Wehmut lag über der Arena des WM-Finales von 2006. Noch hängt es vom Rückspiel in der Europa League am kommenden Dienstag in Portugal ab, ob Hertha BSC im Wettbewerb verbleibt. Gefühlt aber war das 101. Europacup-Spiel der Berliner auf Jahre hinaus das letzte, das im Olympiastadion stattfand. Auch beim 1:1 (1:1) gegen Portugals Rekordmeister Benfica Lissabon setzte sich die Liste der gnadenlos schwach besuchten Europapokal-Begegnungen in Berlin fort. Bei Minusgraden nur 13.684 Zuschauer in einem 74.000er-Stadion – das ergab zwangsläufig eine gespenstische Kulisse.

Wie erwartet ließ Trainer Friedhelm Funkel rotieren. Gegenüber der Startformation in der Liga-Partie gegen Mainz (1:1) waren Steve von Bergen (für Roman Hubnik, der nach Einsätzen für Sparta Prag international nicht spielberechtigt ist), Maximilian Nicu (für Fabian Lustenberger), Patrick Ebert (für Florian Kringe) und Cicero (für Theofanis Gekas) in der Startelf. Demonstrativ hielt der Trainer jedoch an jener Personalie fest, mit der er am Wochenende blankes Entsetzen ausgelöst hatte. Erneut stand Verteidiger Christoph Janker als defensiver Mittelfeldspieler auf dem Feld. Wie schon gegen Mainz konnte Janker auch im Europacup nicht nachweisen, dass er seiner Mannschaft helfen kann.

Taktik nach drei Minuten über den Haufen geworfen

Was auch immer der Übungsleiter seiner Mannschaft mit auf dem Weg gegeben hatte, nach 3:20 Minuten war die Taktik über den Haufen geworfen. Gleich gegen den ersten Angriff des portugiesischen Tabelleführers hatten die Hausherren kein Mittel. Lukasz Piszczek übersah bei einem 40-Meter-Pass von Carlos Martins, dass ihm in Rücken Angel Di Maria entwischte. „So ein kapitaler Abwehrfehler, so eine Schlafmützigkeit darf nicht passieren“, schimpfte Hertha-Manager Michael Preetz.

Di Maria erlief den Ball, konnte sich frei vor dem Hertha-Tor die Ecke aussuchen, Torwart Jaroslav Drobny spekulierte auf die rechte Seite, also schob der Argentinier den Ball links ein – 0:1. Der Stürmer kennt sich aus im Olympiastadion. Er hatte bereits im Oktober 2008 getroffen, als Benfica zuletzt in Berlin zu Gast war. Damals wie gestern traf er zur Führung, ehe Hertha noch ausglich – so bleibt Benfica auch nach 17 Auswärtsspielen in Deutschland ohne Sieg (sechs Remis, elf Niederlagen).

Anfangs sah es danach aus, als sollte die Sieglos-Serie reißen. Die Portugiesen legten das Spiel an, als seien sie die Hausherren. Schneller und ballsicherer ließ Lissabon die Herthaner laufen; die Berliner kamen phasenweise nicht aus ihrer Hälfte heraus.

Ohne Chancen lassen sich keine Tore erzielen – diese Weisheit hebelten die Blau-Weißen indes aus. Pisczczek flankte scharf in den Benfica-Strafraum. Vom Schienbein von Javi Garcia veränderte der Ball komplett seine Richtung, Torwart Julio Cesar kam nicht rechtzeitig ins rechte Eck, 1:1, ein Eigentor (33.), Hertha war wieder im Spiel.

Einer schwachen ersten folgte eine bessere zweite Hälfte

Die treuen Fans in der Ostkurve forderten mehr. Mit ihrem Plakat nach der Pause weckten sie die Mannschaft. „Mit Durchhalteparolen in die 2. Liga – wann kommt Eure Antwort auf dem Platz?“ Und siehe da, wie schon in der Liga ließ der Hauptstadt-Klub einer schwachen ersten eine bessere zweite Hälfte folgen. Es war kein großer Fußball, den Hertha bot, aber immerhin setzte sich der Tabellenletzte der Bundesliga zur Wehr. Nicu traf in seiner besten Szene den linken Pfosten (55.). Der Mittelfeldspieler betrauerte die vergebene Chance: „Ich sehe den Ball kommen, aber Adrian Ramos springt vor mir hoch, irritiert mich etwas. Ich habe den Ball dann nicht optimal getroffen.“

Einen Raffael-Schuss faustete Torwart Cesar im letzten Moment aus dem Eck (57.). Viel mehr passierte nicht. Das Remis lässt Hertha alle Chancen für das Rückspiel kommenden Dienstag. „In Lissabon zu spielen ist keine angenehme Aufgabe“, sagte Nicu zwar: „Aber es ist nicht unmöglich, auch dort zu bestehen.“ Davor wartet Sonntag die wichtige Liga-Aufgabe beim Tabellen-15. in Freiburg.