Finanzspritze

Hertha und die acht Millionen von Mister X

Die Lizenz ist sicher! Dank der Finanzspritze eines anonymen Investors könnte sich Hertha sogar ein weiteres Zweitligajahr erlauben. Dafür gibt der Klub Anteile an seinen Stars ab. Morgenpost Online erklärt den Deal.

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Es wird eine Premiere sein. Die Papiere, die die Finanzkontrolleure der DFL am 15. März auf den Tisch bekommen, hat es im deutschen Profifußball noch nicht gegeben. Die Dokumente kommen aus Berlin, genauer gesagt von Hertha BSC. Teil der Lizenz-Unterlagen für die Saison 2011/12 wird ein Modell sein, das der Hamburger SV so ähnlich im vergangenen Sommer eingereicht hat. Doch die Variante von Hertha BSC wird sich in entscheidenden Punkten unterscheiden.

Wie Morgenpost Online exklusiv berichtet hat, erhält der notorisch finanzschwache Zweitligist für das kommende Spieljahr eine Geldspritze von acht Millionen Euro. Das Modell ist so angelegt, dass die Summe dem Eigenkapital zugerechnet wird. Der komplette Betrag wird eingesetzt, um die relativ hohen Verbindlichkeiten von rund 39 Millionen Euro auf dann 31 Millionen zu senken. Nun sind mehr Details des Deals bekannt.

HSV-Fehler vermeiden

Allerdings: Zu der am häufigsten gestellten Frage gibt es keine Antwort: Wer zahlt das Geld? Teil der Konstruktion ist die Anonymität des Investors. Warum das so ist, dazu später mehr.

Als Gegenleistung für die acht Millionen wird Hertha dem Geldgeber Anteile an bestimmten Spielern abtreten. Vorgesehen ist ein Pool von vier bis sieben Profis. An diesen Kickern hält der Investor zwischen 30 und 50 Prozent der Transfererlöse (der genaue Anteil wird einzeln festgelegt). In den Pool werden wohl die wertvollsten Spieler eingebracht. Man darf an Spielmacher Raffael denken oder Adrian Ramos, Fabian Lustenberger oder Roman Hubnik.

Ein Rechenbeispiel: Der Marktwert von Lustenberger wird laut transfermarkt.de derzeit auf zwei Millionen Euro taxiert. Erwirbt der Investor 50 Prozent der Transferanteile, kostet ihn das eine Million Euro.

Interessant ist nun, dass viele Details der Geldspritze zugunsten von Hertha ausgelegt sind. Mal angenommen, im Winter 2012 hätte sich Lustenberger kometenhaft entwickelt und ein Verein würde für ihn 20 Millionen bieten. Dann erhält der Investor eben nicht 50 Prozent der Transfereinnahme (= zehn Millionen). Auf sein eingesetztes Kapital erhält der Investor maximal eine Verzinsung von 35 Prozent, in diesem Beispiel also 350.000 Euro.

Diese Festlegung ist eine der deutlichen Differenzen im Vergleich zu jener Konstruktion, die der HSV mit Klaus-Michael Kühne vereinbart hat, dem Mehrheitseigner des Logistik-Konzerns Kühne+Nagel. Der Milliardär aus Hamburg hat dem HSV 12,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Als Sicherheit hat er eine 33-Prozent-Beteiligung für die Spieler Aogo, Jansen und Guerrero erhalten. Außerdem ist er zu einem Drittel an den Zugängen im Sommer beteiligt (Westermann, Diekmeier, Sowah).

Der Plan mit Kühne hatte bei den HSV-Fans und -Mitgliedern sofort eine heftige Kontroverse ausgelöst. Zentrale Frage: Kauft sich da ein Geldgeber durch die Hintertür in den Verein ein?

Kühne hatte die Bedenken durch ein unbedachtes Interview im „Hamburger Abendblatt“ geschürt. Da hatte der Investor die Nicht-Verpflichtung von Urs Siegenthaler als „Stück aus dem Tollhaus“ gerügt. Zu dessen Nachfolger Bastian Reinhardt könne er nichts sagen, mit dem habe er noch nie gesprochen. Er verstehe auch nicht, wie der HSV investiere. „Westermann war bisher keineswegs überzeugend, Diekmeier ist schon verletzt.“ Zum Ex-Berliner Gojko Kacar sagte er: „Ich bin skeptisch“. Er habe einen internationalen Mittelfeld-Star haben wollen – und nicht den Ex-Herthaner. Die Überschrift „Wie aus dem Hamburger SV der Kühne SV wird“ tat ein Übriges, um die Kritiker zu bestätigen.

An der Elbe sind die Wogen mittlerweile einigermaßen geglättet. In Berlin hat Hertha sehr genau zugeschaut und das eigene Modell derart konstruiert, dass manche Diskussionen nicht entstehen sollen.

So wurde Morgenpost Online aus zuverlässiger Quelle bestätigt: „Die Idee ist, die Handlungsfähigkeit von Hertha BSC zu erhöhen. Aber der Geldgeber hat keinerlei Mitspracherecht.“ Das sei einer der Gründe, warum der Absender der acht Millionen anonym bleiben werde. Wer unbekannt ist, kann sich nicht in irgendwelche Personal-Diskussionen einmischen.

