Morgenpost Online: Herr Kobiashvili, haben Sie seit dem Wochenende schon mit alten Schalker Kollegen telefoniert?

Levan Kobiashvili: Nein. Ich war bei meiner Familie, das Handy war die meiste Zeit ausgeschaltet. Aber ich weiß, worauf Ihre Frage abzielt.

Morgenpost Online: Dass deren 2:4 in Hannover keine Hilfe für Hertha war.

Kobiashvili: Das stimmt allerdings. Von den Mannschaften unten haben am Spieltag alle verloren – Ausnahme Hannover, und damit hatte ich nicht gerechnet. Es war überraschend, dass eine so defensiv starke Mannschaft wie Schalke vier Tore kassiert. Aber Manuel (Torwart Neuer – d.R.) hat sich auch ein paar seltene Fehler erlaubt.

Morgenpost Online: Statt wie erhofft bis auf Platz 16 zu springen, fehlen wieder fünf Punkte zum Relegationsrang 16. Wie belastend ist dieses Auf und Ab von Glaube, Hoffnung, Rückschlag?

Kobiashvili: Es sind nur noch vier Spiele, und wir sind in keiner guten Position. Zwei Heimsiege, wenigstens drei oder vier Punkte mehr – dann wäre schon alles einfacher. Aber es ist nicht zu ändern. Jetzt müssen wir in Frankfurt gewinnen, aber genau diesen Druck hatten wir auswärts zuletzt regelmäßig und haben immer gut gespielt und gewonnen. Vielleicht sollten wir beantragen, die letzten vier Spiele alle auswärts spielen zu dürfen (lacht).

Morgenpost Online: Wie sehr belastet diese Gefühls-Achterbahn auch das Familienleben? Was sagt Ihre Frau Tamara, wie reagieren die Kinder?

Kobiashvili: Salome ist noch zu klein. Aber Nicka, der elf Jahre alt ist, ist fußballverrückt und verfolgt alle Spiele. Er sagt immer: Es geht weiter. Ihr schafft das. Auch der Rest der Familie und Bekannte aus Georgien unterstützen mich in Telefonaten. Das tut gut. Denn wir müssen, so schwer es mitunter fallen mag, positiv bleiben.

Morgenpost Online: Was macht Ihnen Mut?

Kobiashvili: Wir sind spielerisch gut, stehen defensiv sicher, viel sicherer als noch in der Hinrunde. Das müssen wir im Kopf behalten. Wir dürfen nicht aufgeben, das wäre falsch.

Morgenpost Online: Haben Sie im Winter erwartet, dass die Mission Klassenerhalt so schwer werden würde?

Kobiashvili: Nein. Ich wusste, dass es schwer werden wird, denn der Abstand zu den Plätzen davor war groß. Aber ich habe auch gleich am ersten Tag in Berlin gesagt, dass ich das Potenzial in der Mannschaft sehe, aus dieser Situation zu kommen.

Morgenpost Online: Warum hat das nicht geklappt?

Kobiashvili: Ich suche die Schuld nicht bei den Schiedsrichtern. Ich bin selbstkritisch genug, um zu sagen, dass wir genügend falsch gemacht haben. Aber wir haben Spiele und Punkte auch unglücklich verloren – auch Fehlentscheidungen, gerade gegen Dortmund und zuletzt Stuttgart, haben da eine Rolle gespielt. Ich habe mich im Potenzial der Mannschaft nicht getäuscht.

Morgenpost Online: Das heißt, Sie bereuen trotz drohenden Abstiegs nicht den Wechsel zu Hertha?

Kobiashvili: Wenn wir absteigen, zählt nur das Resultat; dann interessiert niemand, ob wir die wenigsten Gegentore hatten oder ob wir mit unserer Punktzahl der Rückrunde irgendwo im Mittelfeld gelandet wären. Trotzdem: Ich genieße es, Fußball zu spielen. Das will ich. Der Rasen ist mein Leben. Ich will dort sein, wo ich spielen darf – wie in Berlin. Ich habe 300 Bundesligaspiele, bin seit zwölf Jahren in Deutschland, und es macht mir immer noch Spaß. Ein guter Verein, wo ich nicht spielen darf, war nie mein Ziel. Deshalb habe ich Schalke auch aus freien Stücken verlassen. Das Einzige, was mir bei Hertha fehlt, sind ein paar Punkte mehr.

