Nein, ein Wasser möchte Markus Babbel nicht – er bestellt sich lieber eine Spezi. Sehnsucht nach einem Stück Heimat? „Freilich", sagt der gebürtige Münchner. Als das Glas mit der Mischung aus Fanta und Cola vor ihm steht, ist Herthas Trainer bereit für das große Interview zum Saisonstart mit Morgenpost Online.
Morgenpost Online: Herr Babbel, endlich geht die Bundesliga-Saison los – kribbelt es bei Ihnen?
Markus Babbel: Ja, natürlich. Selbst für den Trainer ist die Vorbereitung nicht so wunderbar, es ist viel Arbeit. Außerdem fehlt der Rhythmus. Ich bin ein Gewohnheitstier und liebe klare Abläufe. Das ist natürlich in der Vorbereitung nicht gegeben, du musst sehr viel planen, mit den Spielern sprechen. Ich merke auch bei den Jungs, dass es jetzt reicht.
Morgenpost Online: Die Gegner heißen jetzt wieder Bayern München oder Borussia Dortmund. Inwieweit unterscheidet sich das Gefühl vor dem Saisonstart zum Vorjahr?
Markus Babbel: Ich freue mich einfach, dass Berlin wieder einen Bundesligisten hat und wir damit diesen Schandfleck, als einzige Hauptstadt in Europa nur zweitklassig zu spielen, beseitigt haben.
Morgenpost Online: Ihr Abschied aus der Bundesliga verlief nicht so erfolgreich, genau genommen wurden Sie in Stuttgart damals entlassen. Ist die kommende Saison für Sie auch eine Art Genugtuung? Wollen Sie beweisen, dass Sie doch ein Erstligatrainer sind?
Markus Babbel: Nein. Damals in Stuttgart war die Situation wahnsinnig schwierig. Für alle Beteiligten, am meisten aber für mich. Ich habe gelernt, dass ich nicht der Typ bin, um gleichzeitig auf zwei Hochzeiten zu tanzen. Zum einen, hoch motiviert eine Mannschaft zu trainieren, und darüber hinaus noch einen Trainerschein machen zu müssen. Für mich war die Belastung einfach zu hoch. Es gibt zum Glück genug Kollegen, die das geschafft haben, aber ich konnte es nicht. Da musste man die Konsequenz ziehen.
Morgenpost Online: Die Partie gegen Stuttgart ist also nichts Besonderes für Sie?
Markus Babbel: Doch, natürlich. Ganz einfach, weil ich dort noch wahnsinnig viele Leute kenne, ich habe fünf Jahre dort gearbeitet. Es hat Spaß gemacht, und wir sind nicht im Groll auseinander gegangen. Ich telefoniere noch immer mit einigen Leuten, die an meinem Rausschmiss damals beteiligt waren. Wenn du Trainer wirst, musst du wissen, dass du entlassen werden kannst. Das war alles sauber, insofern freue ich mich, die Jungs wieder alle zu sehen. Am Ende muss ich keinem mehr etwas beweisen, außer vielleicht mir selbst. Da habe ich einen gewissen Anspruch, und dem will ich gerecht werden.
Morgenpost Online: Wie lautet der?
Markus Babbel: Man darf uns niemals vorwerfen können, dass wir faul waren. Wir müssen immer in den Spiegel schauen können und sagen: Wir haben gearbeitet. Und ich glaube, bislang hat das gut geklappt.
Morgenpost Online: Ist die Schnelllebigkeit des Geschäftes auch ein Grund, warum Ihre Familie noch immer in München lebt?
Markus Babbel: Ja, auch. Es gibt immer die Vorstellung, einen Verein lange zu prägen, ihm ein Gesicht zu geben. Ich werde jetzt wieder neu bewertet, die Vergangenheit ist vergangen, und mit dem ersten Spieltag stehe ich vor neuen Aufgaben. Und als Trainer stehe ich für die Punkte, die wir holen. Wir haben uns in der Familie sehr lange darüber ausgetauscht und haben das so beschlossen.
Morgenpost Online: Wie muss man sich das vorstellen, wenn Sie zwei, drei Tage nach Hause kommen? Haben Sie dann nicht das Gefühl, ganz viel nachholen zu müssen mit der Familie?
Markus Babbel: (lacht) Nein, das habe ich nicht. Ich muss mich ja auch erholen. Wenn ich nach München fahre, ist das meistens nach Spielen. Da bin ich kaputt, auch als Trainer. Angefangen von der Nervosität am Morgen, dann das Spiel, die Arbeit mit den Medien – danach bin ich platt. Wenn ich dann nach Hause fliege, kann ich nicht sagen: Wir machen jetzt einen Ausflug und gehen dann noch ins Schwimmbad… Dafür habe ich ganz einfach nicht mehr die Power. Aber darauf haben sich jetzt alle ganz gut eingestellt. Die Tage sind entspannt.
Morgenpost Online: Und wer hat die Macht über die Fernbedienung, wenn abends ein tolles Fußballspiel im Fernsehen kommt?
Markus Babbel: (schmunzelt) Ich schaue generell sehr wenig Fußball. Natürlich, wenn Barcelona gegen ManU spielt, sehe ich mir das an. Ansonsten reicht es mir, alle Videos von Hertha zu schauen. Da gibt es eine natürliche Sättigung.
