Ex-Herthaner

Was von Trainer Lucien Favre geblieben ist

Vor genau einem Jahr feuerte Hertha BSC Trainer Lucien Favre. Der Schweizer ist noch immer ohne Job, lehnte einige Angebote ab. Von den Spielern seiner Berliner Mannschaft zählen nur wenige zum neuen Erfolgsteam.

Es war wieder ein schönes Wochenende, das Lucien Favre da in Italiens Norden verbracht hat. Na klar, es geht schlechter im Spätsommer. Doch nicht Bella Italia mit Sonnenschein und Vino Rosso lockte Favre; der Fußballlehrer a.D. tat, was an so vielen Wochenenden seine Beschäftigung ist: Fußball schauen, live im Stadion oder im Fernsehen. Das 0:0 von Sampdoria Genua gegen Udine besuchte er am Sonntag, den 2:0-Heimsieg von Florenz gegen Parma sah er ebenso, dazu kommen noch ein paar Trainingseinheiten des FC Parma.

Favre betreibt diese Sichtungen für sich allein, wie er sagt: „Um zu analysieren und um junge Spieler zu entdecken. Ich habe viel zu tun. Ich lerne jeden Tag.“ Dazu zählen Sprachen, Spanisch oder Englisch etwa; auch sein Deutsch hat der frankophone Schweizer weiter verbessert. Was man eben so macht, wenn man nur Zaungast sein darf in der Glitzerwelt Fußball.

Auf den Tag genau ein Jahr ist Favre jetzt ohne Anstellung. Die Magie, die sein Frühlingsmärchen Hertha BSC noch Anfang vergangenen Jahres bescherte, sollte nicht bis in den Herbst überdauern. Am 28. September 2009, nach einem Sieg zum Start gegen Hannover und anschließend sechs Niederlagen in Serie, musste Michael Preetz die Reißleine ziehen und damit die erste schwere Entscheidung seiner da noch kurzen Managerkarriere treffen. Ein einst hoffnungsvoller Trainer musste gehen; das Ende einer einst hoffnungsvollen Mannschaft war da längst eingeläutet und sollte im Abstieg münden, der auch Favres Abstieg war.

Ein Jahr ohne Arbeit auf dem Trainingsplatz, die er so sehr liebt: „Natürlich“, gesteht Favre, „der aktive Fußball fehlt mir.“ Gleichwohl habe die Pause ihm bis hierhin sehr gut getan, denn die Jahre in Zürich (vier) und später Berlin (etwas über zwei) hätten ihn mehr beansprucht, als er es während dieser Zeit bemerkt hätte, sagt Lucien Favre: „Ich musste mich regenerieren. Jetzt fühle ich mich viel besser.“

Wann er wieder als Trainer arbeiten wird, weiß Favre nicht. „Eine gute Möglichkeit wird kommen“, sagt er, „egal wann, egal wo. Ich bin 52, ich werde noch lange als Trainer arbeiten.“ Die Wartezeit nutzt er, „um auf neue Ideen zu kommen“. Eine davon ist, weniger zögernd als früher eine sich bietende Chance zu ergreifen. „Manchmal muss man als Trainer Opportunist sein, das war ich bisher nicht oft“, hat Favre Anfang August in einem Interview der „Neuen Zürcher Zeitung“ gesagt. Opportunismus bedeutet für ihn: „Dich den Bedingungen anpassen und im richtigen Moment zupacken.“

Nationaltrainer war nicht der richtige Job für ihn

Aber der richtige Moment ist bis jetzt nicht gekommen. Er hätte als Nationaltrainer eines Landes in Afrika arbeiten können – das war nicht interessant für ihn. Er hätte finanzstarke, aber perspektivlose arabische Klubs übernehmen können – erst recht nicht interessant. Sogar eine Anfrage des Schweizer Spitzenklubs Young Boys Bern, die immerhin an der Qualifikation zur Champions League teilnehmen, war nicht interessant genug.

Stellt sich die Frage: Wohin zieht es Favre? Er selbst weiß, wie rar ausländische Trainer in vielen europäischen Ligen sind. In der Bundesliga sind es derzeit vier mit Namen van Gaal, McClaren, Gross und Soldo; in Italien ist es nur der Spanier Benítez, in Spanien der Portugiese Mourinho. In Frankreichs Ligue 1 arbeiten überhaupt keine Trainer aus dem Ausland. Aber als wäre das für jemand in Favres Beruf nicht allein schon schlimm genug, haften dem Schweizer seit seinem Abschied aus Berlin noch gleich einige individuelle Makel an. Favre war kein Trainer für die Krise, nicht für diese des September 2009 jedenfalls. Dazu kamen die Umstände seiner denkwürdigen Pressekonferenz eine Woche später, zu der Favre sich von persönlichen Beratern treiben ließ.

