Erste Bundesliga

Herthaner wollen Raffael spielen sehen

Führungsspieler plädieren bereits für den Einsatz des offensiv kickenden Brasilianers. Nur könnte der Einsatz von Raffael gegen Hamburg Patrick Ebert und Tunay Torun den Platz kosten.

Foto: Bongarts/Getty Images

Wie schnell es gehen kann, erfährt Tunay Torun dieser Tage. Und zwar in beide Richtungen. Da ist zum einen in positiver Hinsicht die Nominierung für das Nationalteam der Türkei, das am Mittwochabend in Istanbul gegen Estland testete. Aber da sind auch die Nutzer von www.immerhertha.de , dem Morgenpost-Blog im Internet. Ihr Votum zum Zugang von Hertha BSC fällt urplötzlich mehrheitlich negativ aus: Mit 58 Prozent der Stimmen setzte die Basis Torun auf Platz eins einer Umfrage, welcher Spieler aus der Startlf des 0:1 gegen Nürnberg beim anstehenden Gastspiel am Sonnabend beim Hamburger SV (15.30 Uhr, Sky live, hier im LIve-Ticker von Morgenpost Online ) auf die Bank gehöre.

Nun ist die Niederlage, die in der Art ihres Zustandekommens eine regelrechte Blamage war, sicher nicht allein an Torun festzumachen. Doch stand er mit seiner Nervosität, die ihn zu keinem Zeitpunkt recht ins Spiel finden ließ, sinnbildlich für Herthas von Lampenfieber geprägten, extrem schwachen Auftritt bei der Rückkehr in die Bundesliga. Ähnliches gilt für Patrick Ebert, Toruns Außenbahn-Pendant auf der rechten Seite, weshalb auch ihm in Hamburg die Bank droht.

Ebert zwei Tage ohne Training

Unverschuldet noch zusätzlich in Not geraten ist Ebert durch eine Vereiterung der Nasennebenhöhlen, die ihn erst Mittwochnachmittag zum ersten Mal wieder mit der Mannschaft hat trainieren lassen. Zweieinhalb Tage üben könnten zu wenig sein für den Erhalt des Platzes in der Startelf. Sogar erst am Donnerstagnachmittag kehrt Torun zu den Kollegen zurück; ihm bleibt also noch weniger Zeit, um Wiedergutmachung vor den Augen von Trainer Markus Babbel zu betreiben.

Dabei wäre gerade ihm ein Einsatz am Sonnabend eine Herzensangelegenheit. Torun ist gebürtiger Hamburger, vom HSV wechselte er im Sommer ob seiner Perspektiven im Norden enttäuscht nach Berlin – und wenngleich vornehmlich im Scherz, so tönte er gegenüber manchem Ex-Kollegen davon, mit welch guter Truppe er an seinen ehemaligen Arbeitsplatz zurückkehre.

So oder so werden im Hamburger Stadion zwei Mannschaften aufeinandertreffen, die nach nur einem Spiel nicht mehr eben vor Selbstvertrauen strotzen. Der runderneuerte HSV wurde beim in dieser Höhe noch schmeichelhaften 1:3 vom Deutschen Meister Dortmund schwindlig gespielt, die Abwehr geriet phasenweise zum Hühnerhaufen. Am Hertha-Auftakt war nur positiv, „dass wir defensiv kaum etwas zugelassen haben“, reklamierte Kapitän Andre Mijatovic für den Abwehrverbund eine erstligataugliche Leistung. Wenn auch nur in defensiver Ausrichtung.

Bleiben die Sorgen in der Offensive. „Mutiger“ müssten sie im Vorwärtsgang werden, fordert Mijatovic, und „kreativer“. Was beides so schwer nicht ist – wenn denn nur Trainer Babbel von seiner bisherigen Haltung abkehrt und Spielgestalter Raffael endlich in die Startelf beordert. Dass dies zu Lasten von Torun oder Ebert ginge – was soll's. In diesen schon früh schweren Zeiten ist kein Platz für Sentimentalitäten. Da hilft es Torun auch nicht, dass er ein Gewinner der Vorbereitung war, eifrig im Training und auffällig in den Testspielen. Ein Pflichtspiel später ist intern wie extern die Ernüchterung groß, und immer lauter werden die Rufe nach dem zur Teilzeitkraft verbannten, gegen Nürnberg erst nach 45 Minuten eingewechselten Raffael.

„Er kann uns immer helfen“, sagt Mijatovic deutlich: „Raffael ist ein Ausnahmespieler, der immer einen Unterschied ausmacht, wenn er für uns auf dem Platz steht.“ Kaum zufällig hat Hertha von den sechs Bundesligaspielen nicht eines gewinnen können, die Hertha seit Raffaels Verpflichtung im Januar 2008 ohne den Brasilianer bestreiten musste. Auch Kapitäns-Stellvertreter Christian Lell wünscht sich den Brasilianer möglichst von Anfang an auf dem Feld: „Raffael bringt Kreativität mit, die in unserem Kader schwer zu ersetzen ist.“ So unmissverständlich sind die Führungsspieler auch schon bei Babbel vorstellig geworden und haben ihr Unverständnis darüber zum Ausdruck gebracht, dass der Trainer solche Zweifel an Raffaels Potenzial und folglich auch Wert für das Team hegt.

„Zu statisch“, klagt Lell, sei das eigene Spiel gegen Nürnberg gewesen; mehr bewegen müssten sie sich alle. Eine Zahl belegt den angesprochenen Mangel: 108,5 Kilometer liefen die Spieler gegen den „Club“, nur beim FC Schalke (107,5) waren es noch weniger. Zum Vergleich: Meister Dortmund war wenig überraschend auch in dieser Disziplin mal wieder spitze, gewaltige 125 Kilometer legten die Borussen zurück.

Nach Lells Deutung würden durch mehr Laufbereitschaft erarbeitete Räume gleichbedeutend sein mit mehr Anspielstationen. „Raffael erkennt das und spielt dann die Bälle, mit denen wir in der Offensive für Gefahr sorgen können“, sagt er. Ketzerisch formuliert: Aufsteiger Hertha braucht Raffael, um in dieser noch jungen Saison überhaupt einmal eine Chance auf ein Tor zu haben. Deren null (!) wies die Statistik des „kicker“ im ersten Spiel aus. Derart harmlos traten Heimmannschaften vergangene Saison ganze zwei Mal auf – die späteren Absteiger FC St. Pauli (0:1 gegen Hannover) und Frankfurt (0:2 gegen Köln). Zuvor hatte es dieses Kuriosum in der Bundesliga seit dem März 2001 nicht mehr gegeben.

Auch Rukavytsya ist eine Option

Um dem Missstand entgegenzuwirken, ließ Babbel am Mittwoch trotz dezimierter Trainingsgruppe fleißig den Spielaufbau trainieren. Nach Balleroberung lautete der Übungsauftrag, schnell über die Flügel nach vorn zu gelangen. „Szenen, wie sie uns in Hamburg erwarten werden“, nannte das Lell. Mal um Mal sollte von den zentralen Mittelfeldspielern Peter Niemeyer und Andreas Ottl die Initiative ausgehen, sollten die Außenbahnspieler Flanken in die gefährliche Zone schlagen. Weder das eine, noch das andere hatte gegen Nürnberg funktioniert. Ebert fehlte bei dieser für ihn prädestinierten Spielform, Torun auch. Auf desssen linker Seite sauste dafür Nikita Rukavytsya hoch und runter. Den schnellen Australier hat Babbel eh als Option für ein eher auf Konter ausgelegtes Auswärtsspiel wie das in Hamburg bezeichnet.