Zweite Liga

Hauptsponsor Bahn ist für Hertha Glücksgriff

Es war ein Zeichen: Obwohl der Aufstieg noch nicht sicher ist, bleibt die Bahn bis 2013 Hertha-Hauptsponsor. Morgenpost Online erklärt, warum der Deal trotz geringerer Zahlungen ein Glücksgriff ist.

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Früher war es meist umgekehrt. Als der Vorsitzende der Geschäftsführung bei Hertha BSC noch Dieter Hoeneß hieß, ließ der Fußballklub seine Partner gern warten. Was sind schon 30 Minuten für einen Regierenden Bürgermeister? Doch die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen die Sitten. Gestern nun standen sie überpünktlich in einer Reihe, die Geschäftsführer Michael Preetz und Ingo Schiller, und auch Werner Gegenbauer, der Präsident. Standen und warteten im 21. Stockwerk des Bahn-Towers am Potsdamer Platz auf den Herrn des hohen Hauses, auf Bahnchef Rüdiger Grube, der erst mit einigen Minuten Verspätung zum gemeinsamen Pressetermin erschien.

Dabei ist Wartenlassen an sich so gar nicht Grubes Stil. „Wenn man glücklich ist, soll man nicht glücklicher sein wollen“ – so habe es dereinst nicht ohne Grund auf der Einladung zu seiner Hochzeit gestanden, erzählte er, und diesem Grundsatz folgend wurde auch bereits jetzt der Mitte des Jahres endende Vertrag seines Konzerns als Haupt- und Trikotsponsor von Hertha BSC verlängert. Gestern ratifizierten beide Seiten die Ausdehnung ihrer Partnerschaft bis ins Jahr 2013. Die Bahn habe „dieses frühe Bekenntnis zu Hertha gegeben, damit keine Zweifel über die Festigkeit unseres Miteinander aufkommen konnten“, erklärte Grube: „Die Bahn steht zu Hertha wie eine Eins, wie eine deutsche Eiche. Das verspreche ich.“

Überwältigt von diesen Worten mochte Gegenbauer „einfach nur Danke sagen“. Er sei stolz darauf, dass Hertha von einem Unternehmen wie der Bahn trotz des Abstiegs aus der Bundesliga für würdig befunden worden sei, weiter zusammenzuarbeiten, und dieses hohe Maß an Demut dokumentiert nicht nur recht gut, wie die Zeiten sich bei Hertha BSC, sondern im Profifußball an sich geändert haben. So freut sich ein Fußball-Unternehmen über den Abschluss eines Vertrages, über den seine Kritiker urteilen werden: weniger Geld als vorher für den wichtigsten Kontrakt im Portfolio eines Profivereins? Wie will, wie soll sich da Erfolg einstellen?

Vertrag gibt Planungssicherheit

Doch Hertha brauchte einen Abschluss in diesem Segment. Stichwort Planungssicherheit: Spätestens bis 15. März muss der Klub bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) in Frankfurt die Unterlagen für das Lizenzierungsverfahren für die Saison 2011/12 einreichen – und kann seit gestern einen Haken unter die bis dahin noch vakante Rubrik „Hauptsponsor“ setzen. Von einem „wichtigen Eckpfeiler für die wirtschaftliche Planung der kommenden Spielzeit“ spricht denn auch Finanzgeschäftsführer Schiller.

Natürlich wollen alle Beteiligten dann in die Bundesliga zurückgekehrt sein. Nur gibt es dafür keine Garantien. Mit dem neuen Kontrakt ist immerhin sichergestellt, dass die Bahn in beiden Fällen Trikotsponsor von Hertha sein wird – sowohl in der höchsten als auch der Zweiten Liga. Im Gegenzug musste der Verein akzeptieren, dass die Garantiesumme geringer ausfällt als bisher. So erhält Hertha 4,5 Millionen Euro für die Bundesliga. Für einen Aufsteiger ist das eine außerordentliche Summe. Allerdings liegt sie unter dem Betrag des im Juni auslaufenden Vertrages (5,5 Millionen für die Bundesliga). Ganz zu schweigen von den sieben Millionen Euro, die für den ersten Kontrakt 2006 bis 2009 ausgehandelt waren. Mit dem Unterschied indessen, dass Hertha damals den Uefa-Cup und die Champions League im Visier hatte.

Partner mit Strahlkraft

Die Gegenwart erfordert jedoch andere Perspektiven. Hertha und seinem Sportrechtevermarkter Sportfive ist es damit trotz der Turbulenzen samt Bundesliga-Abstieg gelungen, seine namhaften Partner zu halten. Da geht es nicht nur ums Geld, sondern auch um Strahlkraft und Prestige. Mit der Bahn als Trikotsponsor, Nike als Ausrüster und Audi als Autopartner setzen die Entscheider von wertvollen Marken auf Hertha BSC. Dabei kann der Klub selbst als aktueller Tabellenführer der Zweiten Liga mit fünf Punkten Vorsprung auf die Nicht-Aufstiegsplätze aus heutiger Sicht eines nicht garantieren: den Bundesliga-Aufstieg. So war es eine Prämisse des Präsidiums, einen Hauptsponsor-Vertrag abzuschließen, der für beide Ligen Gültigkeit hat. Das ist gelungen. Sollte der Aufstieg verpasst werden, bleibt die Bahn trotzdem an Bord. In diesem Fall wird Hertha in Liga zwei noch immer drei Millionen Euro erhalten. Sollte der Aufstieg dann ein weiteres Jahr verpasst werden, Hertha also auch in der Saison 2012/13 noch Zweitligist sein, hat die Bahn das Recht zum vorzeitigen Ausstieg aus der Vereinbarung.

