Kein Abitur

Hertha-Nachwuchs Nico Schulz schmeißt die Schule

Das Berliner Talent will sich voll und ganz auf den Fußball konzentrieren – und regt bei Hertha eine Debatte über die ganzheitliche Ausbildung von jungen Fußballern an. Markus Babbel und Michael Preetz sind wenig begeistert von der Entscheidung.

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Nein, Aprilscherze mag Nico Schulz nicht. Aber er muss damit leben, dass kaum jemand so oft in den April geschickt wie er. "Ich kenne es nicht anders. So lange ich mich erinnern kann, ist es so gewesen", sagt Schulz. Sein Geburtstag animiert dazu, Schulz wird heute, am 1. April, 18 Jahre alt.

Das Talent wird volljährig. Wenn Gleichaltrige überlegen, wie schnell sie den Führerschein machen können und wann sie zum ersten Mal wählen dürfen, stehen für Schulz weitreichendere Fragen an. In diesem Frühjahr wird der Jung-Profi von Hertha BSC Entscheidungen treffen, die grundsätzliche Auswirkungen auf seinen Lebensweg haben werden.

Eine hat er bereits getroffen. So hat sich Schulz entschieden, kurz vor Ende der 12. Klasse von der Poelchau-Oberschule in Siemensstadt abzugehen. Profifußball statt Abitur. Schulz sagt, warum er so entschieden hat. "Meine Mutter hat bemerkt, dass es immer mehr geworden ist." Die tägliche Hatz in die Schule mit den ersten beiden Stunden. Weiter zum Vormittagstraining, zurück in die Schule, Unterricht, Nachmittagstraining. Abends Schularbeiten. Dazu die Auswärtsreisen mit Hertha, Lehrgänge für die Jugendnationalteams des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Das führte zu Fehlzeiten im Unterricht, den Stoff galt es nachzuholen. Schulz: "Irgendwann war die Belastung zu groß." Im Familienrat habe man diskutiert. Und entschieden, die Schule abzubrechen. "Ich habe die Mittlere Reife. Und kann das Abi später nachholen, wenn ich will."

Volle Konzentration auf den Fußball. Die Diskussion, ob das sinnvoll ist, gab es gerade in der Branche. Da hatte es geharnischte Kritik am Vorgehen des damaligen Schalke-Trainers Felix Magath gegeben. Der hatte die Eltern von Julian Draxler (17) unverblümt aufgefordert, ihren Jungen von der Schule zu nehmen. Bei dessen Talent könne er im Fußball mehr Geld als genug verdienen. Daraufhin hatte sich ein verärgerter DFB-Sportdirektor Matthias Sammer gesagt: "Es ist schade, dass es in Deutschland nicht zu schaffen ist, dass außergewöhnliche Fußballer individuell gefördert werden." Es müsse doch möglich sein, Draxler mit "Extra- oder Einzel-Unterricht" zum Abitur zu verhelfen.

Bei Schulz liegen die Dinge anders. Michael Preetz, Manager von Hertha BSC, verweist auf das Ziel einer ganzheitlichen Ausbildung: "Ein guter Schulabschluß ist dabei der erste Schritt, eine vernünftige Ausbildung der zweite." Deshalb bietet der Klub Schularbeiten-Hilfe, Nachmittagsbetreuung und Nachhilfe an. Seit Jahren besteht ein enger Draht zur sportbetonten Poelchau-Oberschule.

Zu Schulz sagt Preetz, er wäre nicht zufrieden, wenn es sich um seinen Sohn handeln würde. "Aber der Einfluß des Vereins endet an der Haustür des Elternhauses. Wir müssen akzeptieren, dass die Familie sich für eine andere Lebensplanung entschieden hat."

Da hat Schulz durchaus Argumente. Als 17-Jähriger hat er es in seinem ersten Jahr bei den Profis auf wahrlich erstaunliche 17 Einsätze gebracht (bei 27 Saisonspielen). Schulz, gelernter Linksverteidiger, hat viele Eigenschaften, die im modernen Fußball gefragt sind: Er ist schnell, beidfüßig, technisch gut, unerschrocken. Er sagt: "Ich bin dicht dran, gehöre zu den 16, 18 Spielern, die immer dabei sind. Ich will mich bei Hertha durchsetzen. Und dann in der Bundesliga." Auch aus seinem Fernziel macht der vielfache Junioren-Nationalspieler kein Hehl: "Ich Nationalspieler werden."

Dennoch ist sein Vorgesetzter nicht zufrieden. Trainer Markus Babbel: "Wenn ich so lange dabei bin, 12 von 13 Jahren fürs Abitur gemacht habe, dann will ich das doch zu Ende bringen." Das habe er Schulz auch deutlich gesagt. " Nico wollte das nicht, das müssen wir jetzt akzeptieren." Eigentlich könnte sich der Trainer freuen. Da Schulz nun voll und ganz für die Arbeit zur Verfügung steht. Babbel runzelt die Stirn: "Training kann auch ganz schön unangenehm sein."

Das Unwohlsein im Verein hat zwei Gründe. Bei Hertha haben sie den Eindruck, dass der Verein häufig mehr Wert auf die außerfußballerische Ausbildung legt, als einige Talente. So haben im Vorjahr mit Sascha Bigalke, Lennart Hartmann und Florian Riedel zwar einige Youngster die Doppelbelastung mit dem bestandenen Abitur abgeschlossen. Aber es gibt auch Fälle wie den eines Talentes, das derzeit auf dem Sprung zu den Profis ist, seine dreijährige Ausbildung bei der Bahn aber drei Monate vor dem Ende hinwarf.

Dazu kommt bei Schulz die Befürchtung, ob er mit seinem Schulabbruch einen Vereinswechsel vorbereitet. Das Angebot von Hertha, seinen bis 2012 laufenden Vertrag vorzeitig bis 2015 zu verlängern, hat er seit Monaten ausgeschlagen. Nun haben sich Manager Preetz und Schulz verabredet, nach dessen 18. Geburtstag zu verhandeln. Schulz, seit elf Jahren im Verein, sagt: "Ich will es bei Hertha schaffen." Gleichwohl sind ihm die Profigebräuche längst klar. "Aber man weiß ja nie, was passiert."

Ob es Zufall ist, dass sich seit Monaten das Gerücht hält, sein ehemaliger Jugendtrainer Dirk Kunert wolle Schulz zu seinem neuen Arbeitgeber locken – zu Bayer 04 Leverkusen?

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