Morgenpost Online: Sie sind ein großer Rockfan, Berlin ist eine tolle Konzertstadt. Wo waren Sie zuletzt?
Markus Babbel: Das Problem ist, dass ich immer erst zu spät erfahre, wer gerade da ist. Ich muss mir mal einen Konzert-Flyer organisieren….
Morgenpost Online: …sollen wir Ihnen mal ein Programm aus der Kultur-Redaktion mitbringen?
Markus Babbel: (lacht) Das wäre vielleicht nicht schlecht, ich bin immer dankbar für Hinweise. Immerhin, auf einem Konzert war ich schon, seit ich hier in Berlin bin.
Morgenpost Online: Rock?
Markus Babbel: Natürlich, Sisters of Mercy. Ich weiß gar nicht, was das für ein Rockstyle ist, aber die höre ich seit meiner Jugend. Das Konzert hat sich wirklich mal gelohnt!
Morgenpost Online: Rocken ist an sich ein gutes Stichwort. Die vergangene Saison war die Saison der jungen Spieler. Ist das eine Momentaufnahme, oder der Weg der Zukunft?
Markus Babbel: Letztlich hängt es ja an jedem einzelnen Spieler. Klar, jeder braucht einen Trainer, dem er vertraut. Aber das Entscheidende ist: Er muss zupacken, wenn die Chance da ist. Das haben unsere jungen Spieler gemacht, und jetzt ist wichtig, dass sie nicht zufrieden sind. Sondern noch mehr anbieten, weil sie mehr wollen.
Morgenpost Online: Jetzt sprechen Sie von Hertha.
Markus Babbel: Richtig, aber das ist in den anderen Mannschaften sicher auch so. Ich glaube nicht, dass die Kollegen dem Jugendwahn verfallen sind. Niemand sagt: Ich lasse x-beliebig junge Leute auflaufen. Nein, die Jungs haben Qualität.
Morgenpost Online: Es war nicht nur das Jahr der jungen Spieler, sondern auch der Außenseitermannschaften. Setzt es Sie zusätzlich unter Druck zu wissen, dass auch ein Aufsteiger im oberen Drittel mitmischen kann?
Markus Babbel: Ich hätte natürlich nichts dagegen (lacht). Aber wir können nur auf uns selber schauen und versuchen, wieder diese mannschaftliche Geschlossenheit zu bekommen. Unser Ziel kann ja nicht sein, irgendwen zu kopieren. Wir können das nicht einfach übernehmen. Das geht auch deshalb schon nicht, weil ich ein ganz anderer Trainertyp bin als zum Beispiel Mirko Slomka oder Thomas Tuchel. Hannover oder Mainz können für uns nur Ansporn sein zu sehen, was möglich ist, wenn alles funktioniert.
Morgenpost Online: Da Sie gerade Thomas Tuchel ansprechen: Inwiefern sind Sie ein anderer Typ?
Markus Babbel: Ich bin vor allem etwas ruhiger. Wenn ich die so an der Seitenlinie sehe… Das sind schon hochemotionale Menschen.
Morgenpost Online: Wie gut kennen Sie die anderen Mitglieder im Klub der erfolgreichen, jungen Trainer?
Markus Babbel: Thomas Tuchel kenne ich gut, gegen den habe ich in der A-Jugend noch gespielt. Er war bei Augsburg, ich bei den Bayern. Er hat mehr Erfahrung. Er war sehr lange Jugendtrainer, konnte sich da etwas anlernen, weil der Jugendbereich mehr Fehler verzeiht. Ich bin ja eher ins kalte Wasser geworfen worden und hatte das Glück, in Rainer Widmayer einen Co-Trainer zu haben, bei dem ich schnell gemerkt habe, dass wir auf einer Wellenlänge sind.
Morgenpost Online: Sie lassen ihm im Training heute noch sehr viel Freiraum.
Markus Babbel: Ja, denn eines ist klar: Ich kann es auch nicht besser. Er bringt in der Trainingssteuerung sehr viel Wissen mit. Mehr als ich. Ich schaue zu und lerne jeden Tag noch etwas.
Morgenpost Online: Jetzt übertreiben Sie aber.
Markus Babbel: Nein. Aber es gibt natürlich noch andere Gründe. Zum Beispiel haben wir festgestellt, dass ich ein ganz gutes Auge habe und sehen kann, wer frisch wirkt, oder wer nicht gut drauf ist. Da hilft es mir, wenn ich einfach beobachten kann. So haben wir unsere Rollen gefunden. Wir ergänzen uns einfach sehr gut. Für mich ist am Ende nur wichtig, dass wir Erfolg haben. Ob ich jetzt ein Konzepttrainer oder sonst etwas bin, ist am Ende nicht wirklich wichtig. Entweder du hast den Zugang zur Truppe, oder du hast ihn nicht. Wenn du ihn nicht hast, kannst du noch so ein gutes Training anbieten, dann wirst du damit keinen Erfolg haben.
Morgenpost Online: Was wäre für Sie ein Erfolg in der kommenden Saison?
Markus Babbel: (lächelt) Wenn wir das Ziel erreichen, das wir uns alle, Management, Trainerteam und Mannschaft, gesteckt haben. Und das kann nur Klassenerhalt lauten.


