Ein Gespräch mit Dieter Hoeneß zu diesem Thema geriete zum bizarren Schauspiel. Wer hat welchen Anteil am fünften Bundesliga-Abstieg von Hertha BSC? Dass ein solcher Niedergang nie das Werk eines Einzelnen ist, versteht sich. Ebenso, dass den Absturz des Fast-Meisters der vergangenen Saison zuerst die zu verantworten haben, die in 34 Saisonspielen allzu oft dilettierten: die Spieler.
Doch Hoeneß würde bezüglich seines Quantums ein resolutes „Null“ feststellen. Allen Schulden zum Trotz, den zu Spitzenzeiten 55 Millionen und jetzt noch immer 35, die die Zukunft des Klubs zum Vabanquespiel machen.
Aber Hoeneß’ Stimme würde sich erheben. Der Tonfall geriete scharf und der Blick zornig. Nun gut, die Schulden – die sind da. Aber nur wer ins Risiko geht, kann auch gewinnen. Überhaupt: Wer sei denn der Herr der Zahlen gewesen, er oder Ingo Schiller? Und hätten beide nicht schon jede Ausgabe im niedrigen sechsstelligen Bereich von den Gremien genehmigen lassen müssen?
Ende der One-Man-Show
Der Ex-Manager würde poltern. Statt ihm auch nur ein Jota der Schuld zuzuweisen, müssten ihm jene, die ihn einst schändlich von seinem Hofe jagten, nachträglich ein Denkmal errichten. Ein Denkmal für all das, was er dem Hauptstadtklub in den knapp 13 Jahren seiner Regentschaft an Wohl hat zukommen lassen. Die Champions League (ein bisschen zu früh, aber immerhin). Dicke Sponsorenverträge. Und zuletzt: den vierten Platz in seinem finalen Jahr, der in der Nachbetrachtung noch an Wert gewonnen hat, jetzt, da Hoeneß im Detail weiß, was etwa Wolfsburg ausgeben kann.
Das Gespräch wäre wie ein kurzer Sprung in Herthas Vergangenheit, die laut war und impulsiv und mitnichten geprägt von mehr Höhen als Tiefen.
Nur leider hat der Klub nun eine Phase seiner 117-jährigen Geschichte zu durchwandern, die erst recht unerquicklich ist – aber keineswegs untypisch für ein Unternehmen im Wandel. Hertha wollte weg von der One-Man-Show, hin zu einem neuen Geist, zu gemeinschaftlichem Denken. Doch auch moderne Fußballklubs sind davor nicht gefeit, dass der Bruch mit langfristigen Strukturen in der Phase des Übergangs zu Turbulenzen führen kann.
Michael Preetz machte aus wenig nichts
Dem Sparwillen der Andersdenkenden hatte sich Hoeneß verweigert – man trennte sich vor dem letzten Vertragsjahr, je nach Interpretation mehr oder minder freiwillig. „Auch mit 28 Millionen Euro Personaletat lässt sich Bundesliga spielen“, bestimmte Werner Gegenbauer, der in der Krise ganz entgegen jeder hoeneßschen Prophezeiung agierte. Der eben nicht das Rampenlicht suchte, sondern blass auf „klare Zuständigkeitsbereiche“ im sportlichen und finanziellen Bereich verwies. Und der noch Ende November die fatale Fehleinschätzung wagte, die da in ihrem Tempo längst lebensgefährliche Talfahrt sei nicht von Dauer: „Wir haben eine temporäre sportliche Delle.“
Präsident Gegenbauers Verweis auf andernorts viel niedrigere Gehaltskosten, etwa in Mainz, ist dagegen zutreffend. Aber Geld ist nun einmal nur das wert, was man daraus macht – und Michael Preetz machte aus wenig nichts. Diese Bilanz überschattet alle anderen Errungenschaften der neuen Ära, die für den neuen starken Mann im sportlichen Verantwortungsbereich im größtmöglichen Unglücksfall endete.
Preetz wollte alles anders machen als Vorgänger Hoeneß. Der Umgangston im Klub sollte fortan den Maßstäben der zivilisierten Welt genügen – und tat es auch. Doch welch ein Pyrrhussieg ist das gegen die Missstände, die damit einhergingen.
