Die drei Sätze lassen jeden noch so kräftigen und lauten Fan ganz ruhig werden. Hans „Hanne“ Weiner spricht sie immer dann aus, wenn eine Gruppe englischer Anhänger in seine Fußball-Kneipe „Hanne am Zoo“ kommt. „Ich frage sie: Kennt ihr Ian Rush? Kennt ihr Kevin Keegan? Gegen die habe ich damals gespielt“, sagt der ehemalige Hertha-Profi. Dann zeigt er ihnen noch ein Foto von ihm und den britischen Fußball-Legenden, und die Fans schauen ihn ehrfürchtig an. „Man hört ja oft, dass die Engländer es manchmal ganz schön krachen lassen. Bei uns sind sie immer ganz friedlich und sorgen für eine tolle Stimmung.“
Seit 2001 führt der 58-Jährige die Kneipe am Bahnhof Zoo. Damals übernahm er sie vom ehemaligen Hertha-Präsidenten Wolfgang Holst. Sie ist ein offizieller „Hertha Fan-Treff.“ Was nicht heißt, dass nur Fans der Blau-Weißen einkehren. Bei Weiner treffen sich Sportinteressierte aus aller Welt. An den Wänden hängen Original-Trikots von Weiner, Franz Beckenbauer und Rudi Völler sowie zahlreiche Schals und rund 500 Wimpel. „Hanne am Zoo“ ist Museum, Kneipe, Wohnzimmer und Touristen-Attraktion in einem. „Leider werden hin und wieder Trikots und Wimpel geklaut. Aber die leeren Stellen füllen wir schnell wieder“, sagt Weiner.
Es sind Sammlerstücke aus einer beachtenswerten Karriere. 1969 wechselte Weiner von seinem Heimatverein Neuenkirchen zu Tennis Borussia, drei Jahre später verpflichtete ihn Hertha. Von 1972 bis 1979 erzielte Weiner in 218 Spielen für die Berliner zwölf Tore und entwickelte sich zu einem der stärksten Verteidiger Deutschlands. 1975 wurde er mit Hertha Bundesliga-Zweiter, 1977 und 1979 erreichte er mit der Mannschaft jeweils das Finale des DFB-Pokals. Beide Endspiele gingen verloren. Zu den ehemaligen Kollegen hat er noch Kontakt. „Neulich war Uwe Kliemann bei uns. Und Holger Brück und meinen Trauzeugen Erich Beer sehe ich auch häufiger. Silvester werden wir bei mir in der Kneipe feiern.“ Sie sitzen oft am Stammtisch und sprechen über die alten Zeiten, während auf den Fernsehern an der Wand Fußballspiele laufen. Auch Spieler der aktuellen Mannschaft kommen manchmal vorbei.
Bis vor einem Jahr spielte Weiner selbst noch in einer Alt-Herren-Mannschaft. Gesundheitsbedingt musste er das Kicken aber aufgeben. Weiner hat Parkinson. „Ich bin auf einmal langsamer geworden, und meine Hand fing an zu zittern. Zunächst habe ich gedacht, dass es ein Bandscheibenvorfall ist.“ Bis ein Bekannter sich Sorgen machte und ihm einen Arzt empfahl. Weiner füllte einen Parkinson-Fragebogen aus und beantwortete zehn von elf Fragen mit Ja. „Ich war zunächst sehr traurig. Aber der Arzt hat mir dann geholfen, offensiv mit der Krankheit umzugehen. Schließlich habe ich noch Glück gehabt. Die Krankheit ist gestoppt. Mit Parkinson kann man hundert Jahre alt werden.“
Rummenigge und Uli Hoeneß spendeten Trost
Geholfen hat ihm in der schweren Zeit der Zuspruch ehemaliger Weggefährten. Neben seinen Hertha-Freunden riefen auch Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß vom FC Bayern München an. 1979 war Weiner für eine Ablöse von 450.000 Mark drei Jahre zum heutigen Rekordmeister gewechselt und kennt die beiden von vielen Treffen. Mit Tabletten konnte er die Krankheit stoppen. „Ich fühle mich gut.“
So oft es geht fährt er mit seinem Fahrrad durch Berlin, und zu Hause hat er sich einen Crosstrainer aufgebaut. „Sport ist mir wichtig“, sagt Weiner. Nachdem er sich einige Monate zurückgenommen hatte, übernimmt er in seiner Kneipe wieder alle Aufgaben: Er kocht, schenkt Getränke aus und bedient.
