Nachruf auf Wolfgang Holst

Zum Abschied wünschte er sich Herthas Aufstieg

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Uwe Bremer, Daniel Stolpe

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Er lebte für seinen Verein: Wolfgang Holst erhielt das Ehrenschild für 50 Jahre Mitgliedschaft und damit die höchste Auszeichnung des Vereins. Nun starb Holst im Alter von 88 Jahren. Die Herthaner erweisen ihm die letzte Ehre.

Ein letztes Mal stand Wolfgang Holst am Dienstag vor einer Woche auf der Bühne des ICC. „Ich weiß, dass ich nicht reden soll, aber ich komme mal eben ans Mikro“, plauderte Holst in seiner unnachahmlichen Art vor 950 Mitgliedern. In einer kurzen Rede bedankte er sich bei den Stars „seiner“ Mannschaft aus den 1970er Jahren – bei Erich Beer, bei Luggi Müller, Gustav Eder, Hanne Weiner. Und traf mit seinem Abschiedssatz das Hertha-Herz: „Ich wünsche mir, dass die Profis uns den Aufstieg in die Bundesliga schenken.“

Der letzte öffentliche Auftritt von Holst war noch einmal ein emotionaler Höhepunkt. Am Freitag morgen wurde Holst tot in seiner Wohnung in unmittelbarer Nähe des Kudamms aufgefunden. Ein langjähriger Begleiter sagte: „Wolfgang ist in Ruhe eingeschlafen.“ Holst wurde 88 Jahre alt.

Zum Gedenken wird Hertha BSC Sonntag gegen Erzgebirge Aue mit einem Trauerflor antreten. Zudem wird es eine Gedenkminute für den ehemaligen Präsidenten geben – Holst stand dem Verein von 1979 bis 1985 vor.

Im Leben von Holst spiegeln sich Jahrzehnte deutscher Geschichte wider. Der gebürtige Rostocker hatte den Zweiten Weltkrieg bei der SS-Leibstandarte Adolf Hitler verbracht. Nach amerikanischer Gefangenschaft verdiente er sich den Lebensunterhalt als Humorist und Kabarettist in Paderborn.

1959 zog er nach Berlin, hier stellte er Glücksspiel-Automaten auf. 1978 kam mit „Holst am Zoo“ die erste Sport-Gaststätte dieser Art in Deutschland hinzu.

Schwarzgeld im Sarg

Seine Liebe galt jedoch dem Fußball. Seit dem 1. Juni 1960 war Holst Mitglied bei Hertha BSC, seit 1962 in so gut wie allen Funktionen tätig, die der Verein je hatte. Holst ging den Standort-Nachteil, den Berlin als Inselstadt hatte, mit großem Engagement und Einfallsreichtum an. Als der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die Bundesliga einführte, warb er mit der Hertha-Legende Hanne Sobek in der Frankfurter DFB-Zentrale für die Aufnahme in die neue höchste Spielklasse. Hertha war Anfang der Sechziger Jahre hinter Tasmania nur die Nummer zwei in Berlin.

Holst fragte: Was müssen wir tun, um in die Bundesliga zu kommen? Der Mann vom DFB, geschmeichelt vom vorherigen Gespräch mit Sobek, antwortete: Herr Holst, werdem Sie Sie Berliner Meister, dann sind sie dabei. Dort angekommen, war Holst jeder Weg zum Erfolg recht, notfalls auch einer mit Tricks. Etwa, als er 1970 den aus Ungarn geflohenen Fußballprofi Zoltan Varga im Kofferraum eines Pkw über die belgisch-deutsche Grenze schmuggelte und nach Berlin verfrachtete.

Im Internet unter www.hertha-museum.de gibt es ein Video, in dem Holst ganz offen über die damaligen Zeiten erzählt. Dass es DFB-Statuten gab, die der Verein einzuhalten hatte, um die Lizenz zu behalten. Der DFB hatte Grenzen für Spieler-Gehälter, Prämien und Ablösesummen festgesetzt. Doch der Geld-Bedarf war schon in den frühen Tagen der Bundesliga immens. „Wir mussten viel schwarz bezahlen. Dafür haben wir Särge benutzt. Da lag meine schwarze Kasse drin“, erzählt Holst in dem Video. Als Begründung führt er an: „Wir mussten schwarze Zahlungen leisten, weil andere Klubs noch viel mehr als wir gezahlt haben.“

Holst war bei den Erfolgen dabei – und bei den dunklen Stunden. Die Mentalität im Profigeschäft beschrieb er so: „Fußball ist nicht die Oase oder gar die Gedächtniskirche der Gesellschaft. Und die Spieler sind auch nicht die Mönche der Gesellschaft.“ Im Bundesliga-Skandal 1971/71 war Holst zwar nur mittelbar, aber anhaltend beteiligt. Für das 0:1 am letzten Saisonspieltag gegen Arminia Bielefeld hatten die meisten Herthaner Geld erhalten, 250.000 Mark waren verteilt worden.

Holst spielte auf Zeit. Über Monate verschleppte er Termine und Aussagen. Erst Ende April 1972, als der Klassenerhalt weitgehend gesichert war, offenbarte sich Holst vor dem Amtsgericht Moabit. DFB-Ankläger Hans Kindermann war außer sich vor Wut: „Sie haben Vereinsinteressen über das Verbands8interesse gestellt, Herr Holst. Dafür werde ich Sie lebenslang aus dem Verkehr ziehen.“ Der sah die Angelegenheit pragmatisch: „Hätte ich von Anfang alles gesagt, was ich gewusst habe, hätte es für die Aufklärung die Goldene Ehrennadel vom DFB gegeben – und Hertha wäre definitiv abgestiegen.“ Folgerichtig sperrte der Deutsche Fußball-Bund Holst auf Lebenszeit für alle Ämter.