Fehleinkäufe in blinder Eintracht
Preetz war das Gesicht in der Krise, ja, aber doch weit weniger konturiert als das seines Vorgängers. Der besonnene Ex-Profi musste sich mitunter belehren lassen, wie Hoeneß dem Absturz begegnet wäre und wie er die Mannschaft im Brüllton in die Achtung gestellt hätte. Preetz blieb seiner gegenteiligen Linie treu und nahm auch in Kauf, dass genau das ihm als eine weitere Schwäche ausgelegt wurde. Zu weich sei er, hieß es, nicht entschlossen genug; ohne klare Linie und ohne Handlungssicherheit. Wie bitterste Ironie mutet es an, dass Preetz ausgerechnet einmal schneller handelte, als es gemeinhin erwartet wurde – und dass der größte Befürworter der neuen Zeitrechnung deren erstes Opfer wurde: Lucien Favre. Er hatte nicht länger mit Hoeneß arbeiten wollen, weil der ihm Spieler verordnete, mit denen der Ex-Trainer nicht arbeiten wollte. Von nun an, gelobten Preetz und Favre, sollten Transfers einmütig vollzogen werden. Einmütig legten sie sich fest auf Rasmus Bengtsson, auf Nemanja Pejcinovic, auf – Artur Wichniarek. Das alte Regulativ war fort und Fehleinkäufen in blinder Eintracht Tür und Tor geöffnet.
Und noch etwas verschuldeten Preetz und Favre im Duett: Sie hätten, diese Erkenntnis wohnt längst beiden inne, vor Beginn der Saison wesentlich vehementer gegenüber dem Wirtschaftskapitän Gegenbauer auf einen größeren finanziellen Spielraum drängen müssen, weil die zum Teil erzwungenen Abgänge Simunic, Pantelic und Voronin mit den zur Verfügung stehenden Mitteln natürlich nicht zu ersetzen waren. Das Geld, das im Winter eilig beschafft wurde, wäre besser schon sechs Monate früher ausgegeben worden. Ein wenig verklausuliert hat Favre all das bereits Anfang Oktober im Rahmen einer Pressekonferenz eine Woche nach seiner Entlassung kundgetan.
Funkel ist kein Retter
Diese späte Einsicht, zugleich eine Warnung an seinen Nachfolger, entbindet ihn nicht von seiner Verantwortung am hinterlassenen Personalchaos. Sie ist auch höher als die des Mannes, der nach sieben Spieltagen auf ihn folgte.
Und das, obwohl dieser Friedhelm Funkel keines der von ihm ausgerufenen Ziele realisierte. Bei damals drei Punkten Rückstand zu Platz 15 wollte der erfahrene Retter die Lücke nach oben „bis Weihnachten verringert und den einen oder anderen Konkurrenten überholt“ haben. Stattdessen gewann Funkel in der Hinrunde überhaupt kein Spiel mehr, und drei Punkte Rückstand wurden zu zehn!
Einen Heimsieg hat der zu lange mutlose Funkel sogar bis heute nicht geschafft, und seine Bilanz des Schreckens ließe sich um viele weitere unschöne Facetten erweitern. Aber Funkel hat auch im Rahmen des Möglichen manche sachdienliche Korrektur gezeitigt. Eine einst desaströse Defensive geriet mit der Hinzunahme der Wintereinkäufe Roman Hubnik und Levan Kobiashvili zur nach Gegentoren besten Abwehr der Rückrunde.
Obendrein verstand Funkel es, die Spieler zu seinen Freunden zu machen. Mit seinen Methoden kitzelte Funkel manch unwiederbringlich verschüttet geglaubtes Extraprozent heraus. Etwa, wenn er Kapitän Friedrich trotz Wirbelblockade besser als jeder Physiotherapeut mobil machte. Oder er dem serbischen Jungnationalspieler Gojko Kacar so lange mit schmeichelnden Tönen seine Unverzichtbarkeit versicherte, bis der in Frankfurt trotz Knieschmerzen auflief – und prompt zur Führung traf.
Dem Schweizer Lucien Favre, der die Spieler nicht mit Worten, sondern in täglicher Arbeit besser machen wollte, fehlte am Ende genau dieses Vertrauen. Gescheitert sind sie beide, jeder auf seine Weise. Mit dieser Mannschaft. An dieser Mannschaft. Für den Verein ist dies das Ende der Experimente – und der Beginn einer neuen Ära.