Diesen Gang an die Öffentlichkeit hat Favre erst spät als Fehler eingesehen, und so steht er nun da als jemand, bei dem so mancher Verein Zweifel haben wird, ob er diesem Trainer einen Kader im Wert einer wenigstens zweistelligen Millionensumme anvertrauen soll. Und was, wenn der stete Zyklus einer Zusammenarbeit dem Ende entgegengeht – wird Favre dann wieder seine Sicht der Dinge derart schonungslos darstellen, dass sie ihm selbst, womöglich aber auch dem Verein, Schaden zufügt? Und was sagt das zweifelhafte Wesen seiner langjährigen Einflüsterer aus über Favres Menschenkenntnis?


Doch sein Ende bei Hertha bedeutete nicht allein für Favre eine Zäsur. Stellt man sich einen Spielerkader als einen See vor, dann kommt es im Laufe eines Jahres mal hier und mal da zu Wellenbewegungen. Um in diesem Bild zu bleiben, war Hertha BSC in den vergangenen zwölf Monaten ein Whirlpool. Nicht weniger als 19 Spieler, die noch zu Favres Zeit im Verein verpflichtet worden waren, stehen inzwischen bei anderen Klubs unter Vertrag .

Für Hertha muss es auf lange Sicht kein Wandel zum Schlechten gewesen sein – so mancher fragt sich im Rückblick, wohin der Klub mit Spielern wie Nicu oder Stein, Bengtsson oder Pejcinovic oder gar Wichniarek eigentlich wollte. Von jenen, die gegangen sind, hat es kaum jemand wirklich gut getroffen.

Jaroslav Drobny, der keine Lust auf die Zweite Liga hatte, sitzt nun beim Hamburger SV als Nummer zwei hinter Frank Rost auf der Bank. Der Tscheche konnte sich im internen Konkurrenzkampf ebenso wenig durchsetzen wie Gojko Kacar, der neben ihm sitzt. Dessen Verkauf brachte Hertha immerhin noch 5,5 Millionen Euro ein, die sogar auf höchstens 7,5 Millionen steigen können.

In Wolfsburg nur Ersatz ist Cicero, der einem guten Jahr in der Bundesliga kein zweites folgen lassen konnte. Trotzdem glaubt der ehemalige Hertha- und aktuelle VfL-Manager Dieter Hoeneß weiter an den Brasilianer. Erst recht vertraut er seinem Ziehsohn Arne Friedrich, den nach rätselhaft schwacher Saison bei Hertha und erst recht rätselhaft starken Leistungen bei der WM derzeit ein Bandscheibenvorfall lahmlegt.

Hertha hat jetzt, was Favre immer wollte

Zu denen, die glücklich wurden, zählt Steve von Bergen, der jetzt in Cesena spielt. Italiens Serie-A-Aufsteiger verblüffte in den ersten Wochen die versammelte Konkurrenz, siegte 2:0 gegen den großen AC Milan und führte zeitweise sogar die Tabelle an. Von Bergen genoss den Höhenflug ebenso wie die neue Umgebung: „Ich hatte eine gute Phase, kontrollierte Romas Totti und danach Ibrahimovic relativ sicher. Und der Zusammenhalt in der Gruppe ist wunderschön. An freien Tagen fahren wir Spieler mit unseren Familien oft an die nahe Adria und haben in Rimini eine gute Zeit.“

Abgefahren ist auch Amine Chermiti, das war dieser junge Stürmer aus Tunesien, den Favre als „Zukunft von Hertha BSC“ anpries, ehe der 22-Jährige über den Umweg Saudi-Arabien nun beim FC Zürich gelandet ist. Dort startet er jedoch bestenfalls hinter dem Steuer seines Maserati Gran Turismo S MC Sport Line durch, von dem Chermiti stolz erzählt, er sei eine Spezialanfertigung und eines von weltweit nur zwölf Exemplaren.

Die Gegenwart bei Hertha ist eine andere. Ein Jahr nach Favre hat der Klub, was sein Ex-Trainer immerzu schaffen wollte: eine Mannschaft mit der Perspektive, reich noch dazu an Talenten aus der eigenen Umgebung.

Was wiederum den jetzigen Trainer Markus Babbel von seinem Vorgänger Friedhelm Funkel und von Lucien Favre unterscheidet, lesen Sie in unserem Hertha BSC Blog auf www.immerhertha.de und auf Facebook - mitmachen, mitreden!