Holst als stiller Berater

Im Sommer 1972 war Holst schon wieder unverzichtbar. Heinz Warneke, der neue Hertha-Präsident, setzte Holst als „stillen Berater“ ein. Prompt wurde die junge, vergleichsweise billige Tea, um Erich Beer und Wolfgang Sidka deutscher Vizemeister, erreichte das Finale im DFB-Pokal und das Halbfinale im Uefa-Cup.

„Wolfgang Holst kannte die Szene, gab Ratschläge und war zuverlässig in der Umsetzung von Anweisungen“, beschreibt Warneke die Zusammenarbeit. Aber die Rolle als „stiller Berater“ war für Holst nichts. Bei einer Uefa-Cup-Reise nach Tiflis hielt Holst die Bankett-Rede. Prompt meldete ein Hertha-Mitglied dem DFB, dass der gesperrte Holst aktiv sei. DFB-Präsident Hermann Neuberger drohte mit einer drakonischen Geldstrafe. „Da bin ich nach Saarbrücken zu Neuberger geflogen“, erinnert sich Warneke. Das Ergebnis der mehrstündigen Unterredung: Hertha bekam keine Geldstrafe, sondern nur eine Abmahnung. Die lebenslange Sperre von Holst wurde vom DFB auf fünf Jahre verkürzt. Und wenig später, auf Antrag von Hertha BSC, ganz aufgehoben.

1979 war Holst ganz oben – Präsident. Doch mit dem Verein ging es abwärts: In seine Amtszeit fielen zwei Bundesliga-Abstiege. 1985 ging Holst. Unter anderer Führung stieg Hertha 1986 gar in die Oberliga ab. Eine Schreckens8erfahrung, die Holst bis in die Gegenwart begleitet hat. Ex-Profi Erich Beer sagt Morgenpost Online zum aktuellen Bundesliga-Abstieg in diesem Sommer: „Ich weiß, dass Wolfgang im Abstiegsjahr und danach die Angst vor einer führungslosen Hertha geplagt hat.“

Fortan war Holst nicht mehr in der ersten Reihe tätig. Was nun folgte, waren die vielleicht wichtigsten Jahre seines Wirkens. Als Anfang der Neunziger Jahre die Zeichen auf Kommerzialisierung des Profifußballs standen, wurde Holst zum Dauer-Ansprechpartner. Als 1994 der Sportrechte-Vermarkter Ufa, heute Sportfive, bei Hertha BSC einstieg, redeten sie alle mit Holst: Ob Rolf Schmidt-Holtz oder Bernd Schiphorst, damals beide bei Bertelsmann tätig. Es gab die jeweiligen Präsidenten und Manager – und Holst. Holst wusste jenseits der Jahresbilanzen wie kein Zweiter um die Seele von Hertha.

Holst war ein Menschen-Freund. Er vermochte seinem Gegenüber das Gefühl zu geben, dass er wichtig sei. Ob es der Fan am Bratwurst-Stand war oder ein hochrangiger Firmen-Vertreter, den Holst versuchte für Hertha BSC zu gewinnen. Jahrzehntelang waren seine Reden die Höhepunkte vieler Mitgliederversammlungen.

Dauerzwist mit Dieter Hoeneß

Dabei war Holst nie pflegeleicht. In vielen Gesprächen mit dem damaligen Manager Dieter Hoeneß flogen die Fetzen, da saßen zwei Sturköpfe zusammen, die die Klaviatur im Durchsetzen von Standpunkten aus dem Effeff beherrschten. Je länger Holst im Verein war, desto wichtiger wurde seine ausgleichende Fähigkeit. Bei immerhertha.de, dem Blog von Morgenpost Online, erinnert sich Nutzer @egmonte: „Ich werde nie vergessen, wie wir nach einer Auswärtsfahrt sturzbetrunken mit der Bahn nach Hause gegondelt sind, im selben Zug war auch Wolfgang Holst. Er hat jeden von uns freundlich gegrüßt, wirkte überhaupt großväterlich fürsorglich. Als die Fahrkarten-Kontrolle kam und keiner ein Ticket vorweisen konnte, haben alle im Chor gerufen: ‚Die Fahrkarten hat Wolfgang Holst’. Der Schaffner zog ab und ward nie mehr gesehen. Jetzt isser im Himmel und legt beim Fußballgott ein gutes Wort für uns ein — danke für alles!!!“

Für die aktuelle Führungsriege um Präsident Werner Gegenbauer war Holst in der Krise im Winter 2009 und in diesem Frühjahr Gold wert. Es hagelte Abwahl8anträge gegen das Präsidium. Da zeigte Holst seine Qualitäten als Vermittler. Ob sonntagnachmittags zu Kaffee und Kuchen oder abends auf ein Bier – Holst traf sich mit allen Antragsstellern. Diskutierte alle Kritikpunkte. Zur Not auch bei einem zweiten oder dritten Treffen. Resultat: Sämtliche Anträge wurden zurückgezogen. Bei der einen Ausnahme, die aus formalen Gründen übrig blieb, gab es nach der Holst’schen Vorarbeit für das Präsidium ein überwältigend positives Votum.

Werner Gegenbauer, der aktuelle Präsident, sagte: „Ich hatte zu Wolfgang Holst ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Gerade wenn es schwierig wurde, war er der Fels in der Brandung.“

Holsts letzter Wunsch war, dass die Profis Hertha die Rückkehr in die Bundesliga schenken. Jetzt ist es an der Mannschaft, dieses Vermächtnis zu erfüllen.

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