In Hamburg hat sich gerade ja so etwas wie der neue Chefkritiker des deutschen Fußballs zu Wort gemeldet. Im Grundsatz drehte sich die aktuelle Wutrede dieses Frank Rost um den nach seinem Dafürhalten beanstandungswürdigen Umgang von Vereinen mit ihrem kickenden Personal, und im Besonderen kritisierte der Torwart des HSV, wie sein Arbeitgeber im Sommer Jaroslav Drobny verpflichtet hat, um damit Druck auf ihn, Rost, auszuüben – aber dieser Schlussmann wohl nur als Druckmittel diente, aber nie eine feste Aussicht hatte, auch tatsächlich spielen zu dürfen.
Während das ein Problem des HSV ist und bleibt, ist damit die Brücke geschlagen zu Drobnys Ex-Klub Hertha BSC. Der Hauptstadtklub sieht sich einer ganz ähnlichen Spielerdebatte ausgesetzt. Wie, bitteschön, kann es sein, dass mit Raffael der nach Ansicht vieler Experten beste Spieler der Zweiten Liga beim besten Team der Zweiten Liga nicht über eine Reservistenrolle hinauskommt. Und das, obwohl der Klub im vergangenen Sommer hart gerungen hat um den Verbleib des Brasilianers und ihm zu seinem Wohlgefallen sogar einen lang gehegten Wunsch erfüllt – und Brüderchen Ronny zur seelischen Stärkung verpflichtet hat.
Und nun war dieser Raffael zweimal in Folge nur Einwechselspieler, beim 2:0 in Fürth genauso wie beim 3:1 in der Partie zuvor gegen den FSV Frankfurt. „Natürlich war Raffa enttäuscht. Aber er hat das sehr professionell akzeptiert“, bilanziert Markus Babbel, als Trainer der Zuständige für das gewagte Personalkonstrukt. Jeweils erst nach gut einer Stunde schickte er seinen Spielmacher aufs Feld – um, so die offizielle Form der Darstellung, einem bis dahin von den Kollegen müde gespielten Gegner durch einen frischen Schuss Spielfreude endgültig den Garaus zu bereiten. Gegen Frankfurt klappte das; Raffael erzielte das Tor zum Endstand. In Fürth war er bemüht, blieb aber in seinen Aktionen wirkungslos.
Als säße Messi in Barcelona draußen
Einen Spieler von der Extraklasse Raffaels zum Bankdrücker zu degradieren, ist so, als hielte Pep Guardiola beim FC Barcelona aus einer Leidenschaft heraus Lionel Messi aus der Startelf heraus. Doch es ist keine Laune, die Babbel so handeln lässt. Er hat vielmehr andere Pläne mit Raffael, der von Hertha BSC im Januar 2008 als so genannter Neuneinhalber verpflichtet worden war, also als ein Spieler, der im Schatten eines Strafraumstürmers für Torgefahr sorgen soll. Damit versuchte es Raffaels Entdecker und Förderer Lucien Favre, er probierte ihn auch rechts und links im Mittelfeld aus, aber alles ohne den echten durchschlagenden Erfolg. Als es dann Friedhelm Funkel mit der von Favre abgelehnten Mittelfeldraute gab, durfte Raffael auf der für ihn scheinbar maßgeschneiderten Spielmacherposition hinter zwei Spitzen ran – wieder war der Ertrag überschaubar.
Mit Babbel versucht sich nun also der dritte Hertha-Trainer an Raffael – und glaubt, dessen Idealposition gefunden zu haben. „Raffa hat das meiste Potenzial auf der Sechs. Da hat er das gesamte Feld vor sich. Als Zehner macht er mir zu wenig Tore, aber er ist der spielstärkste Sechser bei uns. Da er aber gerade umgeschult wird, braucht das etwas Zeit.“ Weswegen der Fußballlehrer Babbel nicht davor zurückschreckt, seinen Schüler so lange behutsam an die neue Kunst heranzuführen, bis er der Meinung ist, dass er sie in Spielen 90 Minuten zum Wohle der Mannschaft ausüben kann.
