Einfach nur nach vorn. Egal wie. Christoph Westerthaler schaute auf den Ball und rannte los. Der Stürmer der Eintracht spielte seinen Gegenspieler Ciriaco Sforza aus. Dann fiel er hin, doch der Ball rollte zu Teamkollege Jan Age Fjörtoft. Und der blieb cool. Ein Übersteiger, ein Schuss, ein Tor. Es war das 5:1, das Eintracht Frankfurt vor dem Abstieg rettete. Mehr als 50.000 Zuschauer im ausverkauften Stadion jubelten, Trainer Jörg Berger riss an der Seitenlinie die Arme hoch. Damals, am 29. Mai 1999, in der Partie der Frankfurter gegen den 1.FC Kaiserslautern.
Die Eintracht war eigentlich nicht mehr zu retten, vier Spieltage vor Schluss hatte sie sechs Punkte Rückstand auf einen Nicht-Abstiegsplatz. Eine Relegation wie heute gab es damals nicht – dennoch wurde Frankfurt 15. „Jörg Berger hätte auch die ,Titanic' gerettet“, sagt Fjörtoft, inzwischen Botschafter des norwegischen Fußball-Verbandes.
Am Sonntagabend ist wieder Abstiegskampf in Frankfurt. Um 17.30 Uhr (live bei Sky) empfängt die Eintracht Hertha BSC. Frankfurt ist gesichert, belegt den neunten Platz. Den Berlinern hingegen ergeht es ähnlich wie der Eintracht damals, der Rückstand des Tabellenletzten auf den angestrebten Tabellenrang 16 beträgt fünf Punkte. Der Retter von damals macht den verzweifelt Kämpfenden von heute Mut. „Auch wenn es viele sagen: Herthas Abstieg ist noch nicht besiegelt“, sagt Berger.
Er hat ein Buch über sein Leben geschrieben. Derzeit liest er auf einem Kreuzfahrtschiff. Die Endphase der Bundesliga verfolgt er intensiv. Der Abstiegskampf ist ähnlich spannend wie 1999. Er traut den Berlinern zu, den Sturz in die Zweite Liga doch noch abwenden zu können. „Ich kenne Herthas Trainer Friedhelm Funkel persönlich. Er hat seinen eigenen Stil und wird die richtige Ansprache vor der Mannschaft finden.“
Auf was aber kommt es jetzt konkret an? Wie hat er damals die abgeschlagene Eintracht gerettet? „Ich habe den Spielern gesagt: ‚Schafft das Mögliche, damit ihr das Unmögliche schafft.' Das haben sie getan.“ Eintracht musste die letzten vier Spiele gewinnen und das Torverhältnis deutlich verbessern. In der Endphase gelangen erstaunliche Siege: 2:1 bei Werder Bremen, 2:0 gegen Borussia Dortmund, 3:2 beim FC Schalke und eben jenes legendäre 5:1 gegen Kaiserslautern. „Entscheidend war damals der Kopf. So ist es bei Hertha jetzt auch“, sagt Berger.
Er bediente sich damals psychologischer Tricks. Seinen Profis zählte er auf, welche Sensationen und Überraschungen es im Sport schon gegeben hat. Und erinnerte sie daran, was ihnen schon im Leben widerfahren ist, mit dem sie nicht gerechnet hatten. Er führte zunächst Gespräche mit der Mannschaft, dann mit Gruppen und einzelnen Spielern. „Jeder muss an sich und die Chance auf den Klassenerhalt glauben. Und sich voll einsetzen. Dann kann es klappen.“
Ähnliches sagten zuletzt auch Funkel und Manager Michael Preetz. Sätze, die manche Kritiker als Durchhalteparolen werten. Das kann Berger nicht nachvollziehen. „Mir haben damals auch viele gesagt: ,Herr Berger, das haben Sie ja schon mal gesagt.' Na und? Ich habe dran geglaubt. Man muss nichts neu erfinden. Wenn man unten drinsteht, ist es einfach eine knallharte Sache.“
Herthas Problem sei, dass der Existenzkampf für den Klub überraschend kommt. Vor der Saison habe niemand damit gerechnet, dass die Mannschaft um den Klassenerhalt kämpfen muss. „Deswegen ist Berlin besonders gefährdet. Vor allem das Umfeld kommt mit der Situation nicht klar. Niemand war auf den Abstiegskampf vorbereitet.“ Bochum und den SC Freiburg sehe er in der Saison-Endphase daher im Vorteil. „Die kennen das Theater.“
Hertha hat zudem das schwerste Restprogramm. Nach Franfurt geht es gegen Schalke, Leverkusen und den FC Bayern. Bergers Rat: Sich von den großen Namen nicht schrecken lassen. „Im Abstiegskampf ist alles möglich.“




