Nasskalt war’s. Temperaturen um den Gefrierpunkt. Grau, es grieselte. „Genauso wie das Wetter ist es hier in Berlin“, redete sich einer in Rage. „Das ist doch ein Scheißleben, immer nur das Negative rauszugraben.“ Der da redete, war Markus Babbel (39). Die Stimmung des Hertha-Trainers schwankte irgendwo zwischen bestürzt, traurig und wütend. Wütend, weil er findet, dass die Leistungen der Mannschaft in der Stadt nicht respektiert werden. „Wie viel Absteiger aus der Bundesliga schaffen den Wiederaufstieg souverän? So gut wie niemand. Wir sind mit Hertha BSC mit 52 Punkten Tabellenführer.“ Doch er werde nur gefragt, ob er seinem Torwart den Rücken stärken müsse. „Ich muss Maikel Aerts den Rücken nicht stärken. Ich verstehe die ganze Diskussion nicht.“ Einmal in Fahrt legte Babbel nach. Es gebe überhaupt keine Überlegungen über einen Torwartwechsel. „Maikel ist meine klare Nummer eins. Ich habe von ihm gegen Frankfurt ein gutes Spiel gesehen. Mit der einen Ausnahme kurz vor der Pause, als er den Ball aus den Händen rutschen lässt.“

Akribisch rechnet der Trainer vor, warum die Fehler, die Aerts vorgeworfen werden, keine seien: „Beim Gegentor kann er nichts machen. Als er in der zweiten Hälfte rauskommt, macht Maikel alles richtig. Er drängt den Stürmer zur Seite bis zur Grundlinie ab, geht aber nicht ran an ihn, sodass keine Elfmeter-Situation entstehen kann.“ Babbel war böse. „Maikel hat so viele gute Spiele gezeigt, trotzdem wird hier permanent an ihm gezweifelt. Die Frage langweilt mich, ob er den einen Abschlag nach halblinks hätte spielen sollen statt nach halbrechts. Wo lese ich, dass er mit einem schnellen Abwurf unser 1:1 eingeleitet hat?“

Getroffen hat Babbel der Vorwurf, sein Umgang mit der Formkrise des Torwarts sei mangelhaft. „Ich werde hier hingestellt, als würde ich meine eigenen Spieler denunzieren. Das finde ich sehr enttäuschend.“

So weit die Befindlichkeit vom Trainer des Tabellenführers, Markus Babbel, nach dem 3:1 gegen den FSV Frankfurt. Tritt man einen Schritt zurück, zeigt sich indessen, dass der Coach durchaus den Löwen-Anteil an der Torwart-Diskussion hat. Babbel hat in den Emotionen unmittelbar nach Schlusspfiff deutliche Kritik geübt: Aerts habe erneut kein sicheres Spiel gezeigt. Er müsse mental stärker werden. Eigentlich sei er kein Freund von Torwartwechseln. Aber er werde sich mit dem Torwarttrainer die DVDs der vergangenen Spiele anschauen. „Es geht darum, was das Beste für die Mannschaft ist.“

Babbel ist ein ehrlicher, direkter Typ. Das ehrt ihn und ist einer der Gründe, warum er bei den Fans beliebt ist. Aber, ohne ihm zu nahe treten zu wollen, diese Aussagen am TV-Mikrofon waren nicht klug. Weil ein Torwart, der seit Wochen verunsichert ist, von seinem Vorgesetzten öffentlich Unterstützung braucht. Die hat Babbel Aerts nun mit einem Tag Verspätung ausgesprochen. Es wird keinen Torwartwechsel geben, Aerts ist „die klare Nummer eins“.

