Lucien Favre (51) saß auf dem Podium, formte seinen Mittel- und Zeigefinger zu einer Pistole und hielt sie sich an die Schläfe. „Was sollen wir machen?“ Nein, der Trainer von Hertha BSC drückte natürlich nicht ab.
Seit knapp zwei Jahren arbeitet der Schweizer in der Bundesliga, aber einige Dinge wundern ihn immer noch. Etwa das permanente Pendeln zwischen den Extremen. Das 1:3 gegen Borussia Dortmund war die zweite Niederlage der Berliner in Folge, zuvor gab es ein 0:2 in Stuttgart. Also wurde gefragt: Was hat Hertha: Ein Loch? Eine Krise? Was ist mit dem Saisonziel?
Favre aber ließ sich nicht beeindrucken. „Wir müssen realistisch bleiben. Ich kann meine Meinung nicht wechseln wie ein Hemd.“ Fünf Wochen war Hertha BSC Tabellenführer gewesen, der Trainer hatte jedoch nie eingestimmt in die Euphorie von der ersten Meisterschaft seit 1931. Natürlich freute er sich über die Kulisse im mit 74.244 Zuschauern zum zweiten Mal in dieser Saison ausverkauften Olympiastadion. Die erlebten nach zehn Heimsiegen in Folge einen Rückschlag. Dem Tor von Raffael standen die Treffer der Dortmunder Alexander Frei, Sebastian Kehl und Nelson Valdez gegenüber. Hertha rangiert nun auf Rang drei.
Ist das in Fußball-Deutschland eine Krise? Favre schmunzelt. In den vorangegangen zwei Jahren hatte der Hauptstadt-Klub das Spieljahr jeweils auf Platz zehn beendet. Weshalb Favre auch in den Wochen des Aufschwungs stets gemahnt hatte: „Wenn bei uns jeder fit ist, sind wir etwas besser als im Vorjahr.“ Alle, die ihm mit Blick auf die Tabelle die Champions League oder gar den Titel als Saisonziel hatten entlocken wollen, ließ Favre auflaufen. Auch am Sonntag blieb er bei seiner Formulierung: „Wir kämpfen um einen Platz im Uefa-Cup. Ich habe Vertrauen in die Mannschaft.“
Die Stimmung im Team war dennoch gedrückt. Leistungsträger wie Josip Simunic oder Cicero hatten ganz offen mit der Meisterschaft geliebäugelt. Manndecker Simunic wiederholte beinahe trotzig: „Wir haben noch acht Spiele. Der Traum lebt weiter.“
Arne Friedrich hingegen bestärkte seinen Vorgesetzten. Mit Blick auf das Gros des Kaders, das in den zurückliegenden zwei Wochen auf Länderspiel-Reisen war, sagte der Kapitän: „Gegen Dortmund war in vielen Situationen die Abstimmung nicht so gut wie sonst. Man sieht, dass der Trainer recht hat mit seiner täglichen Arbeit.“
Der 64-malige Nationalspieler will vorausgehen. „Wir dürfen jetzt nicht in Selbstmitleid zerfließen, sondern müssen wieder aufstehen und die Brust raushalten“, sagte Friedrich. „Wir dürfen nicht in einen negativen Strudel kommen. Da müssen wir entgegensteuern. Wir werden die Kurve kriegen. Ich werde das vorleben.“
Eines war Friedrich noch wichtig. Eigentlich bedankt sich die Mannschaft, egal wie das Spiel ausgegangen ist, direkt bei den Fans in der Kurve für deren Unterstützung. Nach dem 1:3 gegen Dortmund jedoch waren diverse Profis direkt in die Kabine gegangen. „Ich muss mich für die Mannschaft entschuldigen, dass wir nach dem Spiel nicht zu den Fans gekommen sind. Wir waren sauer auf uns selbst.“ Das soll nicht wieder vorkommen.
So wenig er von der Euphorie beeindruckt war, so wenig lässt Trainer Favre sich von der Negativstimmung beeindrucken. Angesprochen auf Torjäger Andrey Voronin, der trotz eines gebrochenen Nasenbeins eine passable Leistung bot, sagte Favre: „Andrey hatte eine große Chance. Diesmal hat er nicht getroffen. Aber so ist Fußball. Wir müssen nicht überall nach Fehlern suchen.“ Die Erbsenzähler rechnen dem Ukrainer, mit elf Treffern bester Torschütze im Team, vor, dass er seit 220 Minuten nicht mehr getroffen hat.
Favre nervt der Populismus
Favre sieht den Populismus in der Branche, wonach es nur Helden oder Volldeppen sieht, als Gefahr. „Wir müssen weiter arbeiten. Wir haben einen Weg. Davon lasse ich mich nicht abbringen.“
Die Spitzenreiter Wolfsburg und HSV liegen zwei Punkte voraus – Hertha ist wieder in Verfolgerrolle. Von der starken Leistung der Wolfsburger beim 5:1 gegen den FC Bayern München will sich Hertha nicht beeindrucken lassen. Zwar gibt Friedrich zu, dass der VfL im Kampf um den Titel derzeit die besten Karten habe. „Aber auch die werden mal verlieren.“
Favre hat Respekt vor dem formstarken Konkurrenten, nennt als Grund für den aktuellen Erfolg der Niedersachsen deren finanzielle Möglichkeiten. „Wolfsburg hat 60 Millionen Euro in die Mannschaft investiert. Das dürfen wir nicht vergessen.“ Mit seinen Spielern werde er jetzt die Fehler analysieren und die Vorbereitung auf das nächste Spiel am Ostersamstag in Hannover beginnen. „Wir können jeden schlagen.“
Der Blick auf die Konkurrenz zeigt ohnehin: Ob Titel, Champions League oder Uefa-Cup – es ist alles möglich für Hertha.




