Peter Niemeyer

Welche Lehren Hertha aus dem Lokalderby zieht

Laut MRT geht es dem Kopf von Hertha-Spieler Peter Niemeyer gut, dennoch spürt er nach der Niederlage gegen Union eine "ziemliche Leere". Im Gespräch mit Morgenpost Online spricht der 27-Jährige über den Derby-Kater und die Rückkehr von Stürmer Pierre-Michel Lasogga.

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Nach einem Besuch beim Neurologen am Montagnachmittag hatte Peter Niemeyer Gewissheit: Das Derby gegen den 1. FC Union hat bei ihm zumindest körperlich keine Schäden hinterlassen. Bei einem Zusammenprall nach weniger als zwei Minuten hatte der Mittelfeldspieler von Hertha BSC eine Gehirnerschütterung erlitten. Im Interview macht der 27-Jährige keinen Hehl aus den unübersehbaren Defiziten der Mannschaft des Zweitliga-Tabellenführers und sagt auch, weshalb man nun nicht den Fehler machen sollte, Rückkehrer Pierre-Michel Lasogga zum alleinigen Hoffnungsträger zu erheben.

Morgenpost Online: Herr Niemeyer, wie geht es Ihnen mit etwas Abstand zu Samstag?

Peter Niemeyer: Was den Kopf angeht, da hat ein MRT ergeben, dass ich bei dem Zusammenprall, der echt heftig war, nicht etwa eine Einblutung erlitten habe. Das wäre echt heftig gewesen! Aber auch so spüre ich eine, wie soll ich sagen, ziemliche Leere in mir. Aber wahrscheinlich rührt das nur einfach noch vom Ergebnis.

Morgenpost Online: Das 1:2 im Derby. Glauben Sie, die Pleite war nun der ultimative Warnschuss für den Aufstiegsaspiranten Hertha BSC?

Peter Niemeyer: Ich hoffe es. Denn dann hätte diese bittere Niederlage wenigstens noch ihr Gutes gehabt.

Morgenpost Online: Sie verstehen also, dass die Fans frustrierter sind als nach gewöhnlichen Niederlagen?

Peter Niemeyer: Natürlich, denn ich brauche gar nicht bis zu den Fans zu schauen. Auch ich habe die Niederlage noch immer nicht verdaut. Zum einen, weil ich im Winter gesagt habe, dass ich kein Spiel mehr verlieren möchte, nach dem wir uns den Vorwurf machen und gefallen lassen müssen, dass wir das Spiel nicht hätten verlieren dürfen. Die Symbolik des Derbys kommt da noch dazu.

Morgenpost Online: Verstehen Sie dann auch, dass ein Sieg am Sonntag in Karlsruhe die Derby-Niederlage zwar rein rechnerisch, nicht aber auch emotional ausgleichen würde?

Peter Niemeyer: Ja, auch das kann ich verstehen. Der Hertha-Fan am Fließband, der sich Freitag von seinem Union-Kollegen verabschiedet hat, wird jetzt eine schwere Woche haben. Insofern hoffe ich, dass am Saisonende beide feiern können: Der Unioner den Derby-Sieg, aber der Herthaner den Aufstieg. Dann ist es meinetwegen so, wie Union-Torwart Höttecke gesagt hat: „Eisern regiert jetzt ganz Berlin.“ Aber wir spielen Bundesliga.

Morgenpost Online: Hertha hat verloren, weil nach gutem Start der Faden komplett riss. Warum zeigt die Mannschaft binnen 90 Minuten immer wieder zwei derart unterschiedliche Gesichter?

Peter Niemeyer: Genau diese Frage ist, was mir Angst macht. Denn diese Beobachtung ist ja keine Erfindung von außen, sondern reiner Fakt. Wir sind wie Boxer, die den ersten Schlag schaffen, aber dann nicht auch den Knock-out. Diesen Vorwurf müssen wir uns machen, und dass es so ist, hat auch nichts mit Markus Babbel oder sonst jemand zu tun, sondern da müssen wir Spieler uns ganz allein an die Nase fassen. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Saison, dass wir in den allermeisten Fällen die bessere Mannschaft sind, aber nicht auch das Maximum an Erfolg haben. Das ist erschreckend!

Morgenpost Online: Immer wieder werden mangelnde Entschlossenheit und fehlende Gier auf Tore als Defizite genannt. Wie lässt sich intern darauf wirken, dass es besser wird?

Peter Niemeyer: Auch darauf fällt eine Antwort schwierig, denn ich habe schon das Gefühl, dass Zielstrebigkeit und Ernsthaftigkeit zugenommen haben. Aber dann mischen sich eben auch immer wieder diese anderen Situationen darunter.

Morgenpost Online: Noch mal: Warum?

Peter Niemeyer: Tja, wir betreiben eben Leistungssport – da ist nur gut, wer auf den Punkt da ist. Und der Trainer hat es ja angesprochen: Wenn er gegen Union schon beim Aufwärmen gesehen hat, dass einige von was auch immer verunsichert wirken... Wir können – auch dann in den Spielen – nicht diesen berühmten Schalter umlegen. Das werfe ich mir auch persönlich vor, denn ich fühle mich durchaus in der Position, dass ich das könnte. Aber es ist neu für mich, auch auf dem Feld einzugreifen.

Morgenpost Online: Wichtige Wochen liegen vor Hertha. Welche Tugenden sind jetzt gefordert?

Peter Niemeyer: Wir brauchen uns jetzt nicht kleiner zu machen als wir sind. Wir sind immer noch Erster und haben zwei Punkte Vorsprung auf Augsburg und Bochum. So selbstbewusst sollten wir auch auftreten. Allerdings wird sich in den nächsten Spielen auch zeigen, ob wir wirklich diese gute Mannschaft sind, von der alle reden. Ich bin gespannt auf die Antwort.

Morgenpost Online: Inwiefern hilft die anstehende Rückkehr von Pierre-Michel Lasogga – und hilft er mehr als Stürmer oder als Typ?

Peter Niemeyer: (überlegt lange) Er hat sich schnell eine Position erarbeitet, in der er wichtig ist für die Mannschaft. Aber…

Morgenpost Online: …Tabellenführer Hertha BSC sollte jetzt nicht den Fehler machen, sich an das Wohl oder Wehe eines 19-Jährigen zu klammern?

Peter Niemeyer: Genau. Man muss die Kirche im Dorf lassen. Er hat ein paar Mal getroffen, das ist super, und er wirkt mit seiner Spielweise auch einer gewissen Lethargie entgegen. Aber wir haben auch noch ganz andere Nationalspieler, die normalerweise gut funktionieren. Von Pierre erhoffe ich mir einfach, dass er, so er denn Sonntag spielen kann, seinen Lauf beim KSC fortsetzt.