Michael Preetz, der Geschäftsführer Sport von Hertha BSC, sprang in die Luft und jubelte noch einmal so herrlich ungelenk wie zu Zeiten, als er noch selbst ein Torjäger war. Die Innenverteidiger Arne Friedrich und Steve von Bergen tanzten mit Torwart Jaroslav Drobny, die Fans besangen derweil inbrünstig den „Europapokal“ und Patrick Ebert und Gojko Kacar: Zwei Schlüsselspieler auf dem Weg zu einem späten 3:1 (0:0) der Berliner im Play-off-Rückspiel der Europa League.
Das Weiterkommen an sich analysierte Trainer Lucien Favre als „nach 180 Minuten verdient“. Die Art und Weise aber, wie Hertha den zehnmaligen dänischen Meister Bröndby IF nach dem 1:2 aus dem Hinspiel noch aus der Gruppenphase drängte, verdient durchaus den Begriff „Wunder“. Nach 60 Minuten hatte es vor 14.743 Zuschauern im Jahnsportpark nicht danach ausgesehen, als sollten die Berliner am Freitag in Monaco vertreten sein, wenn im Fürstentum ab 13 Uhr die Gruppenphase ausgelost wird. Dabei war Hertha bis zu diesem Zeitpunkt nur ein Vorwurf zu machen: Es fehlten Tore als Ausdruck der Überlegenheit.
Schlimmer noch, die Blau-Weißen lagen sogar zurück. Durch ein Tor, wie sie es in dieser Saison schon so häufig hinnehmen mussten: Ein Ballverlust, eine Ecke, ein Konzentrationsfehler – 0:1 durch Morten Rasmussen. 51 Minuten waren da gespielt, zwei Tore fehlten da bis zur Verlängerung und deren drei zum direkten Weiterkommen.
„Das 0:1 war ein Schock“, gestand Kacar, „aber wir sind Kämpfer. Das ist die deutsche Mentalität.“ Patrick Ebert entsprach ihr am deutlichsten sichtbar. Der 22-Jährige wehrte sich vehement gegen das Ausscheiden. Er probierte es mit Flachschüssen von rechts (53.) und zentral (58.), er setzte einen Freistoß – noch knapp von Bröndbys Torhüter Andersen berührt – auf die Latte (68.) und er bediente den eingewechselten Maximilian Nicu, der den Ball aber leichtfertig am langen Eck vorbeischlenzte (71.).
Denkwürdiges Europapokalspiel in Hertha-Geschichte
Es folgte ein Eckball, Herthas zehnter im Spiel, getreten von Nicu. Eine Viertelstunde blieb da noch, und die serbische und ungarische Mentalität muss der deutschen Kämpfernatur wohl sehr nahe kommen, denn der Standard wurde unverhofft zum Ursprung eines denkwürdigen Europapokalspiels in der Geschichte von Hertha BSC. Wie Kacar glaubte auch Pal Dardai immer an die Wende und das Weiterkommen. „Ich wusste, wir müssen einfach weitermachen“, sagte Dardai, „und dass nur das erste Tor schwer werden würde und danach alles wie von selbst läuft.“
Die seherischen Fähigkeiten des Routiniers erfüllten sich. Obwohl bei Hertha mit Valeri Domovchiyski und Artur Wichniarek nacheinander beide Sturmspitzen vom Feld getrabt waren, startete die Aufholjagd. Kacar, die Geheimwaffe, machte den Anfang. Bröndby-Trainer Kent Nielsen hatte seine Mannschaft explizit vor dessen Kopfballstärke gewarnt: „Wir wussten, dass wir ihn am Boden halten müssen.“ Wenn Kacar aber erst einmal meterhoch in der Luft angeflogen kommt und den Ball dann auch noch so perfekt trifft wie in diesem Moment, hat es wohl jede Mannschaft schwer. 1:1, immerhin – aber erst Dardai schoss Hertha in der 80. Minute mit einem Fernschuss auch Richtung Verlängerung. Sein Tor, das erste im 39. Europapokalspiel seiner Karriere, fand Dardai „einfach schön“.
Preetz sprang wie ein Weitsprungmeister
Kacar, dem überragenden Antreiber, war selbst das noch nicht genug. 86 Minuten waren schließlich gespielt, da schraubte sich der Serbe nach einer weiten Flanke seines Landsmannes Nemanja Pejcinovic ein weiteres Mal unwiderstehlich nach oben – 3:1. In diesem Moment war Hertha weiter, und schon da machte Preetz von der Berliner Bank aus einen Satz nach vorn, der ihm bei den deutschen Weitsprungmeisterschaften zum Medaillenkandidaten machte.
„Die Erleichterung ist bei allen riesengroß“, sagte der Hoeneß-Nachfolger. „Nach drei Niederlagen in Folge war der Druck schon enorm, aber die Mannschaft hat über 90 Minuten abgerufen, was wir in dieser Situation gebraucht haben.“ Seinen Jubel verband Preetz mit der Hoffnung, „dass die Saison für uns jetzt erst so richtig losgeht.“ Die Voraussetzung dafür schuf sich das Team selbst. „Sie wollte es ohne Verlängerung schaffen“, stellte Trainer Favre fest. Den Grund lieferte er gleich hinterher: „Wir spielen schließlich schon Sonntag wieder gegen Bremen.“
Wenn es doch nur immer so einfach wäre.














