederlagen gegen Young Boys Bern (2:4), den Grasshopper Club Zürich (0:2) und eben Basel beschlich Beobachter sowie den Hertha-Tross das bange Gefühl: Reicht das für die erste Liga? Oder können die Resultate mit dem Verweis darauf erklärt werden, dass die Saison in der Schweiz in fünf Tagen beginnt, während sie in Deutschland erst in knapp vier Wochen startet? Tunay Torun, der vom Hamburger SV gekommene Stürmer, sagte: „Ich bin nicht beunruhigt. Besser wir verlieren in der Vorbereitung dreimal als in der Bundesliga.“

Richtig scheint jedoch, die Ergebnisse nicht nur mit einem ratlosen Schulterzucken durchzuwinken. Weil sich wiederkehrende Muster zeigen, die nahelegen, dass die blau-weiße Welt noch nicht so ist, wie sie sein sollte.

• Planung

Mit zwölf Tagen ist das erste von zwei Trainingslagern relativ lang ausgefallen. Die ersten acht Tage in Oberstaufen/Bayern waren ebenso normal wie das Programm. Das halten alle Profivereine so oder ähnlich. Was jedoch schon vor der Abreise erstaunte, war die Anzahl der Testspiele: In zehn Tagen (ohne An- und Abreisetag) bestritt Hertha fünf Partien, allein drei in den letzten vier Tagen.

Trainer Babbel gab zu: „Im Prinzip kommen die Spiele gegen die Schweizer für uns zu früh.“ Doch dahinter stehen wirtschaftliche Notwendigkeiten. Mit der Gage vom Uhren-Cup, geschätzt 125.000 Euro, finanziert Hertha sowohl die beiden Trainingslager (das zweite findet vom 17. bis 25. Juli in Bad Waltersdorf im Burgenland statt). Im Nachhinein sagte Markus Babbel: „Wir können jetzt natürlich diskutieren, ob dieses Turnier für uns Sinn gemacht hat. Der Wechsel vom Allgäu in die Schweiz mit einer Busfahrt von drei Stunden, das ist von der Vorbereitung her alles andere als optimal.“

•Nummer eins

Die Zeit von Maikel Aerts (35) in Berlin trägt tragische Züge. Im vergangenen Herbst setzte ein Kreuzbandanriss den Torwart außer Gefecht. Im Februar hatte er eine Formkrise. Nicht zufällig verpflichtete der Verein im Sommer Thomas Kraft (22) vom FC Bayern München, eine der großen deutschen Torwarthoffnungen.

Aerts hatte sich sehr gut vorbereitet auf das Duell, freiwillig wollte der Aufstiegstorwart seinen Platz keinesfalls hergeben. Doch bei seinem ersten ernsthaften Einsatz lief alles schief. Nach drei Minuten erwischte Aerts eine Flanke, die er fausten wollte, nicht richtig. Nach 33 Minuten verursachte er einen Elfmeter, weil er zu unentschlossen dem Stürmer entgegen ging – 0:1. Kurz vor der Pause hatte Aerts Glück, dass sein nächster Fehler – ein Abschlag wurde von einem Angreifer geblockt, der einen Meter vor ihm stand – nicht zum nächsten Gegentor führte. Nach 57 Minuten musste Aerts für Kraft Platz machen. Aerts hatte sich vor der Partie gegen Basel noch extra eine Spritze geben lassen und Tabletten genommen, um spielen zu können. Am Ende gab er seine Fehler zu: „Beim Elfmeter komme ich zu spät. Es war zu merken, dass wir alle nicht frisch sind, körperlich nicht und im Kopf nicht.“

Zumindest Kollege Kraft machte da eine Ausnahme. Mit drei spektakulären Paraden sowie einem blitzschnellen Entgegengehen gegen die Basler Sturmreihe sorgte der Zugang dafür, dass Hertha gegen den Schweizer Meister kein Desaster erlebte. Es sieht so aus, als habe Aerts Ehrgeiz im falschen Moment gezeigt. „Ich habe Maikel gefragt, ob er spielen kann“, sagte Trainer Babbel. „Er ist ein erwachsener Mensch, hat Ja gesagt. Im Nachhinein war das ein Fehler.“ Im Kampf um die Nummer eins im Hertha-Tor hat Maikel Aerts entscheidende Meter verloren, während Thomas Kraft den Ruf, der ihm vorauseilt, eindrucksvoll bestätigt hat.

