Kobiashvili & Lell

Herthas Dampfmacher auf den Außenpositionen

Die Anfangsschwierigkeiten in der Vorbereitung und zum Saisonstart haben die Herthas-Profis Kobiashvili und Lell überwunden. Die beiden Flügelspieler überzeugen mittlerweile auf dem Platz.

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In dieser Woche wechselt Levan Kobiashvili wieder einmal die Perspektive. Der linke Außenverteidiger von Hertha BSC reiste zur georgischen Nationalmannschaft, mit der er am Freitag in seiner Geburtsstadt Tiflis gegen Lettland spielt. Das ist nun an sich nichts Besonderes, hätte er in seinem Heimatland nicht diesen besonderen Status: Mit 97 Einsätzen ist er Rekordnationalspieler. In der Heimat ist er ein Star, auf der Homepage des Verbandes prangt er auf dem Aufmacherfoto in vorderster Reihe.

Bei Hertha sieht das anders aus. Kobiashvili (34) ist mit 309 Bundesliga-Partien der erfahrenste Profi im Kader des Aufsteigers. Er ist nach wie vor ein exzellenter Fußballer, aber halt nicht mehr der Schnellste. Nach einer sehr mäßigen Vorbereitung schien es, als benötige Hertha einen neuen bundesligatauglichen Verteidiger, zumal auch Ronny in der Krise steckt und Youngster Nico Schulz (18) lange krank ausfiel.

Umso erfreulicher ist die Zwischenbilanz nach vier Saisonspielen. Ja, Kobiashvili wird mal überlaufen. Ja, er hatte gegen Stuttgart (1:0) Glück, als sein Einsteigen gegen Martin Harnik keinen Elfmeter nach sich zog. Doch Herthas dienstältester Feldspieler überzeugt mit, man staune, Dynamik und Vorwärtsdrang.

Davon, er sei zu alt, will Kobiashvili ohnehin nichts wissen: „Es hat stets Zweifel an mir gegeben. Aber am Ende bin ich immer auf meine Einsätze gekommen.“

Insofern hat Markus Babbel Recht behalten. Der Trainer hatte während der Vorbereitung vorhergesagt: „Kobi ist nicht mehr der Jüngste. Aber wenn es drauf ankommt, wird er seine Leistung bringen, da ich bin ich sicher. Weil er ein Profi ist, dem man 100 Prozent vertrauen kann.“

Kobiashvili ist weiter gesetzt. Sein derzeit einziger Konkurrent, Ronny, wurde von Babbel jüngst dermaßen in die Schranken gewiesen, dass am Stammplatz des Georgiers kein Zweifel bestehen kann.

Das interessante ist, das es auf der rechten Verteidigerseite, bei Christian Lell, ähnlich aussieht. Der Münchener, der Montag seinen 27. Geburtstag feierte, spielt quasi ohne interne Konkurrenz. Auch bei ihm gab es Zweifel, ob er sich auf Erstliga-Niveau steigern könne. Der Eindruck nach 360 Bundesliga-Minuten: Lell ist der Dampfmacher. Wurde ihm vor allem in der Hinrunde der letzten Saison vorgeworfen, zu wenig für das Spiel nach vorne zu tun, laufen mittlerweile viele Berliner Angriffe über seine Seite. „Ich hatte ein Jahr lang nicht gespielt, es dauert, bis du gewissen Abläufe wieder drin hast“, erklärt Lell seine Anlaufschwierigkeiten.

In den Partien bei Hannover 96 (1:1) wie beim Sieg gegen Stuttgart fiel vor allem auf, dass Lell immer besser mit Patrick Ebert harmoniert. Da laufen Doppelpässe sicher durch das Mittelfeld, der eine sichert für den anderen ab, wenn der in der Offensive unterwegs ist. „Patrick spielt eine große Rolle für mein Spiel. Es wird zunehmend besser, die Laufwege stimmen“, sagt Lell. Er ist auch fitter als in der Vorsaison, obwohl er abwiegelt. „Nein, nach Raffaels Tor hatte ich nicht mal mehr dir Kraft, zu ihm zu laufen. Ich bin zu Patrick gegangen, weil er in der Nähe war.“ Ebert sagt: „Wir verstehen uns gut. Mir kommt es gelegen, dass Christian viel mit nach vorne kommt. So habe ich eine zusätzliche Anspielstation. Für ihn ist es wichtig, dass ich ihn defensiv unterstütze.“

Lell steigert die Anzahl seiner Vorstöße von Spiel zu Spiel – ein Assist (in Hannover) und ein Schuss an die Latte (in Hamburg) sprangen dabei heraus. Den Mut zur Offensive fordert auch Trainer Babbel ein. „Das erwarte ich von ihm. Christian ist ein Spieler, der laut vorangeht. Es ist für unser Spiel wichtig, dass er sich immer wieder nach vorne einschaltet.“

So sind also ausgerechnet die beiden Außenverteidiger, die zuvor mit Skepsis betrachtet worden waren, zu Säulen im Spiel des Klassenneulings avanciert. Kobiashvili hat bisher knapp 63 Prozent seiner Zweikämpfe gewonnen, in der Luft sogar 79 Prozent. Flanken hat er bislang zwar erst sechs geschlagen, das ist ein Wert, der verbessert werden kann. Immerhin erreichte jede zweite ihren Mitspieler. Übersicht ist eine der Stärken von Kobiashvili. So leitete er mit einem Pass in die Spitze auf Ramos Herthas Siegtreffer gegen Stuttgart ein. Beim Dauerthema mit dem angeblich fehlenden Speed deutet Kobiashvili nur auf die Statistik. 32 km/h zeigten die Messgeräte an – den schnellsten Sprint aller Profis im Olympiastadion legte der 34-Jährige hin.

Mit Blick auf seinen Kontrakt bis Juni 2013 in Berlin sagt Kobiashvili: „Wenn der Verein glauben würde, ich sei zu alt, hätte ich wohl nicht einen so langfristigen Vertrag bekommen.“ In den nächsten Tagen geht es ohnehin um anderes. Kobiashvili darf wieder eine Nummer größer denken. Bei seiner Nationalmannschaft trägt er seit Jahren das Trikot mit der 10, der Nummer des Spielmachers. In Tiflis geht es für Georgien gegen Lettland um die Qualifikation für die Europameisterschaft 2012.

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