Eine „ordentliche Ansprache vom Trainer“ hatte Maik Franz für den Dienstag erwartet, Tag des ersten Trainings nach dem 0:1 zum Saisonauftakt gegen den 1. FC Nürnberg. Dem Verteidiger schwante also Ungemach, als er wieder an seinem Arbeitsplatz erschien, doch als die Herren Profis von Hertha BSC dann um 10.00 Uhr auf das Übungsgelände liefen, da hatte es keine Ansprache von besagtem Markus Babbel gegeben. Und es gab sie auch in der Folge nicht, dabei war im ersten Spiel nach der Bundesligarückkehr doch in der Tat so ziemlich alles schiefgegangen.
Aber Babbel, der gern mal mit einer unkonventionellen Aussage überrascht, tat das auch diesmal. „Mit den zwölf Hanseln“, sagte der Trainer in seinem bayerischen Idiom, „muss ich keine Analyse betreiben.“ Er hob damit ab auf jenes verbliebene Grüppchen von Spielern, die dieser Tage nicht angeschlagen (Kraft, Hubnik, Ebert, Ronny, Kargbo) oder international im Einsatz für ihre Heimatländer sind (Kobiashvili, Lustenberger, Lasogga, Perdedaj, Neumann; Torun wurde für die Türkei nachnominiert). Überdies hätten fünf des Dutzends „gegen Nürnberg nicht gespielt“.
Nur deren vier waren es sogar: Rob Friend, Christoph Janker, John Anthony Brooks (siehe Text unten) sowie Alfredo Morales. Umgekehrt gilt also: Mit immerhin acht der – inklusive Einwechselspieler – 13 Versager vom Saisonauftakt hätte Babbel Analyse betreiben können, die meisten von ihnen Stammspieler und als Leistungsträger fest eingeplant. Wie die drei Viertel der Abwehrkette Lell, Franz und Mijatovic, wie die Mittelfelddefensiven Niemeyer/Ottl und wie die unbestritten besten Offensivspieler Raffael und Adrian Ramos, dazu kam noch der eingewechselte Nikita Rukavytsya.
Weitermachen wie bisher
Doch sei er auch, sagte Babbel weiter, „grundsätzlich nicht bereit, nach einem Spiel, das in die Hosen ging, mein ganzes Konzept über den Haufen zu werfen“. Es werde so weitergemacht wie bisher auch, kein Mentaltrainer wird gebraucht und auch kein Spezialtraining. Doch von „Angst“ spricht Babbel, Angst, die er den Seinen durch Gespräche nehmen will, in der Gruppe und bei Bedarf auch einzeln. Sie hätten sich gegen Nürnberg nur alle zu sehr unter Druck gesetzt, „es so gut zu machen wie in den ersten 30 Minuten gegen Real Madrid – nur diesmal über 90 Minuten und in einem Pflichtspiel“, und dann seien ihnen „die Oberschenkel dick geworden und der Kopf sehr langsam“.
Ob das der Analyse wahrer Kern ist, darüber wird schon das Auswärtsspiel am Sonnabend beim Hamburger SV (15.30 Uhr, Sky) ein weiteres Stückchen weisen. Inwieweit dann mit gegenüber dem ersten Spiel verändertem Personal, darüber lässt Babbel sich noch gewohnt kryptisch aus. Immerhin deutet er an, dass der gegen Nürnberg noch nur zur Halbzeit eingewechselte Raffael nun ein Kandidat für die Startelf sein kann.
In den letzten 30 der 80 Minuten Training hatte das dezimierte Personal ein Spielchen „Offensive gegen Defensive“ unternommen. Zwar war der Kick kaum dazu angetan, für Auffälligkeiten zu sorgen, doch geriet Babbel hernach regelrecht ins Schwärmen über Raffael: „Wenn er sich mir immer so präsentiert wie heute“, sagte Babbel, „so präsent, so aggressiv und so torgefährlich, dann werde ich immer einen Platz für ihn in meiner Mannschaft haben.“



