Ausgesperrte Fans

Wie Hertha von der DFB-Strafe profitieren kann

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Uwe Bremer und Julien Wolff

Wenn Hertha BSC am Sonnabend im Olympiastadion gegen den VfB Stuttgart antritt, wird die Fan-Ostkurve leer bleiben. So wollte es das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes nach der Randale von Hooligans am 13. März. Doch das Fehlen vieler eigener Anhänger kann für die Blau-Weißen auch zum Vorteil werden.

Einige Dutzend Fans von Hertha BSC werden am Mittwochmittag sauber machen. Sie haben sich freiwillig gemeldet, um die Waldbühne mit Besen und Harke in einen präsentablen Zustand für das Wochenende zu bringen, wenn der Hauptstadt-Klub das ungewöhnlichste Heimspiel seiner Bundesliga-Historie bestreiten wird. Davon haben die Berliner seit der Liga-Gründung 1963 insgesamt 486 bestritten. Doch wenn am Samstag der VfB Stuttgart im Olympiastadion antritt, wird alles anders sein.

Zwar werden sich die treuen Hertha-Anhänger versammeln. So wie immer. Gut eine Stunde vor dem Anstoß werden die meisten von ihnen da sein. Nur nicht in der Ostkurve, die ligaweit für bedingungslose Unterstützung steht. Ein Support, wie er in dieser über weite Strecken miserabel verlaufenen Saison wahrlich nicht selbstverständlich ist. Eine Unterstützung, wie sie Rivalen in Köln oder Hamburger mit ihrem teilweise überkritischen Publikum gern hätten. Doch werden die Ostkurven-Besucher diesmal nicht in der Arena des WM-Finales von 2006 pilgern, sondern einige hundert Meter entfernt in der Waldbühne.

Bekanntlich hat das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) als Antwort auf die Platzstürmung von 100 Chaoten nach dem Nürnberg-Spiel (1:2) am 13. März das härteste jemals verhängte Urteil gesprochen.

Für Funkel haben einige selbst Schuld

So durfte Hertha in seiner 74.000er-Arena nur 25.000 Plätze an eigene Anhänger verkaufen. Die Ostkurve, traditionell für die Stimmung zuständig, bleibt komplett leer. Die Dauerkartenbesitzer von dort dürfen sich auch nicht woanders im Olympiastadion platzieren. Sie sind durch das DFB-Urteil von diesem Spiel ausgesperrt. Die komplette Ostkurve wird in Haftung genommen für den sinnlosen Ausflug von 100 Chaoten aus ihren Reihen. Der Schaden für Hertha BSC, addiert man die Geldstrafe von 50.000 Euro dazu, beträgt rund 500.000 Euro.

Trainer Friedhelm Funkel sagte auf die Frage, ob es bitter sei, nach dem 3:0 in Köln vor nur so wenigen Zuschauern spielen zu können: „Das ist schade. Aber einige der Leute sind selbst schuld – und wir werden nun dafür bestraft.“

Bleibt die Frage, ob die drastische Reduzierung der Zuschauer-Kapazität tatsächlich ein Manko wird für Hertha BSC. Oder ob der scheinbare Wettbewerbsnachteil nicht zum Vorteil gerät. So haben die notorisch heimschwachen Blau-Weißen das zweifelhafte Kunststück fertig gebracht, in 13 Anläufen nicht einen Heimsieg zu landen. Mit dieser Bilanz ist Hertha auf dem besten Weg in die Geschichtsbücher der Liga. Die Kulisse im Olympiastadion war immer da, zuletzt 60.440 beim Gastspiel von Borussia Dortmund (0:0).

Reduzierte Stadionmiete

Ob es die Erwartungen sind, die die Mannschaft lähmen, ob es diese Enttäuschung ist nach ausgelassenen Chancen in Heimspielen, die Mittelfeldspieler Fabian Lustenberger so beschreibt: „Man denkt dann: Mist, nicht schon wieder“ – weg damit. Gegen den VfB Stuttgart bestreitet Hertha kein echtes Heimspiel.

Die Atmosphäre wird anders sein. Da turnusmäßig zehn Prozent der Karten an den Gegner gehen, also 7400 Tickets, werden die VfB-Fans akustisch so präsent sein, wie selten eine Gäste-Mannschaft im Olympiastadion. Zumal mit der nicht anwesenden Ostkurve der stimmgewaltige Gegenüber fehlt. Verteidiger Steve von Bergen sagt: „Wir müssen uns ganz auf den Gegner konzentrieren.“

Wenn die Hausherren angreifen, wird es ruhiger sein als sonst. Nicht ganz, aber fast so wie bei einem Auswärtsspiel. Da können die Berliner voller Selbstvertrauen anknüpfen. Nicht nur wegen des glatten Erfolges in Köln – auf fremden Plätzen schießt Hertha in diesem Jahr öfter als erwartet die Konkurrenz auseinander. Und bei all' dem finanziellen Schaden gibt es einen kleinen Lichtblick: Normalerweise hätte Hertha gegen Stuttgart die Stadionmiete für mehr als 50.000 Zuschauer entrichten müssen: 257.000 Euro. Da aber deutlich weniger kommen, fällt auch die Miete geringer aus: 182.000 Euro.

Und den Fans, die bedingungslose Heimspiel-Atmosphäre lieben, bietet der Klub die perfekte Alternative: Mit Zustimmung der Deutschen Fußball-Liga, der Polizei und von TV-Sender Sky wird die Partie gegen Stuttgart in der Waldbühne übertragen (Eintritt: zehn/ ermäßigt fünf Euro). Die Fans der Ostkurve werden geschlossen dort sein. Insgesamt erwart Hertha zwischen 15- und 20.000 Zuschauer.