Es kursiert ein boshafter Scherz über Arne Friedrich, und der geht so: Den Bluterguss im Oberschenkel, den der Kapitän von Hertha BSC beim 1:5 gegen die TSG Hoffenheim erlitten haben will, soll er sich nicht im Spiel zugezogen haben. Sondern erst später – im Bus, während er über Anweisungen von Lucien Favre lachte, dem inzwischen ehemaligen Trainer des Hauptstadt-Klubs, und sich dabei so fest mit der Faust aufs Bein schlug, dass sich ein hässliches Hämatom bildete.

Ein Scherz nur, freilich. Lucien Favre wird darüber kaum lachen können, Friedrich natürlich noch weniger. Denn wie da über ihn gesprochen wird, belegt, welch’ schweren Schaden das Image des stets als treu und integer vermuteten 30-Jährigen in der jüngeren Vergangenheit genommen hat. Dass Favre gehen musste, wird – auch intern – nicht zuletzt ihm, dem scheinbar so harmlosen Nutella-Boy, angelastet. Ob der Glaubwürdigkeitsverlust noch zu reparieren ist, erscheint dieser Tage zumindest zweifelhaft. Friedrich wird von gewissen Seiten als Anführer der Revolte gegen den Ex-Trainer identifiziert, der ihm unlieb geworden sein soll, weil Favre dessen Qualitäten als Abwehrchef in Zweifel gezogen haben soll.

Anfang der Woche war spekuliert worden, ob Friedrich heute im Spiel der Europa-League-Gruppenphase bei Sporting Lissabon (21.05 Uhr, SAT 1 live) nicht vielleicht wegen der Verletzung ausgefallen wäre, hätte der Trainer da immer noch Favre geheißen. Nun ist Karsten Heine als Interimslösung bei Hertha inthronisiert. Und selbstverständlich konnte Friedrich die Reise nach Portugal antreten. Als Kapitän war es selbstverständlich, dass er im Vorfeld der Partie im Estadio Jose Alvalade zu den Medien sprach.

Friedrich schweigt zu Hoeneß

Der Auftritt war, so ist zu hören, ihm sogar ein Anliegen. Friedrich wittert eine Kampagne gegen seine Person. Oben auf dem Podium sagt er, dass er von besagter Unterredung mit Favre gerade zum ersten Mal gehört habe. Schon gar nicht habe der ehemalige Trainer ihm gesagt, er sei kein Abwehrchef. „Definitiv nicht.“ Im Gegenteil, sein Kontakt mit Favre und auch Geschäftsführer Michael Preetz sei in jüngster Vergangenheit besonders „intensiv gewesen“. Zwischen den dreien hätten „in keinster Weise Irritationen geherrscht“. Auch die übrigen Genannten würden das so bestätigen. Behauptet Friedrich.

Aber dann ist da noch dieser Abend im Mannschaftskreis, zu dem sich die Spieler am Dienstag getroffen haben, zwei Tage nach der Favre-Entlassung. Zufällig handelte es sich bei dem Ort der Versammlung um jenes griechische Restaurant in Zehlendorf, in dem Ex-Manager Dieter Hoeneß nach der Trennung von Hertha von seinen engsten Getreuen Abschied genommen hat. Wirklich nur Zufall? Friedrich blickt bei der Frage wie ein Bub, der beim Bonbonklau ertappt wurde. Ob es denn richtig ist, dass er und Hoeneß noch regen Kontakt haben? Nein, dazu möchte Friedrich auch auf zweifache Nachfrage „nichts sagen“. Dabei wäre ein Kontakt nicht verboten. Nur klingt Friedrichs Antwort auch nicht nach einem Dementi.

Aber jetzt hat der 67fache Nationalspieler endgültig genug von den Anklagen. Unten im Bauch des Stadions warten die Kollegen und das Abschlusstraining. Der Belastungstest, sagt er, wird Aufschluss darüber geben, ob der Oberschenkel heute einen Einsatz gegen den Vizemeister Portugals erlaubt. Als Friedrich wenig später mit den Kollegen trabt, sieht das schon wieder recht rund aus. „Über das Spiel“ mochte er zuvor gerne reden, und dass Hertha einen Sieg zum Ziel hat, „weil nur das uns weiterbringt“. Im Notfall wäre auch ein Remis tolerierbar.

Dass der Weg dorthin nach zuletzt so vielen Negativ-Erlebnissen und -Ergebnissen zuvorderst über eine stabile Defensive führt, versteht sich von selbst. Dass es dabei auf Friedrich ankommt, den Abwehrchef, auch. Man könnte auch auf die Idee kommen, dass ein Kapitän ein Führungsspieler ist. Doch Hertha macht seit Wochen den Eindruck, als verfüge die labile Mannschaft auf dem Platz eben über keinen Führungsspieler.

Friedrich und die Kommunikation

Arne Friedrich würde das so nie formulieren. Er sagt, er war mit sich zuletzt „nicht zufrieden“, da wolle er sich „gar nicht rausreden“. Insgesamt aber hätten im Zusammenspiel der Kräfte die viel zitierten kleinen Dinge nicht gepasst. Und dann sei da noch die oft schwere Kommunikation untereinander. „Insgesamt“, sagt Friedrich, sei es in einem Vielvölker-Kader wie dem der Berliner „manchmal schwer, sich zu verständigen“.

Zum besseren Verständnis sei gesagt: Der Westfale Friedrich verteidigt zumeist mit dem Bayern Christoph Janker, dem Norddeutschen Marc Stein und dem Schweizer Steve von Bergen. Der Rest der Spieler spricht überwiegend zumindest Englisch. Einzig Europa-Neuling Adrian Ramos spricht und versteht als Kolumbianer noch nur Spanisch. Kein babylonisches Sprachengewirr also umgibt Friedrich. Aber viele Merkwürdigkeiten.