Gleichwohl offenbart der Arbeitssieg gegen den FSV Frankfurt nicht nur die unterschiedlichen Seiten des Torwarts, sondern auch des Trainers. Am Tag danach sagte Babbel: „Hier in Berlin muss man auf jedes Wort aufpassen. Aber Sie kennen mich doch mittlerweile auch, manchmal bin ich sarkastisch oder ironisch.“ Das war nett gemeint, ging aber an den Tatsachen vorbei. Babbel weiß manchmal nicht, welche seiner Aussagen wie wirken. Wenn der Trainer des Spitzenreiters neun Spieltage vor Saisonende öffentlich etwas zum Thema Torwartwechsel sagt, bringt das Verunsicherung ins Team.

Was die Frage aufwirft: Warum redet Babbel so? Eigentlich ist die Führung der Mannschaft doch eine seiner Stärken. Gleichzeitig ist der 39-Jährige immer noch ein junger Trainer. Er erlebt bei Hertha gerade seine zweite Saison im Amt. Wenn das Adrenalin unmittelbar nach Spielende noch durch die Adern schießt, gibt er derzeit Interviews, die mit ein klein wenig Abstand anders ausfallen dürften.

Im Verein registrieren sie die Ereignisse. Gleichwohl genießt Babbel volle Unterstützung. Ob Manager Michael Preetz oder Präsident Werner Gegenbauer, es imponiert den Verantwortlichen, dass der Trainer viele Dinge richtig macht.

Manchmal sind es Dinge, die kaum jemand weiß. So lobte Babbel eher am Rande Patrick Ebert. Es habe sich gezeigt, „dass die Art und Weise, wie wir ihn herangeführt haben, richtig gewesen ist“. Dabei stand die Zusammenarbeit zwischen Ebert und Hertha noch im Januar unmittelbar vor dem Ende. Ebert war nach seiner halbjährigen Verletzungspause überhaupt nicht amüsiert, dass er einen Umweg über die U23 machen sollte, um Spielpraxis zu sammeln. Ein, zwei Tage war der Publikumsliebling der Meinung, dass er das nicht machen wollte. Babbel war frustriert und genervt. Weil er im vergangenen Sommer ungeachtet vieler Warnungen auf Ebert vertraut hatte – in jenen Wintertagen lag eine sofortige Trennung in der Luft. Doch Ebert besann sich, spielte bei der U23. Und krönte im mittlerweile vierten Einsatz bei den Profis seine Leistung mit einem ebenso schönen wie schwierig zu erzielenden Tor. Ebert gab sich bescheiden: „Das war ein geiles Gefühl. Aber hängt das jetzt nicht zu hoch. Wir wollen noch viel mehr.“

Da haben der Trainer und sein schwieriger Spieler miteinander gerungen – und das Ergebnis kennt nur Gewinner. Das ist eine der Stärken von Babbel. Ebenso wie sein Vertrauen, dass er in die Hertha-Talente wie Pierre-Michel Lasogga, Fanol Perdedaj, Sebastian Neumann, Nico Schulz und Marco Djuricin setzt. Der Cheftrainer ergänzt sich mit den Stärken von seinem Cotrainer Rainer Widmeyer. Allerdings sollte Babbel schauen, dass er sich nicht, gemeinsam mit Torwarttrainer Christian Fiedler, der in seiner ganzen Karriere nicht vor Optimismus gesprüht hat, in einer Wagenburg verschanzt. Motto: In Berlin sind alle gegen uns.

Babbel ist nach wie vor am Anfang seines Trainerweges. Er bringt interessante Anlagen mit. Allerdings ist das eine oder andere zu lernen. Der Stand von heute ist: Wenn Hertha mit Babbel aufsteigt, geht der Klub mit dem Aufstiegstrainer in das Abenteuer Bundesliga. Und Babbel darf ruhig wieder mehr auf seinen Optimismus zählen. Gestern kreierte er trotz seiner Verbitterung noch ein neues Sprichwort: „Ich bin 100prozentig überzeugt, dass wir unser Ziel erreichen. Ich hatte nur gehofft, dass wir hier mit den Medien an einem Strang ziehen. Dem ist nicht so. Gut, dann ziehen wir den Fisch alleine durch.“