Das Grüppchen derer, die sich am Nachmittag im Schatten des Olympiastadions zum ersten Training nach der Derby-Pleite versammelten, war übersichtlich. Ganze zehn Feldspieler plus drei Torhüter übten am Dienstag auf dem Schenckendorffplatz vor Markus Babbel. Verletzungen (Lasogga, Niemeyer, Ronny, Djuricin) und Länderspielabstellungen (Ramos, Friend, Hubnik, Kobiashvili, Neumann, Perdedaj) haben die blau-weiße Trainingsgruppe derart reduziert. Wobei der Trainer von Hertha BSC ihrem Tagwerk wenig Aufmerksamkeit schenkte. Seine Konzentration galt einem fast eineinhalbstündigen Plausch mit dem Freund und Kollegen Christian Ziege, der noch bis Donnerstag in seiner Heimatstadt Berlin zu Besuch bei Babbel ist.
Das Wiedersehen mit dem im November beim Ligarivalen Arminia Bielefeld entlassenen Ziege hellte Babbels Gemütslage auf, die andernfalls noch immer getrübt ist. Das miese Gefühl des 1:2 vom Sonnabend gegen den 1. FC Union – es hält unvermindert an. Der Hertha-Coach trauert den drei verlorenen Punkten nach. Weil es gegen den Lokalrivalen geschah. Und weil die drei verlorenen Punkte noch von großer Bedeutung sein können, im Saisonendspurt, dann, wenn die Spiele auch zu Nervenspielen werden.
Babbel macht Ebert Hoffnung
Beim 1. FC Union war das Bild ein ganz anderes. Bei nahezu voller Mannschaftsstärke übte der Derby-Sieger, und selbst derjenige, der am wenigsten zum Erfolg hatte beitragen können, war gut gelaunt. Als Michael Parensen aus seinem Auto stieg und den Mannschaftskollegen des 1. FC Union bei der ersten richtigen Einheit nach dem Triumph über Hertha BSC zusah, umspielte ein Lächeln seine Lippen. Zwar hatte er Sonnabend bereits nach zwei Minuten bei einem Zusammenprall mit Peter Niemeyer ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten, jetzt aber sprühte er vor Tatendrang: „Wenn ich nicht wieder Kopfschmerzen bekomme oder mir übel wird, bin ich Mittwoch im Training.“
Natürlich, sagt andernorts Babbel, hätte auch er gerade nach solch einem Spiel gern die komplette Truppe beisammen. „Andererseits tut es den Nationalspielern vielleicht gut, auf andere Gedanken zu kommen. Und mir hilft es, wenn ich genauer auf ein paar Jungs schauen kann, die zurzeit hinten dran sind.“ Patrick Ebert ist ein solcher Kandidat, der die Absenz der Kollegen zur Eigenwerbung nutzen könne. Am Mittwoch bestreitet die U23 ein Testspiel gegen Germania Schöneiche (18 Uhr/Hanns-Braun-Platz) – mit Ebert. Macht er seine Sache gegen den Oberligisten ordentlich, „ist er ein Kandidat für Sonntag“, stellt Babbel dem zuletzt nicht berücksichtigten Ebert immerhin einen Platz im Kader für das Auswärtsspiel der Profis beim Karlsruher SC in Aussicht. Zurück ins Aufgebot – das will auch Parensen. Und so kann in Köpenick noch nicht einmal das aktuelle Kapitel in der Krankenakte des Mittelfeldspielers, der sich inzwischen seit fast einem Jahr pausenlos mit Verletzungen herumplagt, die Stimmung beeinträchtigen. An der Alten Försterei, wo nach der morgendlichen Einheit ein gemeinsames Mittagessen mit allen Mitarbeitern der Geschäftsstelle anstand, hatten die Spieler vorher konzentriert wie immer gearbeitet. Trainer Uwe Neuhaus sah denn auch keinen Grund zur Sorge, seine Spieler könnten abheben: „Mein erster Eindruck ist, dass die Jungs wissen, was am Freitag auf dem Spiel steht, aber ich werde es weiter beobachten.“
In der Tat steht den Köpenickern ein Spagat bevor. Auf der einen Seite die Euphorie aus dem gewonnenen Derby. Auf der anderen ein Sechs-Punkte-Spiel gegen den VfL Osnabrück. Abstiegskampf pur, ohne Platz für Überheblichkeiten.
Da traf es sich vielleicht ganz gut, dass der Klub insgesamt noch gar nicht so genau geklärt hat, was da eigentlich passiert ist. „Der Sieg bedeutet für jeden etwas anderes. Jeder hat eine andere Beziehung zum Klub. Es gibt Menschen, die seit 40 Jahren dabei sind, denen bedeutet das etwas anderes als denen, die erst seit kurzem hier sind. Ich spüre deutliche Unterschiede in der Wahrnehmung“, sagte etwa Präsident Dirk Zingler. Derbys hätten in der Historie von Union schon immer eine Rolle gespielt, meint er, nur eben mit verschiedenen Bedeutungen. Das 8:0 gegen den BFC Dynamo aus der Oberligasaison 2005/06 etwa. „Das war eher Vergangenheitsbewältigung, da sind wir mit der Einstellung rangegangen: Wir müssen sie schlagen, sie erledigen. Das Spiel vom Wochenende steht mehr für das Heute und die Zukunft“, sagte Zingler. Eine Extrazahlung allerdings werden die Köpenicker Kicker nicht bekommen. „Die Prämie war der Jubel der Fans, die Atmosphäre im Stadion“, sagt Präsident Zingler, „das ist mit keinem Geld aufzuwiegen.“