Freitag, in Ingolstadt, wird Babbel dazu gezwungen sein. Mag es auch Spiele geben, in denen er, wie er sagt, „zwei gelernte Sechser haben will, damit wir in der Mitte erst mal kompakt stehen“, ist das beim Tabellen-15. nicht zwingend notwendig. Und auch nicht möglich. Denn Peter Niemeyer fehlt gelbgesperrt, obendrein ist die filigrane Muskulatur in Fabian Lustenbergers Wade derart stark verhärtet, dass Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher sagt, es werde „eng für Freitag“.
Das macht mindestens einen Platz frei für Raffael; gut möglich außerdem, dass der ein wenig in den Hintergrund geratene Fanol Perdedaj (19) mal wieder ran darf. Für den deutschen U-Nationalspieler gilt Ähnliches wie für Raffael. „Wir haben mehrere Härtefälle“, sagt Babbel, der es sogar begrüßt, wenn Reservisten wie Raffael oder Perdedaj unzufrieden sind mit ihrer Situation: „Die Spieler können ruhig sauer auf mich sein. Worauf es ankommt, ist, dass sie den Frust in Leistung auf dem Platz umsetzen.“ Und was Babbel da speziell von Raffael gesehen hat, hat ihm gefallen. „Er ist nicht beleidigt rumgelaufen, sondern war sofort sehr präsent und hat für Schwung gesorgt.“
Privates Glück
In Zeiten wie diesen ist es schon außergewöhnlich, wenn ein hoch veranlagter Spieler wie Raffael nicht sofort mit Wechselgedanken droht, wenn er sein exponiertes Standing im Verein in Gefahr sieht. Außergewöhnlich erst recht, wenn im Hintergrund kein Berater versucht, bei seinem Klienten Stimmung zu machen für einen Vereinswechsel, an dem schließlich alle Beteiligten verdienen können. Doch dieser Dino Lamberti riet Raffael schon nach dem Abstieg, Hertha treu zu bleiben. „Um in Liga zwei ein noch besserer Spieler zu werden“, wie er damals argumentierte. Dafür und für einen bis 2014 verlängerten Vertrag nahm Raffael kurzfristig sogar finanzielle Einbußen in Kauf; Geld, das Hertha ihm nach einem Aufstieg erst nach und nach auszahlen muss.
Und nun? Neun Tore hat Raffael geschossen und fünf vorbereitet, diese 14 Scorerpunkte qualifizieren ihn nach absolvierten 26 Spieltagen gerade noch so für eine Top-10-Platzierung im Liga-Ranking. Das ist nicht schlecht, entspricht aber gewiss nicht dem, was Spieler, Berater und auch der Verein sich von der Mission „mit Raffael in Liga zwei“ versprochen haben.
Und doch ist aus dem Umfeld des Spielers zu vernehmen, dieser sei gegenwärtig außerordentlich zufrieden. Es ist die private Situation, die Raffael über alle sportlichen Sorgen hinweglächeln lässt: Ehefrau Jamilly ist hochschwanger, im April bekommt der zweieinhalbjährige Raffael Nunes ein Brüderchen.
Und überhaupt, sportliche Sorgen? Natürlich wolle er als Profi immer spielen, sagt Raffael, und dass er dazu eben nicht nur gut, sondern noch besser als das spielen müsse. „Dann kann der Trainer nicht auf mich verzichten.“ Priorität habe aber sowieso der Erfolg der Mannschaft. Noch acht Spiele sind es bis Saisonende – „24 weitere Punkte stehen auf dem Spiel und diese müssen wir uns erst noch erkämpfen“, sagt Raffael: „Diese letzten Spiele sind nun die Entscheidung, ob Hertha BSC es in die Bundesliga zurückschafft. Wir sind auf dem richtigen Weg."