Bei der täglichen Arbeit unterstützen ihn seine Frau Marita und sein Sohn Dennis. Der 25-Jährige war kürzlich mit einem serbischen Freund in Belgrad und sah sich das WM-Qualifikationsspiel zwischen Serbien und Frankreich (1:1) an. Im Stadion FK Crvena Zvezda waren rund 50.000 Zuschauer. Als er auf der Tribüne saß, dachte er an seinen Vater. Der hatte in der Saison 1978/1979 mit Hertha im Halbfinale-Hinspiel des Uefa-Pokals gegen Roter Stern Belgrad im selben Stadion gespielt und 0:1 verloren. Das 2:1 im Rückspiel reichte nicht zum Weiterkommen. „Damals waren fast 100.000 Leute im Belgrader Stadion. Ich hätte mir da in die Hose gemacht“, sagt Dennis. Er blickt seinen Vater stolz an, und der lächelt.
Lieber Wirt als Trainer - der Familie zuliebe
Weiner senior hat viel erlebt in seiner Laufbahn. Sein bester Gegenspieler sei der Niederländer Johan Cruyff gewesen. „Der war mit Ball schneller als ich ohne. Einfach weltklasse.“ Mit Bayern spielte er 1981 bei einem Turnier zu Ehren des gestorbenen Santiago Bernabeu, einst Präsident von Real Madrid. „Wir gewannen das Turnier. Als Paul Breitner nach dem Sieg auf die Tribüne zur Witwe Bernabeu ging, waren wir alle zu Tränen gerührt.“ 1982 wechselte er für zwei Jahre zu dem US-amerikanischen Klub Chicago Sting. „Damals haben wir an einem Tag in Tampa Bay gespielt und am nächsten Mittag in Chicago. Das war eine hohe Belastung, aber auch eine tolle Erfahrung.“
Wenn Weiner erzählt, wird deutlich: Er lebt Fußball. Trainer wollte er trotzdem nie werden. Wegen seiner Kinder, betont er. „Als Trainer wirst du im Schnitt jedes Jahr entlassen und musst umziehen. Das wollte ich meinem Sohn und meiner Tochter nicht zumuten.“
Unter Herthas ehemaligem Manager Dieter Hoeneß gehörte er dem Beteiligungsausschuss des Klubs an. Vor zwei Jahren allerdings entschied er sich, nicht für eine weitere Amtszeit zu kandieren. „Wir sind nicht im Bösen auseinander gegangen. Ich hatte nur einfach zu wenig Mitspracherecht und wurde in sportlichen Fragen kaum einbezogen.“
Für Besuche im Olympiastadion bleibt Weiner wegen seiner Kneipe wenig Zeit. Der gelernte Koch fährt aber hin und wieder mit Freunden zu Auswärtsspielen. Zuletzt sah er das peinliche 0:3 beim 1. FC Nürnberg. „Mit Ausnahme des Spiels gegen Wolfsburg sind die Leistungen der Abwehr katastrophal“, sagt Weiner. Gegen den neuen Trainer Friedhelm Funkel hat er damals noch gespielt, das sen ein guter Mann. Als er noch Trainer von Eintracht Frankfurt war, sei er mal auf ein Bier vorbeigekommen. Dennoch habe er Angst, dass Hertha absteigt. „Aber wir versuchen, nicht daran zu denken. Es wird schon gut gehen“, sagt sein Sohn Dennis. In dem Moment geht die Tür auf, und zwei Männer betreten den Laden. „Können wir bei euch das Spiel des SC Paderborn gegen Arminia Bielefeld sehen“, fragt einer. „Klar“, antwortet Weiner und bietet den beiden einen Platz an. Gegen ein Uhr nachts schließt er den Laden ab und fährt heim nach Wannsee. „Manche Tage sind lang“, sagt Weiner, „aber das Leben in unserer Kneipe mit all dem Fußball und all den Menschen macht mir unglaublich viel Spaß.“




