Als wäre die Rückrunde nicht grausam genug, verdichtete sich das Schicksal von Hertha BSC in der Nachspielzeit. Es stand 1:1, Adrian Ramos spielte Theofanis Gekas zwei Meter vor dem Leverkusener Tor frei, doch der Stürmer brachte es fertig, am Ball vorbei zu springen. Statt des erforderlichen Sieges spielten die Berliner 1:1 – ein Remis, das den Abstieg in die Zweite Liga besiegelte.

Um 17.19 Uhr war es soweit: Abpfiff in der BayArena, kopfschüttelnd hockte Torwart Jaroslav Drobny auf dem Rasen. Nach 13 Jahren war die Zeit der Erstliga-Zugehörigkeit von Hertha BSC vorbei. Der Vorjahres-Vierte hatte ein unrühmliche Kunststück fertiggebracht: vom Titelaspiranten 2009 zum Absteiger 2010. Die deutsche Hauptstadt wird als einzige Hauptstadt in Europa im kommenden Spieljahr keinen erstklassigen Fußball sehen. Was für ein Absturz.

Wie zum Hohn wiederholten sich am 33. Spieltag die Momente, die die Berliner in der Rückrunde zur genüge erlebt hatten. Wieder einmal hatte die Konkurrenz für Hertha gespielt: Nürnberg verlor (0:4 in Hamburg), Bochum verlor (1:3 beim FC Bayern). Damit kommen die Münchener als bereits feststehender Deutscher Meister ins Olympiastadion – eine Konstellation von der Hertha nicht mehr profitieren wird. Denn zum x-ten Mal wussten die Blau-Weißen die Steilvorlagen der Konkurrenz nicht zu nutzen.

Dabei hatte sich Hertha in Leverkusen ordentlich geschlagen. Der Letzte war weit entfernt davon, Kanonenfutter für Bayer zu sein. Leverkusen hätte im Kampf um die Qualifikation zur Champions League etwas für das Torverhältnis tun müssen. Das Unentschieden indessen nützte beiden Teams nichts.

Dabei hatte Hertha auf Sieg gespielt. Schon nach fünf Minuten hatte Nationaltorwart Rene Adler Glück – der Schuss von Hertha-Stürmer Theofanis Gekas prallte vom Innenpfosten zurück ins Feld.

Wenig später schaltete der Ligaletzte rasch. Während Leverkusener noch mit Schiedsrichter Peter Sippel über einen Freistoß für die Berliner haderten, schickte Cicero Gekas auf der linken Seite. Dessen Flanke über die Bayer-Abwehr hinweg nahm Raffael volley – aus 14 Metern schlug es unten links ein, 0:1 (12.). Es ist schwer zu verstehen: Hertha, der im heimischen Olympiastadion partout kein Tor gelingen will, auswärts nach Belieben trifft – ob die Gegner Hannover, Freiburg, Köln (alle 3:0) oder Wolfsburg (5:1) heißen.

Die 30210 Zuschauer in der BayArena staunten – nahm hier eine Sensation ihren Lauf? Der Favorit zeigte Wirkung. Nichts war zu sehen vom attraktiven Offensivfußball, den Leverkusen schon so oft gezeigt hatte. Der Bayer-Anhang pfiff die eigene Mannschaft aus, an der Linie tobte ein aufgebrachter Trainer Jupp Heynckes. Nur die Hertha-Fans feierten: „Wir geben niemals auf.“

Die Berliner zogen ein engmaschiges Netz, in dem sich die Hausherren eins ums andere Mal festliefen. Hertha verlegte sich nicht auf Ergebnis halten – das Schlusslicht wollte ein zweites Tor. Gojko Kacar vergab eine Großchance, als Hyypiä im eigenen Strafraum wegrutschte. Der Serbe umkurvt Torwart Adler, schob den Ball aber Manuel Friedrich in die Hacken (55.). 120 Sekunden schoss Kacar, erneut freistehend, Adler an (57.). „Ich bin sauer auf mich“, haderte Kacar später, „es tut mir sehr leid für Hertha BSC und die Fans.“

Der großzügige Umgang mit den Möglichkeiten sollte sich rächen. So wuchtete Bayer-Kapitän Manuel Friedrich eine Ecke per Kopf unter die Latte des Berliner Tores, 1:1 (59.) – wer soll soviel Ironie ertragen: Friedrich besiegelt Herthas Schicksal. Nun hatten die Hausherren Oberwasser. Glück für die Berliner, als erneut Manuel Friedrich an die Unterkante der Latte köpfte, den Abpraller von Patrick Helmes parierte Hertha-Torwart Drobny (79.).

Spieler zeigen sich gefasst

Am Ende suchten beide Teams die Entscheidung. Die beste Chance hatte Gekas in der Nachspielzeit – mit dem bekannten bitteren Ausgang: kein Tor, kein Sieg, Der Gang in Liga zwei kann auch einem gewachsenen Verein mal passieren. Wenn man aber, wie Hertha, als spielstärkster Absteiger aller Zeiten in die Zweite Liga muss, ist an vielen Stellen etwas verkehrt gelaufen. Oder wie es Bayer-Trainer Heynckes formulierte: „Ich habe noch nie eine Mannschaft gesehen, die so gut Fußball spielt und absteigen muss.

Während bei den mitgereisten Fans aus Berlin reichlich Tränen flossen, Geschäftsführer Ingo Schiller kreidebleich und unfähig zu sprechen in den Katakomben stand, gaben sich Spieler gefasst. Mittelfeldspieler Fabian Lustenberger sagte: „Das ist bitter. Der Abstieg von Hertha ist ein Verlust für die Bundesliga.“ Präsident Werner Gegenbauer sagte: „Es ist klar, dass alle tief enttäuscht sind. Wir haben versucht, die Chance zu nutzen, aber es hat nicht gereicht. Wir werden in den nächsten Tagen in Angriff nehmen, was in den vergangenen Wochen vorbereitet worden ist.“ Herthas letztes Saisonspiel am kommenden Samstag gegen den erneuten Meister FC Bayern hat somit nur noch statistischen Wert.