Es geht ihr nicht gut, jeder kann es sehen. Das Fortkommen fällt schwer, jeder Schritt ist eine Qual. Auch das Luftholen tut weh. Der Anblick betrübt Freunde und Bekannte. Mit Hertha, sagen sie mit Bedauern in der Stimme, mit Hertha geht es zu Ende. Sie werden sie vermissen. Ein paar Getreue waren auch am Dienstag wieder da. Sie kamen, um die Bewegungsübungen zu beobachten, die die behandelnden Spezialisten verordnet haben. Es ging, aber mehr Hoffnung hatten sie danach auch nicht.

Hertha, das ist ein Bundesligist auf der Intensivstation. 117 Jahre schon alt, aber die vergangenen 13 waren so erstklassig, dass es das jetzt nicht einfach gewesen sein soll. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. „Wir glauben an die Rettung“, sagt Michael Preetz, der Manager – oder wenn man so will: Chefarzt.

Auch Friedhelm Funkel hält als Trainer/Chirurg an den lebenserhaltenden Maßnahmen fest, die nach jedem Rückschlag infragegestellt werden: „Dass unsere Ausgangslage schwierig ist, wissen wir. Aber das ist sie doch schon so lange. Es hat sich von dem her also nichts verändert.“

Hat es natürlich doch. Die Zeit läuft davon. Weniger als vier Wochen bleiben zur Rettung. Danach wäre es unweigerlich zu spät.

Seit Monaten ist es ein langes Sterben – und Preetz und auch Funkel begleiten es einigermaßen machtlos. Ein „Glaube-Hoffnung-Rückschlag-Mantra“ ihrerseits hat der RBB-Hörfunk treffend ausgemacht. Glaube – er rührt von Lebenszeichen, die dieser Patient immer wieder sendet. 5:1 in Wolfsburg, 3:0 in Köln. „Warum sollen wir nicht auch in Frankfurt gewinnen“, sagt Arne Friedrich, als Kapitän so etwas wie Herz und Lunge eines Patienten vor dem Exodus. Aber jede Hoffnung währt meist nur kurz, bis zum nächsten Rückschlag, der noch immer verlässlich folgte.

Sie hätten sich das „alles anders vorgestellt“, sagt Friedrich über die Zeit, zu der Hertha in den Krankenstand rückte. Im Herbst vergangenen Jahres war das. Die Verlegung auf die Intensivstation, im Fußball „Abstiegszone“ genannt – ein kurzes Intermezzo würde es sein, mehr nicht, darin waren sie sich alle einig. Seitdem liegt Hertha aber wie festgeschnallt auf diesem 18. Tabellenplatz.

206 Tage sind es heute. In dem Maße, wie die Berliner allmählich begannen, Punkte zu sammeln, taten dies auch die Klubs vor ihnen – mindestens. Schon die ausgerufene Aufholjagd fiel schwer, „Überholjäger“ wurden sie schon gar nicht. Der Rucksack der ersten Saisonhälfte, „er wiegt schwer, unglaublich schwer“, stöhnt Friedrich. Aber? „Aber wir sind noch nicht abgestiegen.“ Eine Durchhalteparole.

Eine von vielen. Was bleibt auch sonst? Aufgegeben haben sie bis hierhin nicht und werden es auch in den restlichen Partien nicht tun. Nicht, solange rechnerisch eine Chance besteht. Im günstigsten Fall trennen Hertha nach dem kommenden Wochenende zwei Punkte vom Relegationsplatz 16. Schlimmstenfalls sind es dagegen acht – bei dann noch neun zu vergebenden Zählern. Doch wie auch immer es in dieser 31. Runde also kommen mag, das lange Sterben geht weiter.

Frühestens das folgende Heimspiel, ausgerechnet gegen den Berliner Erzrivalen aus Schalke, kann das Ende besiegeln, den fünften Bundesliga-Abstieg von Hertha BSC mit sich bringen.

So oder so kann der Sorgenfall nicht mehr über das eigene Schicksal verfügen. Der Bundesliga-Verbleib käme aus heutiger Sicht einer Wunderheilung gleich, die medizinisch-fußballerisch kaum noch begründbar erscheint. Womöglich genügen am Ende nicht einmal mehr vier eigene Siege – weil auch die das entscheidende Stückchen besser situierten Mitbewerber noch fleißig gepunktet haben. „Das wissen wir doch alles“, sagt Preetz, sein Tonfall ist fatalistisch. Er hat, genau wie Funkel, immer Ruhe ausstrahlen wollen. Gegen alle Unruhe im Umfeld. Und er bewahrt sie auch jetzt noch, obwohl doch bis hierhin jede noch so gut gemeinte Maßnahme vergebens war. Sogar Nebenkriegsschauplätze wie Stadionrandale oder Schiedsrichter-Proteste haben allenfalls eingeschränkt davon ablenken können: dieser Hertha ist nicht zu helfen.

Gegen Stuttgart war es am Wochenende – wenngleich auf Strafgeheiß des DFB – schon wie zu Zeiten in Liga zwei. Die Anreise zum Olympiastadion verlief reibungslos. Kein Wunder, bei nur wenig mehr als 25.000 Zuschauern. Und wenn Chefarzt Preetz auch weiter alle Daumen gedrückt hält, so ist doch längst der Lizenzantrag für Liga zwei eingereicht, die personellen Planungen laufen ebenso zweigleisig. Schrecklich, dieses Warten auf den Tag X.