Für einen Moment herrschte im riesigen Rund des Olympiastadions Totenstille. Sechs Meter neben seinem Tor lag Torwart Jaroslav Drobny und machte die Handbewegung „Auswechseln“. Im Europa-League-Spiel gegen den FK Ventspils verlor Hertha BSC nach 21 Minuten seine Nummer eins. Die aufmunternden „Drobny, Drobny“-Sprechchöre waren ein schwacher Trost. Wie sich später herausstellte, hatte sich der Tscheche bei einer etwas verunglückt aussehenden Parade eine Muskelverletzung am Oberschenkel zugezogen. Auch sportlich hält die Negativspirale des Fußball-Bundesligisten an. Im ersten Heimspiel der Gruppenphase kam Hertha gegen den lettischen Meister nicht über ein 1:1 (1:0) hinaus. Auf die Frage, ob die Verletzung die Mannschaft aus der Bahn geworfen habe, antwortete Trainer Lucien Favre: „Damit hat das gar nichts zu tun.“
Die Verunsicherung der Berliner, die zuletzt in der Liga viermal in Folge verloren hatten, war durch die gesamte Partie zu merken. Daran änderte auch die neue Startelf nichts. Auf sechs Positionen hatte Trainer Lucien Favre das Team gegenüber dem 1:2 in Mainz umgestellt. Rotation total vor allem in der Abwehr. Steve von Bergen und Nemanja Pejcinovic landeten auf der Bank, Christopher Janker wechselte von der rechten auf die linke Seite. Im Sturm hatte sich Artur Wichniarek wegen Adduktorenproblemen abgemeldet. Doch auch die neue Elf, in der im Mittelfeld Lennart Hartmann und im Sturm Adrian Ramos ihr Debüt in der Anfangsformation gaben, überzeugte nicht.
Nach Abpfiff eilten Torwarttrainer Enver Maric und Trainer Favre zu Ersatztorwart Sascha Burchert und klopften ihm aufmunternd auf die Schultern. Der Drobny-Vertreter hatte schwierige 70 Minuten zu absolvieren bei seinem Profidebüt. Neben einigen Paraden hatte er sich von der Unsicherheit seiner Nebenleute anstecken lassen. Beim 1:1-Ausgleich von Edgar Gauracs stand Burchert auf dem verkehrten Fuß. Vorangegangen war allerdings ein schwaches Zweikampfverhalten von Arne Friedrich, der sich vom lettischen Stürmer widerstandslos ausspielen ließ. Der Kapitän hatte nicht nur in dieser Szene Probleme.
In einer verfahrenen Partie vermochte Hertha nie Sicherheit zu gewinnen. Die Profis spielten mit viel Einsatz, aber jedem gewonnenen Zweikampf folgten teilweise hanebüchene Fehler. Maximilian Nicu, Cicero oder Marc Stein überboten sich regelrecht im Verlieren von einfachen Bällen. So entsprang das Hertha-Tor vor der Geisterkulisse von nur 13.454 Zuschauern auch einem schweren Fehler der Gäste. Torwart Pavel Chesnovski ließ einen 20-m-Schuss von Hartmann nach vorn abspringen. Lukasz Piszczek, der ansonsten einen rabenschwarzen Tag erwischte, schob den Abpraller ein, es war die zwischenzeitliche 1:0-Führung (34.).
Überhaupt überzeugten in einer schwachen Hertha Hartmann sowie Ramos. Der Kolumbianer versuchte einiges, hat ein gutes Dribbling. Zudem hatte der Stürmer auch Augen für den Nebenmann. Favre: „Ramos hat gut gespielt, aber ist vor sechs Tagen hier gelandet. Er braucht noch etwas Zeit.“ Der erst 18-jährige Hartmann spielte auf der zentralen Position vor der Abwehr erstaunlich abgebrüht. Er leistete sich wenig überflüssige Ballverluste und versuchte ein ums andere Mal, das Spiel zu beschleunigen.
Das Gegentor von Ventspils drei Minuten nach der Pause ärgerte Trainer Favre: „Wir attackieren den Gegner nicht. Dieses Tor darf nicht fallen.“ Dennoch blieb den Hausherren noch reichlich Zeit.
Doch von Aufbäumen, Drangperiode, ganz zu schweigen von Chancen, war kaum etwas zu sehen. Einzig ein Hartmann-Kopfball, der übers Tor ging (57.) verströmte ein wenig Gefahr. Daran änderte sich auch mit der Einwechslung von dem Brasilianer Cesar nichts (66.).
Die Fans unterstützten ihre Mannschaft lang, doch nach dem Abpfiff war es mit der Geduld vorbei. Als die Mannschaft sich in der Fankurve für die Unterstützung bedanken wollte, wurde sie mit einem gellenden Pfeifkonzert empfangen.
Trainer Favre sprach von „einer großen Enttäuschung. Wir haben jetzt eine schwierige Situation.“ Dir nächste Gelegenheit, um die Krise zu beenden, hat Hertha BSC am Sonntag im Heimspiel gegen den SC Freiburg.













