Der Countdown läuft, nicht nur symbolisch, sondern auch ganz handfest auf der Homepage von Hertha BSC. Seit dem geglückten Wiederaufstieg Mitte Mai tickt dort die Uhr bis zum Bundesligastart herunter, am Freitag um Punkt 18.30 Uhr wird sie umspringen: Die Kategorie Tage wird erstmals leer bleiben – dann sind es weniger als 24 Stunden, bis Hertha ins Abenteuer Bundesliga startet.
Entsprechend groß war am Donnerstag auch der Andrang bei der obligatorischen Pressekonferenz vor dem Spiel, der Medienraum des Klubs reichte kaum aus, in der letzten Reihe stritten die Kamerateams um die besten Plätze. Unter die bekannten Gesichter hatten sich auch zahlreiche türkische Kollegen gemischt, was allerdings weniger an der Vorfreude auf den Saisonstart lag. Vielmehr hatte Hertha noch Erfreuliches in eigener Sache zu verkünden und präsentierte das „Reiseland Türkei“ als neuen Exklusivpartner. Zudem verkündete der Klub, dass Primacall sein Engagement ebenfalls als Exklusivpartner verlängert hat. Generali steigt als Partner ein und wird gleichzeitig Versicherer. Der Dauerkartenverkauf ist jetzt schon besser verlaufen als im Champions-League-Jahr 1999.
Es ist also alles angerichtet, und so freut sich ganz Berlin endlich, endlich wieder auf große Gegner: Bayern München statt FSV Frankfurt, Borussia Dortmund statt FC Ingolstadt, Hamburg statt Oberhausen. 60.000 Zuschauer erwartet der Verein. Mag es auf den ersten Blick enttäuschen, das Olympiastadion nach dem euphorischen Wiederaufstieg nicht ausverkauft zu sehen, konnte Klubsprecher Peter Bohmbach trotzdem Rekordmarken vermelden. „Das ist das bestbesuchte Auftaktspiel seit zehn Jahren, es ist sogar besser besucht als die erste Partie gegen den damals amtierenden Meister VfB Stuttgart“, referierte er. Und natürlich, auch das ließ er nicht unerwähnt, ist es der beste Saisonstart gegen Nürnberg.
Warten auf den Heimsieg
Ob das auch sportlich gilt wird sich am Samstag zeigen. Ein Heimsieg zum Auftakt ist mit einem Blick auf das folgende Programm eigentlich Pflicht: Kommende Woche spielt Hertha beim Hamburger SV, danach geht es direkt zu Vorjahres-Überraschung Hannover 96. Zwei Wochen später geht es zu Meister Borussia Dortmund. „Wenn wir mit einem Heimsieg starten, können wir mit breiter Brust zu den Auswärtsspielen nach Hamburg und Hannover fahren“, meint Kapitän Andre Mijatovic. Einzig: Hertha wartet am Sonnabend exakt seit einem Jahr und 363 Tagen auf einen Erstliga-Sieg im Olympiastadion. Das letzte Erfolgserlebnis datiert vom 8. August 2009, damals gewann Hertha 1:0 gegen Hannover 96, das Tor schoss Gojko Kacar. Es war der Auftakt zu einer Saison, die wohl alle Berliner am liebsten aus den Geschichtsbüchern streichen würden. 16 Partien im Olympiastadion konnte Hertha damals nicht gewinnen. Aber dieses Tal ist nun durchschritten, und so konnte Manager Michael Preetz gestern stolz verkünden: „Ich freue mich, dass wir zurück sind auf der ganz großen Bühne.“
Auch die Spieler fiebern dem Start entgegen, vor allem natürlich jene, die es gewohnt sind, Bundesliga zu spielen. Kapitän Mijatovic zum Beispiel. „Die Euphorie in der Stadt ist riesengroß, die müssen wir jetzt annehmen. Alle im Team brennen darauf, dass es endlich losgeht.“ Allerdings, und das merkt man dieser Tage sehr deutlich, haben die Verantwortlichen kein Interesse daran, den Saisonstart aus sportlicher Sicht zu hoch zu hängen. Preetz bemüht sich, den Druck auf die Mannschaft nicht noch künstlich zu verstärken. Gefragt, wie wichtig ein guter Saisonstart sei, antwortete er: „Ein guter Start ist immer wichtig, aber den hatten wir doch schon mit dem überzeugenden Auftritt in Meuselwitz.“ 4:0 hatte Hertha im Pokal beim Viertligisten gewonnen. „Es war ganz wichtig, dass wir die Euphorie vor dem Ligastart hochgehalten haben“, meint der Manager. Er jedenfalls glaubt nicht, dass es von Nachteil ist, gleich zu Beginn zweimal auswärts antreten zu müssen. „Auch diese Saison wird kein Sprint, sondern ein langer Lauf aus 34 Spieltagen.“ Nur: Wo sich Hertha da am Ende einordnen wird, darüber gehen die Meinungen und Erwartungen doch ein wenig auseinander.
Höchster Wert aller Klubs
Während der Klub offiziell den souveränen Klassenerhalt als Ziel ausgibt, sehen das viele Experte wie auch Fans optimistischer. Vor allem die Anhänger – und zwar nicht nur die von Hertha – trauen den Berlinern zu, eine ähnlich überraschende Saison zu spielen wie im Vorjahr etwa Mainz und Hannover. In einer bundesweiten Umfrage des Marktforschungsunternehmens GfK geben immerhin 16,8 Prozent der Befragten zu Protokoll: Hertha traue ich eine positive Überraschung zu. Damit hat der Aufsteiger den höchsten Wert aller Klubs erzielt, auch wenn die Fans dem Team im Durchschnitt „nur“ einen 13. Tabellenrang zum Ende der Saison prognostizieren.
Das Gerede von Überraschung und die Vorbilder Mainz und Hannover nervt die Verantwortlichen inzwischen. Es konterkariert ihren Versuch, erst gar keine überzogenen Erwartungen aufkommen zu lassen. Trainer Markus Babbel meint: „Es ist extrem schwer, uns einzuschätzen, weil die letzte Saison so kurios war.“ Beruhigend für ihn: Die Fans sehen ihn offenbar nicht so schnell auf der Abschussliste, in den Top-Drei der Kollegen, die am ehesten um ihren Job fürchten müssen, kommt er jedenfalls nicht vor. Für ihn persönlich, so sieht es Babbel, gehe es in dieser Saison wie für den gesamten Verein darum, sich zu etablieren. Mijatovic nimmt seine Mitspieler schon einmal in die Pflicht: „Ich appelliere an sie, dass sie absolut konzentriert, aggressiv und mit Leidenschaft zu Werke gehen.“ Denn noch wisse die Mannschaft nicht, wo sie wirklich stehe. Auch wenn der Auftritt von Real Madrid im Olympiastadion am vergangenen Mittwoch den Charakter eines Ernstfalles hatte. „Wir waren 30 Minuten lang der Gewinner gegen Real“, sagte Babbel und schmunzelte, „das ist doch schon mal ein gutes Zeichen.“ Die Euphorie befeuert hat das Spiel allemal.




