Der Ball rollte und rollte und rollte auf Marco Sejna (38) zu. Wenn man so will, hatte der Torhüter von Hertha BSC in dieser 82. Minute beinahe endlos Zeit und einen Blumenstrauß an Optionen. Er hätte zu einem Einwurf für 1860 München klären können oder zu einer Ecke. Oder das Spielgerät plump in den Oberring von Münchens gewaltiger WM-Arena bolzen oder elegant zurück in seinen Strafraum zurück dribbeln können. Aber Sejna hatte einen folgenschweren Blackout und entschied sich für die schlechteste aller Optionen: Er wollte den Ball nahe der Eckfahne über die Torlinie holpern lassen. Doch 1860-Stürmer Djordje Rakic war gefährlich nahe gekommen, nun musste es blitzschnell gehen, weg war der Ball – und so hechtete Sejna und griff mit der Hand zu. Schiedsrichter Babak Rafati blieb keine Wahl: Rote Karte für Sejna; das vermeintliche Tor, das Ex-Nationalstürmer Benny Lauth im Anschluss an die Szene erzielte, erlangte keine Gültigkeit. Es machte nichts aus „Löwen“-Sicht, auch so brachten sie Hertha mit 1:0 (1:0) die dritte Niederlage in Serie bei. Der Hauptstadt-Klub fiel auf Rang fünf zurück. Ein erneuter schwerer Dämpfer für den Ligakrösus aus Berlin, für den am Ende der Saison einzig der Aufstieg zählt.
Mit einem 20-Meter-Traumtor hatte Lauth nach elf Minuten für die Hausherren getroffen. Das genügte für die Entscheidung in einem Spiel mit beidseits wenigen klaren Chancen. Zudem feierten Alfredo Morales und an seinem 20. Geburtstag Marvin Knoll – zwei weitere Hertha-Eigengewächse – ihr Profi-Debüt. Nicht zum gewünschten Resultat führte hingegen die Taktik-Änderung. Trainer Babbel hatte sich erstmals für das eher konservative 4-4-2-System mit zwei defensiven Mittelfeldspielern entschieden.
In Herthas zwar bemühten, aber bei allem Aufwand wenig konturierten Versuch einer Schlussoffensive hinein fiel Sejnas Fauxpas. Als hätte die vergangene Saison bei Hertha in Hinsicht auf die Torhüter nicht schon genügend absonderliche Geschichten geliefert, reiht der 38-Jährige sich ein in das niemals lustige Kuriositätenkabinett. Weil Trainer Markus Babbel schon dreimal gewechselt hatte, musste ein Feldspieler ins Tor – Fabian Lustenberger schnappte sich das Torwarttrikot von Sascha Burchert. Purer Zufall? „Nein“, sagte der gelernte Mittelfeldspieler, der aus der allgemeinen Personalnot heraus zunächst ein (rundum solides) Profi-Debüt als Innenverteidiger gegeben hatte: „Ich habe gesehen, dass Roman Hubnik ins Tor wollte, da dachte ich: Der ist groß und kopfballstark, den brauchen wir womöglich noch vorne bei Standards.“ Er habe „noch niemals zuvor in einem Fußballtor gestanden“, sagte Lustenberger, doch dafür machte der Schweizer seine Sache in den verbleibenden zehn Minuten gut. Glück hatte er bei Leitners Schuss ans Lattenkreuz (84.). Aber je einen Ball von Rakic stoppte er mit dem Fuß respektive den Händen. „Er hat sehr gut in der Abwehr gespielt und darüber hinaus einen guten Torwart abgegeben“, lobte Babbel.
Klar ist, dass in Abwesenheit des verletzten Maikel Aerts und für die Dauer von Sejnas Sperre durch die DFB-Sportgerichtsbarkeit nun die Nummer drei ins Hertha-Tor rücken wird, Sascha Burchert. „Auch er ist ein klasse Keeper“, sprach Babbel dem 21-Jährigen sogleich Mut zu. Für Sejna hatte der Trainer erwartungsgemäß keine huldigenden Worte. „Marco schläft. Er muss früher zum Ball oder sauber klären, aber wenn er außerhalb des Sechzehners mit der Hand rangeht, ist es klar, dass das Rot ist. Außerdem hat er uns so in eine Situation gebracht, in der es extrem schwer wurde, noch ein Tor zu machen.“
Im Wissen um seine Schuld konnte Sünder Sejna nicht anders, als sich reuig zu zeigen: „Klar, das war bescheuert. Ich habe totalen Mist gebaut.“ Noch in der Kabine entschuldigte er sich bei den Mitspielern. Kollege Peter Niemeyer sagte dazu: „Das brauchte er nicht zu tun. Dann müssten wir uns ja bei ihm entschuldigen, dass wir wieder kein Tor geschossen haben.“ Damit fasste der Mittelfeldspieler, der seine fünfte Gelbe Karte sah und damit gegen Tabellenführer Erzgebirge Aue gesperrt ist (Sonntag, 13.30 Uhr), das zweite große Versäumnis aus Berliner Sicht treffend zusammen. Drei-, viermal kam Hertha aussichtsreich zum Abschluss, meist durch Nikita Rukavytsya. Doch jedes Mal fehlte der letzte Tick, sei es Schussglück oder die Entschlossenheit, den abgewehrten Ball im Nachsetzen über die Linie zu arbeiten. So wie bei Rukavytsyas Schrägschuss zu Beginn der zweiten Halbzeit, den 1860-Verteidiger Stefan Buck noch von der Linie kratzte. „Da ist dann keiner da, der mit aller Gewalt das Tor machen will“, beklagte Babbel ein nun schon seit Wochen auffälliges Problem seiner Mannschaft.
Fazit: In dieser Verfassung wird Hertha sicher nicht aufsteigen.
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