Morgenpost Online: Als sportlicher Berater des Präsidiums Herr Greiser, wie groß ist Ihr Anteil an der Verpflichtung der vier Neuen bei Hertha BSC?
Dirk Greiser: Daran habe ich keinen Anteil. Die Aufgabenteilung sieht so aus, dass Michael Preetz und Ingo Schiller die Geschäfte bei Hertha führen. Bei kostenintensiven Transfers muss das Präsidium seine Zustimmung geben und holt bei Bedarf meine Meinung ein. Ich habe dabei keine bestimmende Funktion.
Morgenpost Online: Was hält der ehemalige Profi Greiser von den Zugängen?
Dirk Greiser: Im Tor ist Thomas Kraft ein sehr guter Transfer. Er hat nicht umsonst für den FC Bayern in der Champions League gespielt. Er ist ein junger Torwart, ehrgeizig und entwicklungsfähig. Maik Franz ist ein gestandener Bundesliga-Spieler. Er kann eine Mannschaft mitreißen. Als aggressiv Leader kann er auch dem Berliner Publikum etwas geben. Andreas Ottl ist auch ein erfahrener Profi. Ballsicher, abgeklärt. Tunay Torun sehe ich als belebendes Element in der Offensivabteilung. Ob er auf Anhieb Stammspieler wird, muss man abwarten.
Morgenpost Online: Aktuell ist Hertha Aufsteiger, wie Sie 1990. Was sind Gemeinsamkeiten?
Dirk Greiser: Vergleichbar ist, dass es beides Aufsteiger sind, aber sonst hat sich alles um den Fußball dermaßen entwickelt, das ist kaum zu vergleichen. Bei uns war der Aufstieg eine Überraschung. Die aktuelle Mannschaft ist kein normaler Aufsteiger, sondern eine Mannschaft mit 1.Liga Ausrichtung, die jetzt noch mal gezielt verstärkt worden ist. Zudem schaut Hertha auf mehr als eine Dekade Bundesliga seit 1997 mit internationaler Erfahrung und gewachsenen Strukturen zurück. Der Standard im Verein ist in allen Bereichen ein ganz anderer als bei uns 1990.
Morgenpost Online: Sie waren damals mit Ihrer Mannschaft vom zweiten Spieltag an Letzter. Was muss aktuell anders laufen?
Dirk Greiser: Als Aufsteiger ist man vielleicht noch mehr als die Konkurrenz darauf angewiesen, mit einem guten Start Sicherheit in die Mannschaft zu bekommen. Wir haben damals gleich das erste Heimspiel gegen St. Pauli unglücklich verloren. Die Mannschaft heute ist viel gefestigter. Aber ein guter Start tut gut. Über die Dauer der Saison wird die Qualität der Mannschaft entscheiden. Und die Mannschaft von heute hat allemal die Qualität, um sicher die Klasse zu halten.
Morgenpost Online: Gibt das 4:0 im Pokal Sicherheit?
Dirk Greiser: Schon, aber die Bundesliga ist eine andere Nummer als Meuselwitz im Pokal. Nürnberg hat als Vorjahres-Sechster eine gute Serie gespielt, haben aber mit Schieber, Eckici und Gündogan wichtige Leute abgegeben. Hertha sollte da selbstbewusst ran gehen. Aber das erste Spiel ist immer eine Wundertüte.
Morgenpost Online: Schaut man auf die Liga: Schalke muss beim Etat sparen, Bremen, Wolfsburg. Geht der Trend zur wirtschaftlichen Vernunft?
Dirk Greiser: Kommt auf den Verein an. Schaut man auf die Finanzen genießen die Bayern eine Sonderstellung. Dazu rechnet es sich für die Werksvereine wie Leverkusen und Wolfsburg und bis zur vergangenen Saison auch für Hoffenheim anders als für den Rest der Liga. Für die anderen geht der Trend dahin, tatsächlich nicht mehr auszugeben, als eingenommen wird und möglichst keine Ablösen zu zahlen. Alle bemühen sich um ablösefreie Profis und auch um junge entwicklungsfähige Spieler.
Morgenpost Online: Auf dem Papier hat Hertha mit seiner Jugendakademie sehr gute Chancen, was Talente angeht. Die Realität in der Zweiten Liga war: Von den Jungen hat sich Lasogga durchgesetzt. Dann gab es vier, fünf Talente, die regelmäßig Einsätze hatten. Nicht mehr. In der Bundesliga ist der Weg für die Hertha-Jugend durch die Neuverpflichtungen noch schwerer geworden.
