Als Trainer von Hertha BSC hat man es nicht immer leicht. „Vor meiner Haustür darf momentan jeder seinen Dreck abladen. Darf ich daran erinnern, dass ich hier keine silbernen Löffel geklaut haben?“ Nein, da spricht nicht Markus Babbel, der aktuelle Cheftrainer nach der Derby-Pleite gegen den 1. FC Union. Dieses Zitat stammt vom Oktober 1997. Es kommt von Jürgen Röber, dem damaligen Übungsleiter. Ganz so wild wie für Röber ist die aktuelle Situation von Babbel nicht. Was beiden Trainern gemein ist: der Druck, den sie haben. Und wie damals heißt der nächste Gegner Karlsruher SC.

Am Sonntag im Wildpark wollen die Berliner unbedingt vermeiden, in einen Abwärtsstrudel zu geraten. Doch wenn Hertha BSC wirklich wichtige Spiele zu bestreiten hat, sorgt der Spielplan dafür, dass der Gegner ausgerechnet KSC heißt. Die Erinnerungen an diese Schlüsselspiele der jüngeren Vergangenheit fallen beim Hauptstadt-Klub sehr gemischt aus.

Jürgen Röber etwa wird Karlsruhe für immer in sein Herz geschlossen haben. In der Saison 1997/98 stand Hertha als Aufsteiger abgeschlagen auf dem 18. und letzten Rang der Fußball-Bundesliga. Sechs Punkte nach elf Partien, eine klassische Trainer-Rauswurf-Situation. In der Woche vor dem KSC-Spiel herrschten Chaostage bei Hertha. Der Verein hatte finanzielle Probleme, Führungsprobleme – da schien der Trainer als Bauernopfer gerade recht zu kommen. Allein der Umstand, dass das damalige Präsidium nicht in der Lage war, rechtzeitig einen Nachfolger zu präsentieren, führte zu einer Galgenfrist von einem Spiel für den Coach, eben gegen den KSC. Das begann exakt so, wie Spiele im Abstiegskampf manchmal laufen: Nach 120 Sekunden lag Hertha 0:1 im Rückstand. Zum Erstaunen der Chefetage auf der VIP-Tribüne donnerte darauf ein Schlachtruf durch das Olympiastadion: „Jürgen Röber, du bist der beste Mann“ – die Fans positionierten sich unüberhörbar. Die Mannschaft zog nach. Ausgerechnet Problemeinkauf Bryan Roy sorgte für den Ausgleich (56.). Eyjölfur Sverrisson (81.) und Michael Preetz (90.) bescherten am Ende ein 3:1. Der Trainer nutzte die Galgenfrist als Aufbruchssignal für eine Saison, die Hertha als Elfter ordentlich zu Ende brachte, im Jahr darauf stürmte der Trainer gar bis in die Champions League.

Doch auch das Entsetzen in der Hertha-Historie verbindet sich mit dem KSC. Auf dem Papier war es eine Aufgabe, die ähnlich leicht scheint wie die aktuelle. Im Mai 2009 benötigten die Berliner nach einer fabelhaften Saison am letzten Spieltag beim mutmaßlichen Absteiger in Karlsruhe einen Sieg. Der würde Hertha in die Champions League bringen. Doch der Favorit brockte sich eine desaströse Niederlage ein, die vielmehr kostete, als die verpasste Garantieeinnahme von 15 Millionen Euro in der Königsklasse. Jenes 0:4 hatte ungeahnte Auswirkungen: Hertha verpasste als Vierter die Champions League. Mit der Nicht-Aufstellung von Kapitän Arne Friedrich in jener Schlüsselpartie brockte sich Trainer Lucien Favre zudem ein zentrales Problem ein: Der Schweizer Trainer verlor damit Teile der Mannschaft und nur vier Monate später seinen Job. Der Absturz von Hertha vom Fast-Champions-League-Klub zum Bundesliga-Absteiger dauerte gerade zwölf Monate.

Nun also erneut Karlsruhe. Hertha reist als Tabellenführer ins Badische, wenn auch in Liga zwei, die Gastgeber sind schon wieder abstiegsbedroht. Um nach der Pleite im Prestigeduell vom Sonnabend jegliche Trainer-Diskussionen in Berlin zu vermeiden, ist Babbel gut beraten, dort zu gewinnen. Nur wenn er auf Aufstiegskurs liegt, kann er in Ruhe weiterarbeiten. Doch Hertha hat mit dem Resultat des Derbys die Konkurrenten aufgebaut: Wer soll Angst haben vor einem Spitzenreiter, der von jedem Team dieser Liga in Schwierigkeiten gestürzt werden kann? So tönt KSC-Trainer Uwe Rapolder, er betreut gerade den Tabellen-15., keck im „Kicker“: „Ich habe noch kein Heimspiel mit dem KSC verloren. Zu Hause können wir Hertha packen.“ Man darf gespannt sein, welche Erinnerungen an Karlsruhe Babbel am Sonntag mitnimmt.