Die Zeiten ändern sich, auch im Profifußball. So freut sich Hertha BSC über den Abschluss eines Vertrages, wo Kritiker sagen werden: Weniger Geld als vorher? Wie will der Verein denn Erfolg haben? Die Rede ist vom wichtigsten Kontrakt im Portfolio eines Profivereins, um den des Hauptsponsors. Hertha BSC ist es gelungen, mit dem Wunschpartner, der Deutschen Bahn, die Zusammenarbeit um zwei Jahre bis Juni 2013 zu verlängern.
Um zu einer Einigung zu gelangen, sind beide Seiten aufeinander zugegangen. So konnte der Tabellenführer der Zweiten Liga die Bahn überzeugen, dass der Verein Planungssicherheit für die kommende Saison benötigt. Natürlich wollen alle Beteiligten in die Bundesliga aufsteigen. Nur gibt es dafür keine Garantien. So ist mit dem neuen Kontrakt sichergestellt, dass die Bahn in beiden Fälle Trikotsponsor von Hertha sein wird – sowohl in der ersten als auch der Zweiten Liga. Im Gegenzug musste der Verein akzeptieren, dass die Garantiesumme geringer ausfällt als bisher. So erhält Hertha 4,5 Millionen Euro für die Bundesliga. Für einen Aufsteiger ist das eine außerordentliche Summe. Allerdings liegt sie unter dem Betrag des im Juni auslaufenden Vertrages (5,5 Millionen für die Bundesliga). Ganz zu schweigen von den sieben Millionen Euro, die für den ersten Kontrakt 2006 bis 2009 ausgehandelt waren. Mit dem Unterschied indessen, dass Hertha damals den Uefa-Cup und die Champions League im Visier hatte.
Die Gegenwart erfordert jedoch andere Perspektiven. So kann Hertha selbst als aktueller Tabellenführer der Zweiten Liga mit fünf Punkten Vorsprung auf die Nicht-Aufstiegsplätze heute den Bundesliga-Aufstieg nicht garantieren. Deshalb war es eine Forderung des Präsidiums, einen Vertrag abzuschließen, der für beide Ligen Gültigkeit hat. Das ist gelungen. Sollte der Aufstieg verpasst werden, bleibt die Bahn an Bord. In diesem Fall wird Hertha in Liga zwei drei Millionen Euro erhalten.
Die Bahn ist das größte Eisenbahninfrastruktur-Unternehmen in Europa. Sie hat rund 240.000 Mitarbeiter. Hauptsitz des Logistik-Konzerns ist seit dem Jahr 2000 Berlin. Die ersten beiden Verträge 2006 und 2009 waren in der Öffentlichkeit als Ergebnis einer Golf-Freundschaft zwischen den damals starken Männern in den Unternehmen - Hartmut Mehdorn und Dieter Hoeneß - wahrgenommen worden. Das war zwar da schon nicht ganz richtig. In jedem Fall hat sich die Beziehung der ungleichen Partner entwickelt. Die Bahn macht rund 30 Milliarden Euro Umsatz, Hertha in dieser Saison rund 45 Millionen. Die handelnden Personen haben gewechselt. Die neue Übereinkunft werden Bahn-Chef Rüdiger Grube und Hertha-Präsident Werner Gegenbauer sowie den Geschäftsführern Michael Preetz und Ingo Schiller heute um 16.30 Uhr auf einer Pressekonferenz im Bahntower offiziell verkünden.
Dem Klub und seinem Sportrechtevermarkter Sportfive ist es damit trotz der Turbulenzen samt Bundesliga-Abstieg gelungen, seine namhaften Partner zu halten. Da geht es nicht nur ums Geld, sondern auch um Strahlkraft und Prestige. Mit der Bahn als Trikotsponsor, Nike als Ausrüster und Audi als Autopartner setzen die Entscheider von wertvollen Marken auf Hertha BSC.
Gleichwohl markiert dieser Abschluss für alle sichtbar: Die Zeiten hochfliegender Ziele sind vorbei. Der Traum, mit der Schale durchs Brandenburger Tor zu fahren, das offensiv kommunizierte Vorhaben: Hertha soll einer der Top-20-Klubs in Europa werden – Vergangenheit. Die neue Bescheidenheit hat Hertha-Präsident Werner Gegenbauer erst diese Woche in einem Morgenpost-Interview formuliert. Bei einer Bundesliga-Rückkehr, sagte Gegenbauer, „wollen wir die Klasse halten. Dann Stück für Stück ein etablierter Bundesligist werden. Bei Mitgliedern und Fans ist Realismus vorhanden. Den echten Herthanern ist bewusst, dass unser Ziel allein der Klassenerhalt sein kann. Das werden wir auch so kommunizieren.“
Doch davor sind für das Unternehmen Aufstieg noch zwölf Zweitliga-Spiele zu bewältigen. Das nächste findet am Montag im Olympiastadion gegen Energie Cottbus statt.



