Pierre-Michel Lasogga

Ein 19-Jähriger ist Herthas Aufstiegshoffnung

Er trainiert wieder: Hertha-Stürmer Pierre-Michel Lasogga. Und die Fans setzen auf ihn, denn den glücklosen Rob Friend wollen sie nicht mehr sehen. Konkurrent Friend blieb auch mit der Nationalelf von Kanada ohne Tor m Fußball entscheidet kein Spieler allein. Wir schaffen es nur als Mannschaft

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Pierre-Michel Lasogga runzelt die Stirn, sein Blick ist konzentriert. „Das ist toll für die Jungs. Und für mich ist es auch schön, junge Gesichter auf dem Trainingsplatz zu sehen.“ Das Statement vom Hertha-Stürmer entbehrt nicht leichter Komik. Da sprach ein gerade 19 Jahre alt gewordener Jungprofi über jene, die ebenfalls unbedingt Profis werden wollen. Es ging um Tim Scheffler (19), Stürmer aus der A-Jugend, sowie um Abu-Bakarr Kargbo (18) und Fabian Holland (19) von der U23.

Das Trio hat sich Trainer Markus Babbel „ausgeliehen“, damit er in dieser Länderspiel-Woche wenigstens 16 Feldspieler auf dem Trainingsplatz hat. Lasogga erinnerte sich: „Im Vorjahr durfte ich bei Bayer Leverkusen als Jugendspieler auch mal bei den Profis mittrainieren. Ich weiß, wie toll das für die Jungs ist.“

Lasogga, Scheffler, Kargbo und Holland – alle kommen aus den Jahrgängen 1991 und 1992. Aber doch liegen schon Welten zwischen ihnen. Bei den „Leihspielern“ musste der eine oder andere Trainingsgast sich an der Seite bei Rene Tretschok erkundigen, um wen es sich handelt, während der A-Jugendtrainer das Auftreten seiner Talente genau studierte.

Bei Lasogga hingegen wussten alle, worum es geht. Der Stürmer war zum ersten Mal nach zwei Wochen Pause im Mannschaftstraining. Seine Bewegungen, vor allem sein linkes Knie, wurden genauestens verfolgt. Es war mit einem blauen Kinesio-Tape geschützt, eine Vorsichtsmaßnahme, nachdem sich Lasogga in der Partie gegen Fortuna Düsseldorf (4:2) eine Zerrung des Kreuzbandes zugezogen hatte. Der Stürmer signalisierte im Anschluss: „Keine Schmerzen, keine Probleme – alles bestens.“ Er habe eine Woche komplett pausieren müssen. Dann eine Woche in der Reha gearbeitet. Deshalb sei der Substanzverlust nicht so groß.

Man darf schon staunen, wie viele Leute den Youngster zu Herthas Heilsbringer im Aufstiegsrennen stilisieren. Gewiss, beim 1:2 gegen den 1. FC Union war Rob Friend ein aussichtreicher Kandidat für den Preis „Schlechtester Mann auf dem Platz“. Gewiss, nach der Derby-Schmach dürsten die Fans nach frischen Gesichtern. Gewiss, die Entschlossenheit und der Einsatzwille, den Lasogga ausstrahlt, hat Hertha in dem Prestigeduell ab der 30. Minute bitter vermissen lassen. Auch seine Bilanz von sechs Toren binnen acht Partien weckt Hoffnungen auf mehr.

In den Internetforen herrscht Einigkeit: Friend wolle man in dieser Saison nie wieder in Herthas Startelf sehen. Dem glücklosen Stürmer brachte selbst sein Ausflug zur heimischen Nationalmannschaft kein Erfolgserlebnis. Kanada verlor in Athen gegen Griechenland 0:1 (0:0), der Herthaner kam in der zweiten Hälfte zum Einsatz. Damit datiert sein letzter Treffer weiter vom 24. September 2010 (1:0 in Cottbus). Viereinhalb Monate ohne Tor, eine quälende Zeit für einen Stürmer.

Doch ungeachtet der öffentlichen Meinung stehen die Verantwortlichen weiter zu Friend. Schon Tretschok, selbst Champions-League- und Weltpokal-Sieger mit Borussia Dortmund, sagt nur einen Satz zu dem Thema: „Wenn Rob gegen Union den Ball nicht an den Pfosten setzt, sondern trifft, ist er der Derby-Held.“ Manager Michael Preetz, gelernter Torjäger, sagt: „Rob läuft das Pech hinterher. In der Szene macht er alles richtig. Setzt er den Ball drei Zentimeter weiter, gehen wir 2:1 in Führung und gewinnen.“ Auch der Trainer vermittelt den Eindruck, dass er keineswegs bereit sei, den Stab über dem glücklosen Kanadier zu brechen. So sagte Markus Babbel zur Rückkehr von Lasogga: „Schön, dass Pierre-Michel wieder da ist. Dann haben wir mehr Optionen in der Offensive.“

Selbst Lasogga, der nicht an mangelndem Selbstbewusstsein leidet, staunt über die Erwartungshaltung, die an ihn gestellt wird. „Was soll ich sagen? Im Fußball entscheidet kein Spieler allein. Schön, wenn die Leute mir etwas zutrauen. Aber wir schaffen es nur als Mannschaft.“ „Lasso“, wie ihn die Fans getauft haben, lobt seinen Konkurrenten: „Jeder weiß, dass ich zu Rob ein Superverhältnis habe. Es war schade, dass dieser Ball gegen Union nicht reingegangen ist.“ Die Analyse von Lasogga, was schief gelaufen ist, klingt wie eine perfekte Werbung in eigener Sache: „Gegen Union ist das gleiche passiert wie gegen Oberhausen und Düsseldorf: Wir haben es trotz Führung versäumt, gnadenlos die Chancen zu nutzen. Wir haben die Klasse, wieder ins Spiel zurückzukommen, aber das geht nicht jedes Mal gut.“

Eben die Gnadenlosigkeit vor dem Tor, den unbedingten Willen, zu treffen, den verkörpert niemand so wie Lasogga. Selbst in Leverkusen, wo man ihm keine großen Perspektiven für das Profigeschäft vorausgesagt hat, wird ihm die älteste aller Torjäger-Qualitäten attestiert: Er weiß, wo das Tor steht.

Lasogga hat sich in Berlin entwickelt. Er hat abgenommen, ist athletischer und beweglicher geworden. Dennoch will Manager Preetz vermeiden, dem Jungprofi sämtliche Aufstiegslast aufzubürden. „Es ist trügerisch, zu glauben, dass unser Aufstieg klappt, weil ein Spieler zurückkommt, zumal ein so Junger.“ Der Manager fordert: „Das Offensivverhalten der ganzen Mannschaft muss besser werden."