Zustimmung des Präsidiums

Nach Informationen von Morgenpost Online handelt es sich bei dem Geldgeber weder um eine Investoren-Gruppe noch um ein Unternehmen, sondern um eine Person. Kein Scheich, kein Oligarch, kein texanischer Milliardär: Es geht um eine in Deutschland geborene, hier lebende und Steuern zahlende Person. Die allerdings darauf besteht, anonym zu bleiben. Das sei Voraussetzung für die Acht-Millionen-Spritze. Bleibt das Geheimnis nicht gewahrt, kommt das Geschäft nicht zustande. Das Präsidium von Hertha BSC hat dem Modell zugestimmt – ohne zu wissen, wer der Investor ist. Das Gremium ließ sich überzeugen. Nicht nur von den acht Millionen Euro. Überzeugt hat, dass bei den kniffligen Fragen die Vorteile auf Seiten des Vereines zu liegen scheinen. Die Acht-Millionen-Spritze zum Senken der Verbindlichkeiten bedeutet (als ein Baustein im Etat), dass Hertha die Lizenz 2011/12 sicher hat – selbst für den Fall, dass der Klub die ersehnte Rückkehr in die Bundesliga verpassen sollte. Zudem ist mit der Summe bereits vorzeitig die im Dezember 2011 geforderte Auflage der DFL erfüllt, wonach Vereine ihre Verbindlichkeiten senken müssen. Hertha veräußert keine Anteile am Verein.

Dann kann der Geldgeber nicht kurzerhand seine acht Millionen aus dem Verein ziehen. Die Summe ist so lange festgelegt, wie die jeweiligen Verträge mit den Spielern aus dem Pool laufen. Um beim genannten ausgedachten Beispiel mit Lustenberger zu bleiben: Sollte der Spieler nach Ende seines Kontraktes Hertha BSC ablösefrei verlassen, kann der Geldgeber die eine Million Euro auf einen anderen Spieler übertragen. Oder er kann sich die Summe auszahlen lassen.

Um dem Verdacht zu begegnen, dass ein Insider seine Kenntnis für einen besonders lukrativen Transfer ausnutzen will, den Hertha demnächst planen könnte, wurde eine Sperrfrist eingezogen. Die Erlöse der nächsten beiden Transferperioden (Sommer 2011 und Januar 2012) gehen komplett an den Verein. Der Investor kommt frühestens in der dritten Transferperiode (= Sommer 2012) zum Zuge.

In den Lizenz-Unterlagen der DFL wird Hertha einen Vertragspartner für das Konstrukt angeben müssen. Auch hier steht zu erwarten, dass der Name des Geldgebers nicht fallen wird. Ähnlich wie bei den Genussscheinen, die Hertha 2007 und 2010 aufgelegt hat, wird der Klub als Partner eine Treuhänder-Gesellschaft in Form einer GmbH mit Beteiligungen nennen. Der Vertrag über die Geldspritze ist noch nicht unterzeichnet. Hertha wartet auf das Gutachten eines externen Wirtschaftsprüfers, der Chancen und Risiken abwägen wird. Dennoch gilt der Vollzug samt Unterschrift als Formsache.

Spekulationen um Gegenbauer

Bleibt die Frage: Wer ist der Mr. Geheimnisvoll? Er scheint nicht nur vermögend zu sein. Er scheint auch ein großes Herz für Hertha haben. Es ist jemand, der ein erhebliches Interesse daran hat, dass der durch den Bundesliga-Abstieg schwer gebeutelte Verein sich bis auf weiteres im sicheren Fahrwasser bewegen kann. Insidern fällt als erstes der Name von Präsident Werner Gegenbauer ein. Dem hatte ein ehemaliger Manager prophezeit, er werde der Totengräber von Hertha BSC werden, weil Gegenbauer den Profifußball nicht verstehe.

Der Präsident, dessen Amtsperiode bis 2012 läuft, will den Mitgliedern das Gegenteil beweisen: dass Hertha so aufstellt wird, dass der Verein eine langfristige Zukunft in der Bundesliga vor sich hat.

Gleichwohl sind diese Überlegungen eine Spekulation. Dafür war keine Bestätigung zu erhalten.

In jedem Fall denkt der Gönner über die Gegenwart hinaus. Das Modell ist so gestaltet, dass künftige Präsidien oder Geschäftsführer dennoch Gestaltungsspielräume haben. Falls Verantwortliche in der Zukunft mehr Geld erlösen können – vielleicht weil ein strategischer Partner gewonnen wird – kann Hertha jederzeit (mit einem Vorlauf von sechs Monaten) aus dem Acht-Millionen-Geschäft aussteigen. Dann bekommt Mr. Geheimnisvoll sein Geld zurück, verzinst mit weniger als fünf Prozent.

-> Lesen Sie mehr und reden Sie mit im Hertha-BSC-Blog Immerhertha.de.