Doch sagte Bahnchef Grube, er gehe zum einen nicht davon aus, dass es so kommen wird. Er sei vielmehr „absolut optimistisch, dass 2011 ein Jahr des Aufstiegs wird“. Und für diesen Fall habe sein Unternehmen dem Fußballklub das Vertragsjahr 2012/13 verbindlich „als kleines Würstchen mit drangehängt“ – mit der noch weiterführenden Hoffnung, es auch dann so gut zu machen, „dass 2013 noch lange nicht Schluss sein muss“.

Einmal wie ein ICE in Fahrt geraten, widersprach Grube der Ausschließlichkeit der Feststellung, dass die Bahn ein Haltesignal setzen wird, wenn Hertha über 2012 hinaus in der Zweiten Liga versauert. Wie in einer Ehe sei das, dozierte Grube: „Da hält man auch in schwierigen Zeiten zusammen“, das jedenfalls verstehe er unter einer Partnerschaft. Hertha habe sich „in der Krise hervorragend geschlagen“, und wo deren Bewältigung sich abzeichne – Grubes Hand zischte dabei nach vor wie ein Schnellzug – da lebe in ihm schon die Vorfreude auf den nahenden Spurwechsel zurück in Liga eins. „Die marschieren da durch, davon bin ich überzeugt.“ Die Weichen dorthin wird der Klub in den kommenden Wochen stellen müssen. Gleichwohl sind im Falle einer Bundesliga-Rückkehr die Zeiten hochfliegender Ziele vorbei. Der von Hoeneß gelebte Traum, mit der Schale durchs Brandenburger Tor zu fahren, das offensiv kommunizierte Vorhaben, Hertha soll einer der Top-20-Klubs in Europa werden – alles Vergangenheit. Die neue Bescheidenheit hat Hertha-Präsident Gegenbauer erst diese Woche in einem Morgenpost-Interview formuliert. Als Aufsteiger, sagte er, „wollen wir die Klasse halten. Dann Stück für Stück ein etablierter Bundesligist werden. Bei Mitgliedern und Fans ist Realismus vorhanden. Den echten Herthanern ist bewusst, dass unser Ziel allein der Klassenerhalt sein kann. Das werden wir auch so kommunizieren.“

Doch wie passt das zu einem Partner, der das größte Eisenbahninfrastruktur-Unternehmen in Europa ist? Der rund 240.000 Mitarbeiter hat und seinen Hauptsitz seit dem Jahr 2000 in Berlin? Die ersten beiden Verträge 2006 und 2009 waren in der Öffentlichkeit als Ergebnis einer Golf-Freundschaft zwischen den damals starken Männern in den Unternehmen – Hoeneß und Hartmut Mehdorn – wahrgenommen worden. Das war da schon nicht ganz richtig. In jedem Fall hat sich die Beziehung der ungleichen Partner entwickelt. Das 45-Millionen-Unternehmen Hertha und der 30-Milliarden-Global-Player Deutsche Bahn – „zwei wichtige Partner aus der Hauptstadt verlängern ihre Kooperation“, stellt Gegenbauer zufrieden fest. Seiner Wahrnehmung nach handele es sich um „ein Erfolgsmodell zweier starker Berliner Unternehmen“.

Grube outet sich als Gegenbauer-Fan

Eine überraschende Volte nahm der Termin dann aber doch noch. Wie er denn als Mehdorn-Nachfolger dem Hertha-Sponsoring zu Anfang gegenübergestanden habe, wurde Grube in kleiner Runde gefragt, und so begann er davon erzählen, wie er in seinen ersten 100 Tagen im neuen Amt nach und nach alle Partner kennen gelernt habe. Am Ende dieser Begrüßungstour stand ein Treffen mit Gegenbauer, und schnell entwickelten die beiden Unternehmer „eine von Respekt getragene Freundschaft“, und er, Grube, müsse dieses eine jetzt noch sagen: Er, der „von Haus aus kein Fußballfan“ ist, sei durch Gegenbauer bekehrt worden. Jenen Mann, „mit dessen persönlichem Vermögen Hertha steht und fällt“. Damit stand ein kleines Geheimnis nun ausgeplaudert im Raum. Schon seit Jahren gibt es Spekulationen, wonach Gegenbauer Hertha in verschiedenen Formen und Situationen mit nennenswerten Summen unterstützt habe. „Wo gibt es das heutzutage noch, dass einer mit seinem persönlichen Vermögen in einen Verein geht? Davor habe ich Respekt, Gegenbauer ist ein Vorbild“, schwärmte Grube.

Genau aus dem Grund, weil er solche öffentlichen Hymnen scheut, würde der Hertha-Präsident seine freiwilligen finanziellen Engagements niemals offenlegen. Doch wie der Morgenpost aus zuverlässiger Quelle bestätigt worden ist, hat Gegenbauer im Umfang einer nicht unerheblichen siebenstelligen Summe Anteile an der jüngst aufgelegten Fan-Anleihe gezeichnet. Zumindest so viel ist seit gestern sicher. Alles andere bleibt Spekulation.