Morgenpost Online: Verständlich. 22 sind es bis jetzt – und trotz dieser historisch niedrigen Ausbeute darf Hertha vier Runden vor Schluss noch immer hoffen.

Kobiashvili: Unglaublich, ja. Zu meiner Freiburger Zeit waren noch jedes Jahr 40 Punkte nötig, um sicher drin zu bleiben. Diese Zeit ist vorbei. Ich weiß nicht, woran es liegt, dass jetzt von Jahr zu Jahr weniger Punkte zum Klassenerhalt genügen. Denn es ist ja nicht so, dass die Mannschaften aus der oberen Hälfte jedes Spiel gegen die aus der unteren gewinnen würden – siehe Schalke in Hannover.

Morgenpost Online: Jeder Schuss kann entscheidend sein. Was dachten Sie in dem für einen Linksverteidiger seltenen Moment, als sie gegen Stuttgart frei vor Jens Lehmann zum Abschluss kamen, und er parierte?

Kobiashvili: Natürlich denkt man: 1:0, was wäre, wenn… Aber der Winkel war spitzer als es aussah, und Lehmann ist ja noch immer ein guter Torwart.

Morgenpost Online: Fluchen Sie in solchen Momenten auf Deutsch oder auf Georgisch?

Kobiashvili: Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, auf Georgisch. Ja, ziemlich sicher.

Morgenpost Online: 14 Heimspiele ohne Sieg – wie begründet sich so ein lang anhaltender Komplex?

Kobiashvili: Auswärts haben wir einfach weniger Druck, spielen ruhiger, lockerer, mit mehr Freude. Wie in Köln, Wolfsburg, Freiburg, Hannover. Nach diesen Siegen wurde jedes Mal gerechnet: Wenn wir jetzt das nächste Heimspiel gewinnen, dann… und prompt können wir unsere Auswärtsleistungen nicht auch im Olympiastadion abrufen. Vielleicht, weil der Druck dieses Rechnens, wohin wir mit einem Sieg kommen könnten, zu viel für uns ist.

Morgenpost Online: Mit der Konsequenz, dass jetzt trotzdem nur noch Siege zählen.

Kobiashvili: Wir haben gegen Stuttgart, immerhin die beste Rückrunden-Mannschaft, nicht überragend gespielt. Aber der VfB hat auch keineswegs verdient gewonnen. Die Klasse einer Einzelaktion von Cacau – Ballannahme, Beschleunigung, Schuss und Tor – hat den Unterschied ausgemacht. Die besseren Chancen hatten unterm Strich wir. Deshalb noch einmal: Wir müssen positiv bleiben. Positiv und mutig. Schon in Frankfurt. Sie sind eine gute Mannschaft, trotz der Niederlage zuletzt in Gladbach. Aber wir werden alles für die nächsten drei Auswärtspunkte geben.

Morgenpost Online: Danach kommt Schalke zum nächsten Versuch ins Olympiastadion. Sie kennen die Schalker bestens, haben bis zur Winterpause selbst dort gespielt. Angesichts von zuletzt zwei Niederlagen: Wurde Felix Magaths junge Mannschaft überschätzt?

Kobiashvili: Klares Nein. Die sind nicht durch Glück oder Zufall seit Monaten Erster oder Zweiter. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass jeder Spieler und der gesamte Trainerstab jeden Tag gute Arbeit leistet.

Morgenpost Online: Also wird auch das kein Selbstläufer. Muss Hertha hoffen, dass Leverkusen zum Ende hin die Champions-League-Qualifikation schon sicher hat? Dass die Bayern schon als Meister ins Olympiastadion kommen?

Kobiashvili: Nichts da. Wir müssen nur hoffen, dass wir am 34. Spieltag überhaupt noch in einer Situation sind, in der wir uns mit drei Punkten noch retten können. Das wäre aus heutiger Sicht schon klasse. Ob die Bayern dann schon Meister sind oder nicht, hat uns nicht zu interessieren. Jeder Spieler will gewinnen – immer. Die Bayern werden uns also so oder so nichts schenken. Wir werden drei Punkte auch dann erzwingen müssen.