Es gibt so einige Ziele, die sich Hertha BSC in dieser Saison gesetzt hat. Offizielle, aber auch solche, die sich erst in der laufenden Spielzeit ergeben haben. Ein neuer Zuschauerrekord gehört auch dazu. 60.000 Fans erwartet der Klub am Sonnabend im Olympiastadion zur Partie gegen Borussia Mönchengladbach (15.30 Uhr, Sky live und hier im Live-Ticker von Morgenpost Online ), das sind so viele wie seit vielen Jahren nicht mehr gegen die Mannschaft vom Niederrhein. Der Rekord rückt immer mehr in greifbare Nähe.
Auch die anderen Umstände versprechen ein Fußballfest. Nach dem Sieg in Wolfsburg ist die Stimmung gelöst beim Berliner Bundesliga-Aufsteiger, und sogar das Wetter soll mitspielen: Sonne und bis zu 13 Grad warm. Mit Mönchengladbach reist zudem ein Gegner an, den Hertha nur zu gerne im Olympiastadion zu Gast hat: Seit dem Aufstieg 1997 gab es zehn Heimpartien, davon gewann Hertha sechs. Nur ein Spiel ging verloren, und torreich ging es immer zu. 24 Treffer gelangen alleine den Berlinern.
Wiedersehen mit Ex-Trainer Favre
Kein Wunder, dass auch Trainer Markus Babbel schon vor Anpfiff ins Schwärmen geriet: „Wenn ich höre, dass wir schon über 50.000 Karten verkauft haben, muss das auch mal Kräfte freisetzen, um ohne Hemmungen zu spielen, einfach mit Spaß. Das muss uns Power geben“, sagte er.
Tatsächlich ist die Partie eine ganz besondere, nicht nur, weil es gegen Herthas Ex-Trainer Lucien Favre geht. Vielmehr treffen in Gladbach, derzeit Tabellenfünfter, und Hertha (Platz zehn) die beiden Überraschungsteams der Liga aufeinander. Mit einem Sieg könnte Hertha den Abstand zu den Abstiegsrängen entscheidend vergrößern. Oder, je nach Sichtweise, den Rückstand auf die Europapokal-Plätze ein gutes Stück verringern.
Europa – wie verführerisch das klingt, besonders nach dem bitteren Jahr in der zweiten Liga. Und wie gefährlich.
Hohe Ziele fördern die Motivation
Denn natürlich wäre es total vermessen, gleich nach neuen Zielen zu rufen. Das werden die Verantwortlichen des Klubs, der sich mit überzogenen Erwartungen bekanntlich bestens auskennt, öffentlich auch nicht tun. Und doch stellt sich die Frage, ob der ständige Blick auf die untere Hälfte der Tabelle dem aktuellen Stand überhaupt noch angemessen ist. Denn: Eine Mannschaft will auch gefordert sein.
„Eine Zielsetzung hat vor allem die Aufgabe, Energie freizusetzen“, erklärt Jürgen Beckmann, Professor für Sportpsychologie an der TU München , „ein schwierig zu erreichendes Ziel fördert die Motivation, das ist nachgewiesen.“ Sein Credo: Ein Ziel muss zwar realistisch sein, Tiefstapelei aber schadet der Leistung. „Wenn du ein Ziel zu lange beibehältst, bekommst du die Kurve irgendwann nicht mehr“, mahnt er.
Ist ein bisschen Träumen von höheren Regionen der Tabelle also eigentlich Pflicht? Ein Blick in die Historie zeigt: Jein. Da ist zum einen die Erkenntnis, dass es in den vergangenen Jahren stets Außenseiter gab, die überraschten. So wie Hannover und Mainz in der Vorsaison.
Auf der anderen Seite steht das Beispiel von Eintracht Frankfurt, die das Kunststück vollbrachte, mit 26 Punkten zur Winterpause noch abzusteigen. Nur: Überraschungsmannschaften haben meist nur einen Versuch. Insofern sollte auch Hertha versuchen, die Gunst der Stunde zu nutzen.
Im DFB-Pokal macht es Hertha vor
Psychologie-Experte Beckmann vergleicht eine solche Situation mit einer Studie, die vor einiger Zeit in einer Rehaklinik erstellt wurde. Patienten, die Blockaden in der Schulter hatten, wurden erst gebeten, ihren Arm so hoch wie möglich anzuheben. Dann stellte man ihnen die Aufgabe, ein Buch aus einem 2,20 Meter hohen Regal zu nehmen. Beim zweiten Versuch erreichten die Patienten im Schnitt 20 Zentimeter mehr an Höhe – „weil sie ein Ziel vor Augen hatten“, sagt er. Allerdings: Ist im Fußball ein Ziel völlig unrealistisch, würden sich die Spieler nicht damit identifizieren können – und im Gegenzug weniger leisten.
Aber, und das ist das Schöne: Hertha hat selbst vorgemacht, wie es funktioniert. Anstatt das Erreichen des Achtelfinales im DFB-Pokal als Saisonziel auszugeben (was bei Herthas Geschichte nun nicht ganz abwegig gewesen wäre), verkündete Babbel: „Ich will den Pokal gewinnen.“ Mit der Folge, dass Hertha nach langen Jahren die dritte Runde tatsächlich einmal erreicht hat. Beispiel Dortmund: Auch vor der Partie beim Deutschen Meister hatte Babbel offensiv vom Sieg gesprochen – und behielt Recht.
>>> Lesen Sie mehr zum Thema und reden Sie mit - im Hertha BSC Blog Immer Hertha unter www.immerhertha.de





