Hertha vs. Union

Die Stadt wartet auf das große Derby

Hertha will den Aufstieg, Union den Klassenerhalt: Vor der Partie am Sonnabend könnten die Ausgangspositionen der beiden Hauptstadtvereine unterschiedlicher nicht sein. Das Geplänkel im Vorfeld ist dagegen wie immer.

Foto: Michael Brunner

Wir befinden uns im Jahre 2011. Ganz Berlin erwartet einen Sieg von Hertha BSC. Ganz Berlin? Nein! Ein von unbeugsamen Köpenickern bevölkerter Stadtteil hört nicht auf, dem Favoriten Widerstand zu leisten.

So könnte der noch zu schreibende 34. Band mit dem Arbeitstitel „Asterix im Olympiastadion“ beginnen. Aus dem kleinen Bezirk kommen bereits die entsprechenden Ansagen. „Die denken doch bloß daran, wie sie uns mit 3:0 wieder die 30 Kilometer zurück in den Osten schießen können. Wir werden uns aber nicht abschlachten lassen oder es ihnen so einfach machen, wie sie sich das vielleicht vorstellen.“ Das sagt Paul Thomik, Mittelfeldspieler vom 1. FC Union mit Blick auf das am Sonnabend ab 13 Uhr anstehende Derby gegen Hertha BSC. Das Olympiastadion ist mit 74244 Zuschauern restlos ausverkauft. Und es gibt einige Parallelen zu der Geschichte mit den übermächtigen Römern und den widerspenstigen Galliern.

Ins Rollen gebracht hat den Vergleich ausgerechnet Uwe Neuhaus. Der Trainer des 1. FC Union war bisher selten als Entertrainer aufgefallen. Doch auf die Frage, dass die ganze Stadt nur darauf warte, wie viel Tore Hertha BSC gegen Union schießen wird, antwortete Neuhaus: „Die ganze Stadt wartet sicherlich nicht darauf, wie viel Tore Hertha schießt. Da gibt es schon noch ein Kleinbonum hier, das sicherlich schon andere Hoffnungen hegt.“

Es wäre nun kleinlich, darauf hinzuweisen, dass im Comic-Klassiker Kleinbonum ein befestigtes Lager der Römer war. Jeder Journalist verstand: Neuhaus sieht Union als das kleine gallische Dorf im großen Hertha-Reich. Die Lage beschrieb der Trainer so: „Wir sind in diesem Spiel Außenseiter, das ist völlig klar.“

Glänzender Start in die Rückrunde

Die Rolle des Underdog hat Union am Wochenende unfreiwillig bestätigt. Die Leistung beim 0:2 im Heimspiel gegen Paderborn hat diverse Mängel bei den Köpenickern offengelegt: Schwächen in der Abwehr, Ideenlosigkeit in der Offensive, kaum Durchschlagskraft im Angriff. Als „quälend“ hat der Trainer die letzten Spielminuten in der Alten Försterei beschrieben, die Mannschaft habe nicht mehr an sich geglaubt. So stecken die „Eisernen“ als Tabellen-13. mit nur 22 Zählern bis auf weiteres im Kampf um den Klassenerhalt.

Hertha BSC indessen hat seine Sonderrolle in der Zweiten Liga unterstrichen. Das 3:1 in Bielefeld war ein nie gefährdeter Sieg, der mittlerweile 13 in diesem Spieljahr. Das Polster auf die Nicht-Aufstiegsplätze ist auf mittlerweile sieben Punkten angewachsen. Der Klassenprimus ist glänzend aus der Winterpause gekommen: Drei Spiele, drei Siege bei 10:4 Toren – die Konkurrenz ist beeindruckt. „Hertha hat eine Erstliga-Mannschaft, davon lasse ich mich nicht abbringen“, sagt Neuhaus.

