Berliner Morgenpost: Helmut, du bist seit 38 Jahren Hertha-Fan und Gründungsmitglied des Anhängerclubs "Oberring 1984". Kannst du während der aktuellen Krise ruhig schlafen?
Helmut Friberg (53): Ich kann schon noch schlafen. Aber natürlich beschäftigt mich das sehr. Ich mache mir Sorgen um unseren Verein.
Berliner Morgenpost: Wie hast du das peinliche 0:4 am Sonntag gegen den SC Freiburg erlebt?
Helmut Friberg (53): Wir aus unserem Anhängerclub waren fassungslos. Vor vier Monaten haben wir noch um die Deutsche Meisterschaft gespielt. Und jetzt habe ich das Gefühl, dass wir gegen den Abstieg kämpfen müssen. Von der Leistung der Mannschaft bin ich enttäuscht. Viele Dinge kann ich nicht nachvollziehen. Warum können die Jungs derzeit keinen Pass über zehn Meter spielen?
Berliner Morgenpost: Was ist aus deiner Sicht als Fan das Problem?
Helmut Friberg (53): Ich hatte schon vor der Saison kein gutes Gefühl. Derzeit kann ich einfach kein Konzept erkennen. Favre kann offenbar nicht mit Stars umgehen, und irgendwas muss in der vergangenen Saison vor dem 0:0 am vorletzten Spieltag gegen die Gelsenkirchener (Schalke 04 - d. Red.) passiert sein. Was, das weiß ich nicht. Aber seitdem läuft es nicht mehr. Ich fühle mich an die Saison 1990/1991 erinnert. Damals sind wir abgestiegen.
Berliner Morgenpost: Hast du gegen Freiburg gepfiffen?
Helmut Friberg (53): Nein. Wir von unserem Club waren einfach nur sprachlos - wie der größte Teil der Fans. Genau wie die Betreuer und Ersatzspieler auf der Bank.
Berliner Morgenpost: Gehst du bei schlechten Spielen auch schon mal vor dem Abpfiff?
Helmut Friberg (53): Normalerweise nicht. Nur bei Siegen der Gelsenkirchener gehe ich früher. Die will ich nicht jubeln sehen.
Berliner Morgenpost: Rufe wie "Favre raus" gibt es bislang nicht. Haben der Trainer und Michael Preetz bei den Fans Kredit?
Helmut Friberg (53): Preetz auf jeden Fall. Viele Fans haben sich ja gewünscht, dass Dieter Hoeneß als Manager abgelöst wird. Schließlich hat er sich bei den Transfers auch viele Flops erlaubt. Und Favre sollte man nicht voreilig feuern. Zumal ich gehört habe, dass Mirko Slomka ein Kandidat für seine Nachfolge sein könnte. Der war mal bei den Gelsenkirchenern, den möchte ich nicht. Welche Erfolge hat er denn schon vorzuweisen? Keine.
Berliner Morgenpost: Vor allem wir in der Ostkurve haben gegen Freiburg trotz der äußerst schwachen Leistung gefeiert. Das ist schon etwas Besonderes, oder?
Helmut Friberg (53): Was die Fans im Moment machen, ist sensationell. Sie geben sich große Mühe. Das ist Leidenschaft pur.
Berliner Morgenpost: War bei manchem auch Hohn dabei?
Helmut Friberg (53): Ich glaube nicht. Vielleicht ein bisschen Fassungslosigkeit. Aber in erster Linie wollen sie einfach Hertha anfeuern und ihr irgendwie helfen. Sie wollen zeigen, dass sie hinter ihrem Team stehen.
Berliner Morgenpost: Feuert man als Fan eigentlich die Mannschaft oder den Verein an?
Helmut Friberg (53): In erster Linie den Verein. Die Mannschaft verändert sich ja oft. Und ein Spieler wird nicht zum Herthaner, nur weil er bei Hertha unterschreibt.
Berliner Morgenpost: Wie wird er denn zum Herthaner?
Helmut Friberg (53): Das muss er sich mit Leistungen über die Jahre erarbeiten. Als Marko Pantelic zu uns kam, habe ich ihn als Söldner abgestempelt, weil er jedes Jahr den Verein wechselte. Im Nachhinein war das ein Fehler von mir. Er hat vier Jahre alles für unseren Klub gegeben. Ihm hat Hertha glaube ich wirklich etwas bedeutet.
Berliner Morgenpost: Und Josip Simunic? Er hat auf der Mitgliederversammlung Tränen verschüttet und immer betont, wie sehr er Berlin liebt. Und plötzlich wechselt er zu Hoffenheim.
Helmut Friberg (53): Dabei hatte er in Gesprächen mit Fans gesagt, dass er entweder bleibt oder ins Ausland wechselt. Offenbar hat er nicht die Wahrheit gesagt.
Berliner Morgenpost: Kriegt Artur Wichniarek noch die Kurve?
Helmut Friberg (53): Im Gegensatz zu vielen anderen finde ich es gut, dass er wieder da ist. Im Moment kriegt er zu wenige Bälle. Man darf nicht alles Negative an ihm festmachen.
Berliner Morgenpost: Wie viele Hertha-Spiele hast du gesehen?
Helmut Friberg (53): Das 1:2 beim FSV Mainz 05 vor zwei Wochen war mein 465.Auswärtsspiel. Zudem habe ich rund 700 Heimspiele besucht. Bis auf drei habe ich noch alle Auswärts-Eintrittskarten.
Berliner Morgenpost: Was hat sich in der Fanszene im Vergleich zu früheren Zeiten verändert?
Helmut Friberg (53): Früher war es familiärer. Ist ja auch kein Wunder, schließlich waren nur 2000 bis 5000 Leute im Stadion. Die Stimmung ist heute viel besser. Alle Leute, die damals schon dabei waren, kennen sich. Deswegen bezeichnen wir uns auch nicht als Fans. Wir sind Teil des Ganzen, Teil von Hertha BSC.
Berliner Morgenpost: In den Stadien gibt es immer mehr Logen. Zerstört das die Stimmung im Stadion?
Helmut Friberg (53): Nein. Das gehört heutzutage genauso dazu wie die Fankurve. Was mir nicht gefällt, sind die vielen Eventzuschauer. Davon gibt es bei Bayern München sehr viele. Die benehmen sich so, als würden sie ihr erstes Fußballspiel sehen.
Berliner Morgenpost: Gibt es bei Hertha davon auch viele?
Helmut Friberg (53): Ich denke schon. Einige finden es einfach nur schick zu Hertha zu gehen, wenn der Verein oben steht. Siehe unseren Bürgermeister. Dort, wo wir im Oberring sitzen, gibt es diese Zuschauer aber zum Glück nicht.
Berliner Morgenpost: Habt ihr älteren Fans eigentlich Kontakt zu den jüngeren?
Helmut Friberg (53): Ja klar, unter anderem im Förderkreis Ostkurve e.V., wo ich Kassenwart bin. Dort sind jung und alt vereint. Es gibt viele gemeinsame Aktionen und organisierte Auswärtsfahrten. Wir diskutieren über unsere Mannschaft, Choreografien und über das Stadion. Ich finde das Olympiastadion klasse, wie viele aus meiner Generation. Die Jüngeren wünschen sich ein reines Fußballstadion.
Berliner Morgenpost: Was muss passieren, damit du nicht mehr Hertha-Fan bist?
Helmut Friberg (53): Das kann nicht passieren. Da muss ich schon sterben! Selbst wenn sich der Verein auflöst und wieder in der Kreisklasse C startet. Einmal Herthaner, immer Herthaner.
Aufgezeichnet von Julien Wolff




