An den 13. März 2010 kann sich auch Andreas Ottl noch gut erinnern. Mit dem 1. FC Nürnberg, an den er für ein Jahr vom FC Bayern München ausgeliehen war, gastierte er damals im Olympiastadion. „Es stand viel auf dem Spiel, die Stimmung war schon vor der Partie sehr angeheizt“, erzählt Herthas Defensivstratege. Für die Berliner ging es an diesem Tag schon um alles oder nichts. Doch was sich nach der 1:2-Niederlage im Innenraum abspielte, war schlimmer als der nahende Abstieg und trieb selbst Manager Michael Preetz die Tränen in die Augen.
Chaoten stürmten vermummt und mit Stangen in der Hand den Platz , zerstörten unter anderem eine Fernsehkamera. Es war der absolute Tiefpunkt der Abstiegssaison. Heute spielt Hertha um 18.30 Uhr zum Saisonauftakt wieder gegen Nürnberg. Diesmal aber soll alles anders und vor allem friedlicher sein. „Diese hässlichen Szenen sind natürlich hängen geblieben“, meint Preetz, „aber das Spiel am Samstag steht für uns unter einer komplett anderen Überschrift.“ Nämlich unter der, dass Hertha endlich wieder zurück ist auf der großen Bühne, 456 Tage nach der bislang letzten Bundesligapartie.
Was im ersten Spiel auf die Mannschaft zukommt, ist kaum berechenbar – Nürnberg hat einen großen Umbruch hinter sich. Zwischen Abstiegskampf und dem oberen Drittel erscheint alles möglich. Sensationell erspielte sich die Mannschaft von Trainer Dieter Hecking im Vorjahr den sechsten Tabellenplatz. Seither jedoch hat sich einiges getan. Leistungsträger wie Ilkay Gündogan, Mehmet Ekici und Julian Schieber verließen den Verein, zurück blieb ein Konstrukt, das Sportdirektor Martin Bader als „Gerippe“ bezeichnet. „Der FC Nürnberg wird immer zu den acht bis zehn Mannschaften gehören, die mit einem Auge nach unten schauen müssen“, sagt er. Die Vorbereitung zumindest verlief vielversprechend: Alle Testspiele wurden gewonnen, zudem zeigte die Mannschaft im DFB-Pokal bei Drittligist Arminia Bielefeld (5:1) eine überzeugende Leistung. Wohl auch deshalb haben sie bei Hertha großen Respekt. Kapitän Andre Mijatovic warnt: „Jetzt kommt ein anderes Kaliber als im Pokal gegen Meuselwitz.“ Und Club-Kenner Ottl meint: „Nürnberg hat eine sehr gute Mannschaft, im vergangenen Jahr haben sie nicht ohne Grund oben angegriffen. Sie werden sehr kompakt spielen.“
Zum Glück kann Trainer Markus Babbel nahezu seine beste Elf ins Rennen schicken, einzig in der Innenverteidigung fehlt Roman Hubnik wegen seiner Fußprellung. Er wird wohl durch Maik Franz vertreten. Das Tor kann nun doch Zugang Thomas Kraft hüten, er hat seine Kapselverletzung rechtzeitig auskuriert. Im offensiven Mittelfeld wird Babbel aller Voraussicht nach auf die zentrale Position und damit auf Raffael verzichten. Gegner Nürnberg plagen Personalsorgen. Per Nilsson fällt wie schon im DFB-Pokal wegen seiner Achillessehnenbeschwerden erneut aus. Fraglich sind außerdem die Stammkräfte Philipp Wollscheid (Grippe), Timothy Chandler (Wade) sowie Flügelspieler Robert Mak (Adduktoren).
Für Ottl, der noch immer Kontakt nach Nürnberg hält, wird die Partie auch deshalb eine besondere, weil er sich dort weiterentwickelt habe. „Wenn du immer nur um Pokale oder Meistertitel spielst, ist es eine neue Erfahrung, wenn es plötzlich nur noch gegen den Abstieg geht“, sagt er. Er habe damals gespürt, unter welchem Druck ein abstiegsbedrohter Verein stehe. Erfahrung, die sich für Hertha noch als sehr gut erweisen kann.
mkl