So mutet es an, als würde das zweite Derby dieser beiden Klubs zu einer einseitigen Angelegenheit. Natürlich will Markus Babbel genau dieses Denken aus dem Kopf seiner Spieler herausbekommen. Nicht zufällig verweist der Hertha-Trainer auf die weniger überzeugende zweite Hälfte in Bielefeld. „Da hatten wir Nachlässigkeiten drin, waren unkonzentriert.“ Hertha hat seine Erfahrungen gesammelt, was passiert, wenn Überheblichkeit einzieht. In der Hinrunde war die Situation ähnlich: Der Bundesliga-Absteiger war mit drei Erfolgen in die Zweite Liga gestartet, Union krebste nach zwei Niederlagen mit nur einem Punkt am Tabellenende rum. Im Derby waren die Blau-Weißen nach zwei Minuten noch in Führung gegangen – und bekamen fortan kaum noch ein Bein auf den Boden in der Alten Försterei. Union kämpfte sich zurück und war am Ende sogar etwas traurig, beim 1:1 gegen Hertha nur einen Punkt geholt zu haben.

Babbel hatte sich zum Amtsantritt im vergangenen Mai sowie dem ersten Prestige-Duell als Derby-Muffel geoutet. „Ich mag diese Spiele nicht. Das Drumherum im Umfeld ist mir zu heftig.“ Begründet hat er das mit seinen Erfahrungen. Babbel stand als Spieler beim FC Bayern (gegen 1860 München) sowie beim FC Liverpool (gegen den FC Everton) jeweils für den größen Klub auf dem Platz. Motto: Da kannst du doch nur verlieren.

Diesmal ist es wieder so: Die tumben Römer von Hertha gegen die schlitzohrigen Gallier aus Köpenick. Aber Babbel sieht auch die Chance. Bei seinem ersten Auftritt vor den Mitgliedern hatte er Szenenapplaus für seinen Apell erhalten: „Ich wünsche mir auch in der Zweiten Liga ein ausverkauftes Olympiastadion.“ Am Samstag wird es zum ersten Mal in dieser Saison soweit sein – das Stadion vom WM-Finale 2006 ist voll. Weshalb Babbel neue Derby-Töne anschlägt: „Das ist ein tolles Erlebnis. Eine Riesenchance für uns als Hertha BSC. Wir sollten das mit Genuss und Spass erleben.“

Neuhaus drückt es ähnlich aus: „Die Atmosphäre kann dabei hilfreich sein. Vor 75000 Zuschauern zu spielen, ist für jeden motivierend.“ Zumal kein einziger Union-Profi je vor einer annähernd großen Kulisse aufgelaufen ist (Ausnahme ist Torwart Marcel Höttecke, der als ehemalige Dortmunder Borusse im Mai 2008 vor 74000 Fans gespielt hat).

Zur Rolle des Favoriten gehört es, den Außenseiter möglichst stark zu reden. Weshalb Hertha-Trainer Babbel mit Blick auf den Liga-13. sagt: „Wir dürfen uns nicht vom Tabellenplatz verrückt machen lassen. Union ist eine Mannschaft mit Qualität.“ Gefragt, welche Qualitäten er meint, wird Babbel ausführlich. Er erzählt vom Einsatzwillen und der individuellen Klasse. „Ein Mosquera oder Mattuschka oder Savran können alleine ein Spiel entscheiden.“

Babbel will ganz wichtige Punkte

Und auch sein Statement vom Saisonbeginn, ein Derby sei auch nur eines von 34 Spielen, will Babbel so nicht stehen lassen. Mit Blick auf den Rückrunden-Start sagt der Coach: „Das sind ganz wichtige drei Punkte. Die will ich holen, unbedingt.“ Hertha will am Samstag dem großen Ziel Wiederaufstieg einen Schritt näher kommen.

Auch bei Union finden sie, dass man als Außenseiter so klein nun doch nicht sei. Trainer Neuhaus drückt es sportlich aus: „Wir müssen läuferisch mehr investieren, in verschiedenen Situationen auch doppeln. Und mit Selbstvertrauen in die Zweikämpfe gehen.“

Union Manager Christian Beeck formuliert die Situation zum Derby etwas rustikaler: „Wir fahren da nicht als Karnickel-Futter hin.“

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