Dirk Greiser: Klar ist es schwer für Talente, weil in der Bundesliga eine Qualität und Konstanz gefordert, wie es das im Jugendbereich nicht gibt. Und egal, wie gut in der Ausbildung gearbeitet wird, etwas Glück`, Topspieler herauszubringen, gehört auch dazu. So einen Jahrgang wie den mit den Boatengs, Ashkan Dejagah und Patrick Ebert gibt es nur selten. Das ist letztlich nicht planbar. Aber das Berliner Publikum nimmt die Jungen an. Natürlich geht es dabei nicht nur mit Jugendwahn, es braucht immer die richtige Mischung.
Morgenpost Online: Hertha wird etwa 25 Millionen für Personal ausgeben. Wenn man sieht, dass andere Bundesligisten 60, 70 oder gar 100 Millionen investieren – muss sich Berlin auf Jahre von allen Champions League- und Titel-Träumen verabschieden?
Dirk Greiser: Das kann so sein, muss aber nicht. Das Beispiel Borussia Dortmund zeigt: Die sind um Haaresbreite der Insolvenz entgangen und haben aus der Not eine Tugend gemacht. Die haben auf Talente gesetzt, auf einen Trainer, der dies gefördert hat. Und sind jetzt Deutscher Meister geworden. Selbst wenn Hertha demnächst einen Spieler-Etat von 34 oder gar 44 Millionen hätte – der würde zwar die Chancen auf Erfolg erhöhen. Aber es wäre weiter keine Erfolgsgarantie. Ich denke, dass Hertha kühlen Kopf bewahren wird. Mit der Arbeit in der Jugendakademie und intelligenten Transfers sind etwaige Leistungsunterschiede auszugleichen. Wenn man den Erfolg auf Biegen und Brechen kaufen will, muss man in gestandene Top-Spieler investieren. Da reichen auch 44 Millionen Personaletat nicht ansatzweise und eine Garantie gibt es dafür auch nicht. Und das wäre finanzielles Harakiri, es sei denn, auf der Einnahmenseite gäbe es erhebliche Mehreinnahmen Das kann momentan nicht der Weg von Hertha BSC sein.
Morgenpost Online: Wie beurteilen Sie die Außendarstellung von Hertha? Manager Michael Preetz etwa hat in der vergangenen Saison einen tiefgreifenden Wechsel durchgeführt: 21 Spieler sind gegangen, 16 gekommen, dazu ein neues Trainer-Team. Da ist kaum groß darüber geredet worden.
Dirk Greiser: Ja, es hat sich sehr viel getan im vergangenen Jahr. Auch in der Art, wie das kommuniziert worden ist. Das sind wichtige und richtige Schritte für die Zukunft von Hertha BSC.
Morgenpost Online: Ein Prinzip von Trainer Babbel ist: Niemand kann sich sicher sein. Gut möglich, dass Raffael auf der Bank sitzt.
Dirk Greiser: Raffael ist für mich grundsätzlich einer, der spielen muss, wenn er fit ist. Vom Typ her ist er aber nicht derjenige, der unbedingt vorweg geht. Manchmal wirkt das etwas phlegmatisch. Aber Raffael ist ein Riesenfußballer. Ich hoffe, dass er sich noch erheblich steigert, wie überhaupt viele junge Spieler noch Entwicklungspotenzial haben: Lasogga, Adrian Ramos, Fabian Lustenberger oder Patrick Ebert zum Beispiel.
Morgenpost Online: Auch vom Trio Ottl, Niemeyer, Lustenberger muss einer zuschauen.
Dirk Greiser: Das ist eine große Aufgabe für den Trainer. Zu meiner Zeit hatten wir 17, 18 Profis, die bei einem Spiel auch zumindest im Kader dabei waren. Heute hat man einen 25er-Kader. Wenn der Schiedsrichter anpfeift, hast du 14 Enttäuschte im Team. Das kann ein Trainer nur lösen, wenn er offen und ehrlich umgeht mit den Spielern und nur Leistung zählt. Das heißt aber, dass auch ein Etablierter akzeptieren muss, dass er nach ein, zwei schlechten Spielen auch mal Platz macht für den Kollegen. Ich finde es ist eine Form des Respekts dem Mitspieler gegenüber, zu akzeptieren: Wenn der Kollege gut gespielt hat, dass der auch im nächsten Spiel wieder anfängt. Bestes Beispiel ist Rob Friend. Der hat sich das in Berlin sicher ganz anders vorgestellt. Aber er geht mit seiner Situation menschlich groß um. Das ist wichtig für eine Mannschaft.
Morgenpost Online: Ist Nürnberg ein dankbarer Gegner zum Start oder ein gefährlicher?
Dirk Greiser: Viele Hertha-Fans werden noch den letzten Auftritt der Nürnberger im Gedächtnis haben. Die erwarten auch deshalb eine Menge von Hertha. Danach kommen zwei Auswärtsspiele in Hamburg und Hannover. Ein Sieg zum Auftakt würde helfen.