•Linke Abwehrseite

Am Sonnabend bei der Niederlage in Zürich hatte der Trainer Levan Kobiashvili (34) noch in Schutz genommen. „Wenn er nicht so müde ist, macht ‚Kobi’ so einen Fehler in 100 Jahren nicht.“ Gegen Basel sah der Georgier bei zwei Gegentoren erneut nicht gut aus. Kobiashvili ist ein feiner Fußballspieler, aber er gerät immer wieder in Situationen, in denen ihm die Schnelligkeit für den rasanten, modernen Fußball zu fehlen scheint. Auch Ersatzmann Ronny machte es nicht besser. Der Brasilianer (Babbel: „Er ist von Haus aus ohnehin kein Laufwunder“) wurde gegen Bern in der zweiten Hälfte regelrecht hergespielt. Talent Nico Schulz war wegen einer Virusinfektion erst gar nicht mit ins Trainingslager gereist. Derzeit vermittelt die linke Abwehrseite nicht den Eindruck von Bundesliga-Tauglichkeit. Insofern ist es kein Zufall, dass Manager Michael Preetz ein ums andere Mal bestätigt, dass Hertha großes Interesse an einer Verpflichtung von Malik Fathi hat, der noch bis Jahresende bei Spartak Moskau unter Vertrag steht.

•Sturm

Im Vorwärtsgang haperte es insgesamt in den Spielen. Tunay Torun verwies jedoch darauf, dass die Mannschaft viel an der Fitness, aber relativ wenig an der Taktik gearbeitet habe. Spielzüge und Laufwege werden ein Schwerpunkt im zweiten Trainingslager sein. Nicht gelöst indessen hat sich das Dilemma von Rob Friend. Der teuerste Einkauf der Vorsaison wirkt auch in dieser Vorbereitung extrem motiviert, er rackert und macht. Ohne torgefährlich zu sein.

22 Treffer hat Hertha in den Tests erzielt, Friend ging trotz bester Möglichkeiten leer aus. „Ich hatte gehofft, dass der Urlaub ihm hilft, mal richtig abzuschalten. Aber Rob wirkt wieder blockiert“, sagte Trainer Babbel. Es fällt schwer zu glauben, dass Friend der Mannschaft in der Bundesliga helfen kann. Seine Position als dritter Stürmer (nach Adrian Ramos und Pierre-Michel Lasogga) ist aber eine wichtige. Realistisch gesehen hat Hertha Bedarf und sollte bis zum Ende der Transferperiode noch einen torgefährlichen Angreifer verpflichten.

•Vertrauen

Nach drei Wochen intensiver Vorbereitung ist eine müde Mannschaft normal. Selbst drei Niederlagen sind kein Grund, zu diesem Zeitpunkt auf den Alarmknopf zu drücken und alles in Frage zu stellen. Aber die sportliche Leitung weiß, dass die Mannschaft nach der vielen Arbeit nun mit einem faden Gefühl in die zwei trainingsfreien Tage geht. Sie wird schauen, ob Manager Preetz es schafft, die Mannschaft trotz schwieriger wirtschaftlicher Lage zu verstärken. In8tuitiv wusste auch Trainer Babbel, dass er kämpfen muss. „Ich hoffe, dass die Mannschaft mir vertraut. Dass sie weiß, dass wir das Richtige machen.“

Auch im Vorjahr hat Hertha in der vergleichbaren Phase Niederlagen kassiert, damals gegen unterklassige Teams wie RB Leipzig und Rot-Weiß Erfurt. Am Ende ist Hertha jedoch souverän als Zweitligameister aufgestiegen. Zugleich wissen alle: Die Bundesliga ist ein ganz anderes Pflaster als die Zweite Liga.