Wenn es denn ein Überredungsversuch war, blieb er ohne Erfolg. Mit Hendrik Herzog, dem einst eisenharten Innenverteidiger und heutigen Zeugwart von Hertha BSC, und Axel Kruse, dem raffinierten Ex-Torjäger, beobachtete Michael Preetz Mittwochvormittag weite Teile des Trainings der aktuellen Belegschaft. Die wird es auch in den verbleibenden vier Saisonspielen richten müssen.

Fünf Punkte müssen sie nach derzeitigem Stand aufholen und mindestens zwei Konkurrenten überholen, wollen sie sich noch in die Relegation gegen den Zweitliga-Dritten retten. „Dass das eminent schwer wird, wissen wir, und auch, dass die Teams vor uns noch kräftig patzen müssen“, sagt Preetz, und macht gegenüber der Morgenpost Online diese Rechnung auf: „Wir werden noch neun Punkte holen müssen.“ Besser wären zehn. Doch woher nehmen? „Wir müssen in den kommenden beiden Spielen, in Frankfurt und danach zu Hause gegen Schalke, fleißig punkten. Am besten, wir gewinnen beide Spiele. Dann sind wir zum Abschluss gegen Leverkusen und Bayern in einer Ausgangsposition, in der wir das Wunder Wirklichkeit werden lassen können.“

Nur nicht in Ehrfurcht erstarren

Hannover, Freiburg, Wolfsburg, Köln - und jetzt auch Frankfurt? „Bei einem Sieg würde unsere Ausgangsposition schon wieder ganz anders aussehen“, sagt Preetz. Ausgeschlossen ist ein Erfolg am Main nicht, immerhin hat Hertha in der Rückrunde vier von sechs Auswärtsspielen gewonnen. Der Manager hofft in Frankfurt auf zweierlei: „Auf dieselbe Effektivität wie in den vorangegangenen Auswärtsspielen. Und, dass die Jungs mit breiter Brust auf den Platz gehen. Denn ich wüsste nicht, wieso wir vor der Eintracht in Ehrfurcht erstarren sollten.“

Preetz drückt das Kreuz durch. Er zollt dem sonntäglichen Rivalen Respekt für „eine hervorragende Saison“, in der sich die ehemalige Mannschaft von Trainer Friedhelm Funkel „fußballerisch verbessert“ gegenüber der Vergangenheit präsentiere. Das Potenzial zu einer Saison, wie der kommende Gegner sie spielt, hatte Preetz auch seiner Mannschaft allemal zugetraut – wäre da bloß nicht diese verheerende erste Saisonhälfte gewesen. „Denn dass sie es prinzipiell besser kann, beweist sie ja in der Rückrunde.“

Schalke als Vorbild

Das Wörtchen „wenn“ hat bei Hertha seit Monaten Hochkonjunktur. Auch Preetz kommt nicht umhin, es wieder und wieder zu verwenden. Also sagt er: „Wenn wir in Frankfurt gewinnen, gehen wir abermals in ein Heimspiel und versuchen nachzulegen.“ Irgendwann muss die Serie von 14 vergeblichen Anläufen ja reißen – zumal niemand Wert darauf legt, fortan in einem Rang mit Noch-Rekordhalter Tasmania und deren 15 Heimspielen in Folge ohne Sieg zu stehen.

Wie schwer das wird, verdeutlicht Preetz’ Lobeshymne auf Schalke: „Sie sind gut organisiert und wahnsinnig laufbereit. Sie lassen, mit Ausnahme des Hannover-Spiels, defensiv wenig zu, und vorne haben sie Kevin Kuranyi.“

Aber es sind nicht allein die Stars, die Preetz verblüffen: „Es ist schon irre, wie Felix Magath diese Mannschaft entwickelt hat. Namen wie Schmitz und Moritz waren vor der Saison praktisch unbekannt, jetzt werden sie wohl Zweiter – das ist ein fantastischer Erfolg, der zeigt, wie viel mit vergleichsweise wenig möglich sein kann.“

Wird Drobny wieder zu „Jesus“?

Fällt der Name Leverkusen, „dann denken wir an die vergangene Saison und wünschen uns, dass es wieder so kommt“. Im Oktober 2008 trug es sich zu, dass Ex-Trainer Lucien Favre über Jaroslav Drobny sagte: „Er war wie Jesus.“ Mit einer Vielzahl von Paraden wurde der Torwart beim Berliner 1:0 zu Herthas Retter – nach vielfacher Expertenmeinung war genau dieses Spiel auch der Anfang des Höhenfluges, der den Hauptstadtklub bis auf Platz vier trug.

Die Werkself verfüge über viel Qualität und spiele entsprechend guten Fußball, urteilt Preetz. „Aber auch in diesem Spiel wird es darauf ankommen, wie mutig wir sind. Wir dürfen uns von den ersten Angriffswellen nicht beeindrucken lassen. Natürlich sind sie eine Gefahr – aber es werden sich auch Räume für uns ergeben.“

Auf Kacar ruhen Preetz Hoffnungen

Das letzte Heimspiel, seit Wochen schon ist es ausverkauft. Es kommt der große FC Bayern ins Olympiastadion, ohnehin ein Publikumsrenner, womöglich kommt es zur Meisterfeier. 75.000 Fußballfans wollen live dabei sein – und Zeuge werden von Herthas Rettung? „Gegen die Bayern machen wir das Wunder rund“, tönt Preetz, ist aber doch Realist genug, um bescheiden anzufügen: „Stand heute sind wir schon froh, wenn es dann zum Endspiel für uns kommt.“

Die Hoffnung, dass es dazu kommt, ruht auf dem Kollektiv. Von Torwart Drobny bis hin zu den Stürmern Gekas und Ramos wird ein jeder sein volles Leistungsvermögen abrufen müssen. Besondere Erwartungen hat Preetz indessen an: „Gojko Kacar. Er hat sich nach diversen Verletzungen stabilisiert, aber er hat auch noch viel Luft nach oben.“ Den WM-ambitionierten Serben nimmt Preetz auch deshalb in die Pflicht, „weil er es kann. Weil er aus der zweiten Reihe zum Torabschluss kommen und die Dinge notfalls auch körperlich erzwingen kann.“

Auf zur Aufholjagd!