Das blau-weiße Vehikel war so geparkt, dass die Herren Profis nur einzusteigen brauchten. Doch kurze Wege war Raffael an diesem Tag schon auf dem Fußballfeld nicht gegangen, und so verhielt es sich nun auch auf dem Vorplatz des Wildparkstadions zu Karlsruhe. Dort plauderte Raffael erst mit Journalisten über seinen ersten Hattrick im Trikot von Hertha BSC, ehe er den Mannschaftsbus umrundete und eine Absperrung übersprang, um Autogramme zu schreiben und für Erinnerungsfotos zu posieren.

Hinter Raffael und begeisterten Berliner Fans lagen da 90 Minuten, die sich ziemlich exakt in zwei Teile teilen lassen: eine extrem schlechte erste Halbzeit, in der Hertha den Abstiegskämpfern aus Karlsruhe nur hinterhergelaufen war und folgerichtig 0:1 zurücklag. Aber eben auch jene zweite Halbzeit, in der Raffael die ersten drei von insgesamt sechs Toren samt und sonders selbst erzielte. Aus 0:1 mach’ 6:2 – an einen solchen Spielverlauf könne er sich „beim besten Willen nicht erinnern“, frohlockte Markus Babbel. Und Raffael stellte fest: „Es war die perfekte Antwort auf das Union-Spiel. So kann es weitergehen.“

Durch den 14. Saisonsieg und das gleichzeitige Remis des VfL Bochum beim abgeschlagenen Tabellen-Schlusslicht Arminia Bielefeld baute Hertha den Vorsprung im Aufstiegsrennen auf nun wieder sechs Punkte zu Platz vier aus. Mit 42 Toren hat die Mannschaft (mit Cottbus) die meisten erzielt, mit plus 21 verfügt sie neben Augsburg über die beste Tordifferenz. So etwas sind die Kennzahlen eines künftigen Erstligisten.

Kreuzbandriss bei Neumann?

Doch wie an diesem so schön zu Ende gegangenen Nachmittag im Badischen wohl alles gekommen wäre, wenn nicht nach einer halben Stunde der nur Insidern namentlich bekannte Karlsruher Kicker Andrei Cristea Berlins Trainer zu einer gründlichen Neuordnung seines Ensembles gezwungen hätte? Dazu genügte ein brutaler Tritt des Stürmers gegen das rechte Bein von Sebastian Neumann, bei dem der Abwehrspieler sich das Kniegelenk derart schwer verdrehte, dass er sofort ausgewechselt werden musste und ein Kreuzbandriss zu befürchten steht. Eine erste Ironie war, dass der auch insgesamt schwache Schiedsrichter Wingenbach diese Rüpelei unbestraft ließ. Eine zweite, dass jener Cristea in der Folge für beide Karlsruher Tore vor 20.823 Zuschauern verantwortlich zeichnete (41., 83. Minute).

Babbel zog Peter Niemeyer vom defensiven Mittelfeld zurück in die Innenverteidigung und stellte Raffael neben Fabian Lustenberger. So paradox es klingt: Davon profitierte das bis dahin non-existente Berliner Offensivspiel, weil dem vormaligen Stürmer Raffael das Spiel aus der Tiefe zunehmend ohnehin mehr als alles andere behagt. Spürbar war das vom ersten Moment an, denn auf Anhieb fand Hertha nun besser in die Spur. Auch zählbaren Ausdruck verlieh Raffael seiner modifizierten Position auf dem Feld mit Beginn der zweiten Halbzeit – und zwar gleich dreimal binnen 19 Minuten. Bei seinem ersten Streich eroberte der Brasilianer den Ball auf Höhe der Mittellinie. Resolut durchschritt er die Karlsruher Verteidigungsreihen, schüttelte nacheinander Langkamp, Schäfer und Müller ab, spielte eine Art Doppelpass mit dem darob eher verdutzten Adrian Ramos und netzte zuletzt entschlossen an KSC-Keeper Robles vorbei ein (47.).

Der Hüter der schlechtesten Defensive der Liga sollte anschließend noch zwei weitere Male Bekanntschaft mit Raffaels Finish machen. Machtlos war er nach Patrick Eberts Querpass (siehe unten), der zudem hauchzart irregulär war, weil Raffael einen halben Schritt im Abseits stand (62.) und nur noch einzuschieben brauchte. Noch einmal vier Minuten später drosch der 25-Jährige den Ball humorlos ins lange Eck. Es war die Vorentscheidung in einer Partie, die im 48. Jahr von Profi-Fußball in Deutschland eine Premiere hervorgebracht hatte. Wo Fan-Freundschaften wie jene von Hertha und dem KSC längst inflationär geworden sind, zelebrierten die blau-weißen Anhängerschaften erstmals in der Geschichte ein Spiel in einem vereinten Fanblock auf der Gegengerade des Wildparkstadions. Doch zunehmend jubelten die Berliner, während die Fans der Gastgeber mit den Ihren haderten, die nun völlig auseinander fielen. „Unerklärlich“ fand es auch KSC-Verteidiger Langkamp, „wie wir uns nach einer so starken ersten Halbzeit mit 90 Prozent gewonnenen Zweikämpfen so abschießen lassen konnten.“

Lasogga bereitet zwei Tore vor

Denn das Debakel für den KSC war ja noch längst nicht zu Ende. Raffael hätte mit einer Freistoß-Bogenlampe, die aus beachtlicher Entfernung gegen die Latte klatschte, beinahe sein viertes Tor erzielt, doch während das Gestänge noch bebte und der KSC nicht in die Ordnung fand, kombinierte Hertha den Ball über Niemeyer und Pierre-Michel Lasogga zu Ramos, der mühelos zum 4:1 einnetzte (72.). Für Lasogga war es im ersten Spiel nach überstandener Kreuzbanddehnung die zweite Torvorlage der Partie. Schon Raffaels dritten Treffer hatte er mit einem klugen Querpass eingeleitet. Mag der 19-Jährige auch nicht der technisch begnadetste Fußballer des Planeten sein – seine Assists waren von einer Qualität, wie sie nicht unbedingt jeder Stürmer erreicht.

Als Cristeas zweiter Zwischenschuss noch einmal für Ärger zu sorgen drohte, machten erneut der Kolumbianer Ramos (87.) und in der Schlussminute Raffaels Bruder Ronny das halbe Dutzend voll und Herthas Samba-Party im Wildpark perfekt.

Die Frage aller Fragen zu diesem Fußballspiel lieferte indessen keine befriedigende Antwort: Was, um alles in der Welt, hatte Trainer Babbel in der Halbzeitpause nur zu seinem Team gesagt? Hatte er gebrüllt, dass die Wände wackelten? Oder, im Gegenteil: einfach geschwiegen? Tatsächlich war ganz und gar nichts Spektakuläres vonstatten gegangen. Ruhig und sachlich hatte Babbel die Seinen dazu gemahnt, „mehr Druck zu entwickeln, weil die Karlsruher Fehler machen, wenn wir sie unter Druck setzen“. Mehr als das brauchte Babbel auch kaum mitzuteilen; die Spieler wussten auch so, dass sie zuvor nicht gerade ihre allerbeste Halbzeit der Saison gespielt hatten. „Ärgerlich und aufgebracht“ seien er und Kollegen gewesen, berichtete Verteidiger Christian Lell von der 15-minütigen Verschnaufpause. Eine solche Gemütslage, sagte er außerdem, sollte nach Durchgang ein „nicht allzu oft“ vorherrschen, „aber heute hat es was gebracht“. Sprach es und nahm den kürzesten Weg in den wartenden Bus.