Das Sagen im Hause Beinlich hat das weibliche Geschlecht "Ich habe mit meiner Präsidentenstimme während meiner vielen Jahre als Profi alle überstimmt. Jetzt dürfen meine vier Frauen bestimmen", sagt Stefan Beinlich. Seine Frau Katrin und die drei Töchter Nancy, Nora und Kira freuen sich über gemeinsame Radtouren und Ausflüge, für die jetzt endlich die Zeit da ist. Kein Training, keine Spiele, keine Reha-Termine mehr.

Anfang des Monats hat der 37-Jährige seine Karriere beendet. Nach 288 Partien in der Bundesliga, darunter 64 für Hertha BSC, verabschiedete er sich im Rostocker Stadion von den Fans. Vor 19.000 Zuschauern gewannen die "Hansa Allstars" gegen "Paules Dreamteam" 8:6. Neben Oliver Neuville von Borussia Mönchengladbach und Ulf Kirsten spielten unter anderem die ehemaligen Hertha-Profis Fredi Bobic, Andreas Thom und Axel Kruse. "Das war eine Riesensache. Ich realisiere jetzt erst langsam, dass es vorbei ist. Viele Momente meiner Karriere sehe ich wie in einem Film vor mir", sagt Beinlich.

Alles begann beim damaligen DDR-Spitzenklub Dynamo

Alles begann Ende der 70er-Jahre in Berlin. Beim damaligen DDR-Spitzenklub Dynamo lernte er als Jugendlicher in einer Sportschule das Fußballspielen und entwickelte sich schnell zu einem der besten Spieler. Als er 16 Jahre alt war, der Schock: Ein Arzt diagnostizierte eine Herz-Rhythmus-Störung und riet ihm, den Sport aufzugeben. Beinlichs Karriere schien beendet, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Doch der Mediziner hatte gelogen. Durch Zufall erfuhr Beinlich später, dass der Stasi-Klub ihn nur nicht mehr wollte, weil er eine Tante im Westen hatte. "Die Herzstörung habe ich zwar wirklich, aber sie ist kein Problem. Meine Mutter Renate war Ärztin und hat sich darum gekümmert, dass ich nach einem Jahr wieder spielen durfte."

Er lief fortan für Bergmann-Borsig in Prenzlauer Berg auf und schaffte den Sprung in die DDR-Liga-Mannschaft. 1991 wechselte Beinlich mit seinem Mitspieler Matthias Breitkreuz zu Aston Villa. Ein Scout des englischen Klubs hatte die beide bei einem Testspiel während eines Trainingslagers mit Bergmann-Borsig in den Niederlanden entdeckt. "Als wir zum Probetraining nach England flogen, gab es im Flugzeug Champagner. Und abgeholt wurden wir mit einem Rolls Royce. Die wussten schon, wie man uns beeindrucken konnte", blickt Beinlich schmunzelnd zurück.

Stammspieler wurden beide nicht, sie wechselten 1994 zurück nach Deutschland zu Hansa Rostock. Bei dem damaligen Zweitligisten gelang Beinlich der Durchbruch, er wurde Leistungsträger und nach einem Jahr in das Aufgebot der Nationalmannschaft berufen. 1997 wechselte er zu Bayer Leverkusen, spielte in der Champions League und lief 1998 erstmals für die deutsche Auswahl auf. In den Spielzeiten 1998/1999 und 1999/2000 wurde Leverkusen Bundesliga-Zweiter. In seinem letzten Ligaspiel für den Klub vergab Beinlich mit seinen Kollegen die schon sicher geglaubte Meisterschaft durch ein völlig überraschendes 0:2 am letzten Spieltag in Unterhaching. "Wir hatten es damals in der eigenen Hand. Es ist sehr schade, dass ich in meiner Karriere nie eine Meisterschaft gewonnen habe. Das war die große Chance."

Beinlich wechselte alle drei Jahre den Verein

In dem Sommer entschied er sich, in seine Heimatstadt zurückzukehren und unterschrieb einen Dreijahresvertrag bei Hertha. Alle drei Jahre den Verein zu wechseln, das war schon länger sein Prinzip gewesen. An sein erstes Heimspiel im Olympiastadion erinnert sich der Mittelfeldspieler besonders gern zurück. "Wir gewannen 4:0 gegen den HSV, ich schoss zwei Tore. Das war sehr schön und wichtig, weil wir eine Woche zuvor im ersten Saisonspiel 1:4 gegen Bayern München verloren hatten."

In den folgenden Monaten hatte Beinlich mit zahlreichen Verletzungen zu kämpfen. Wegen einer Zehenverletzung fiel er monatelang aus, sogar über das Karriereende wurde damals spekuliert. Zum Saisonende kehrte er aber zurück und war im defensiven Mittelfeld ein wichtiger Helfer für den offensiven Brasilianer Marcelinho. Hertha wurde Fünfter und qualifizierte sich für den Uefa-Pokal. Beim 3:1 gegen den polnischen Klub Amica Wronki erzielte Beinlich ein Tor, sein damaliger Mitspieler und Herthas heutiger Manager Michael Preetz beschrieb ihn einst als "kompletten Fußballer".

Preetz schickte Hertha-Trikot mit der Rückennummer 22

2003 wechselte Stefan Beinlich zum Hamburger SV, nach drei Jahren in der Hansestadt kehrte er zu Hansa Rostock zurück. Zuletzt gespielt hat er in der Rückrunde 2007/2008, danach fiel er mit einer Knieverletzung aus. "Ich habe im Fußball viele tolle Erfahrungen gemacht. Vor allem aber habe ich viele Freundschaften geschlossen", sagt Beinlich stolz.

Mit dem ehemaligen Herthaner Michael Hartmann, inzwischen A-Jugendtrainer bei Hansa, spielt er einmal in der Woche Golf. Die Familien unternehmen viel zusammen. Auch zu Preetz hat er Kontakt. "Zu meinem Abschiedsspiel konnte er leider nicht kommen, weil am selben Tag die Trauerfeier Robert Enkes stattfand. Er hat mir aber ein Hertha-Trikot mit meiner Rückennummer 22 geschickt. Das bekommt einen Ehrenplatz in meinem Büro."

Die Familie lebt bei Rostock, im Berliner Olympiastadion ist Beinlich nur noch selten. Die Entwicklung seines Vereins verfolgt er dennoch intensiv. Dass Hertha Letzter ist, erklärt er mit den Abgängen im Sommer. "Hertha hat mit Josip Simunic, Marko Pantelic und Andrey Voronin drei wertvolle Spieler verloren. Das merkt man jetzt. Die Mannschaft hat in der vergangenen Saison teilweise über ihrem Limit gespielt und jetzt einen Negativlauf. Die Gefahr abzusteigen ist da." Das Problem sei, dass eine Mannschaft nicht einfach durch gute Leistungen zu Selbstvertrauen kommt. "Dafür braucht man auch Punkte und Erfolgserlebnisse." Er hoffe, dass Hertha eine Serie starten und sich befreien kann. "Wenn es wieder wärmer ist, werde ich mir mal wieder ein Spiel im Stadion ansehen."

Eine Rolle in dem hektischen Bundesligageschäft möchte er erst mal nicht übernehmen. Er will im Sport bleiben, aber nicht als Trainer. "Da kommt man dann wieder in den Rhythmus rein und muss oft den Verein und die Stadt wechseln. Das möchte ich meiner Familie nicht antun. Wir sind hier heimisch geworden und fühlen uns sehr wohl."