Dann und wann bleibt ihm keine andere Wahl. Wenn es sein muss, legt Friedhelm Funkel die Wirklichkeit geradezu schamlos nach seiner eigenen Vorstellung aus. Denn wer etwa gesteht sich schon gern ein, dass er unerwünscht war; dass er, wenn die Dinge nur ein wenig anders verlaufen wären, längst nicht mehr in der Stadt wäre, jedenfalls nicht mehr Trainer von Hertha BSC. Also sagt Funkel: „Seit ich in Berlin bin, habe ich, egal wo und von wem, nur Zuspruch und Freundlichkeiten erfahren.“
Nun entspricht das allein schon ganz und gar nicht der Realität. Aber auch die Begründung für seine Wahrnehmung hat Funkel exklusiv. Das Wohlwollen ihm gegenüber rühre daher, „weil alle wissen, dass wir sehr konzentriert arbeiten und immer unsere Chance gesucht haben und weiter suchen werden.“ Als hätte es das mutlos angefangene 1:1 gegen Mainz nicht gegeben, nicht die Niederlage gegen klägliche Hoffenheimer oder einen in der Woche darauf kaum weniger mauen Hamburger SV.
Aber was war das alles gegen den Niederschlag, den Hertha in Form eines 1:2 im Olympiastadion gegen den 1. FC Nürnberg erhielt. Auch der bekennende Box-Fan Funkel stand da Mitte März vor dem K.o. – mental, aber auch was seine Zukunft als Hertha-Trainer anging. Zu behaupten, Hertha-Geschäftsführer Michael Preetz wäre das Festhalten an Funkel leicht gefallen, wäre unwahr. Ein schlichtes „Ja“ von Jürgen Röber gegenüber Preetz, gefolgt von einem „Ich tu’ dir den Gefallen“, hätte genügt, und Funkel hätte die restlichen acht Saisonspiele des Berliner Bundesligisten nicht mehr angeleitet. Berechtigung, ihn abzulösen, bestand auch in den Wochen vorher schon – doch Preetz scheute den unausweichlich anmutenden Schritt, auch mangels Alternativen.
Es fehlen schon neun Punkte
Wenige Wochen später steht der einst angeschlagene, bedrohlich wankende Funkel wieder stabil. Am Sonnabend führt er Hertha in das nächste Endspiel, gegen den VfB Stuttgart. Die Zuversicht in ihm ist zurückgekehrt, er freut sich auf „90 Minuten Tempofußball, wir werden darauf sehr gut vorbereitet sein“. Bei einem Sieg gegen die aktuell beste Rückrunden-Mannschaft lockt der Sprung auf den begehrten Relegationsplatz 16.
Nun sage niemand, schon diese nach objektiven Maßstäben nur wenig reizende Perspektive sei im konkreten Fall das Ergebnis von Berliner Stärke. Immerhin einer benennt die Realität ganz offen. „Natürlich“, sagt Preetz, „hängt es mit der Konkurrenz zusammen, dass wir nach einer derart desaströsen Hinrunde noch im Rennen sind.“
Sechs kümmerliche Punkte hatte Hertha da nur angehäuft, schon 16 sind es im Verlauf der Rückrunde. Doch halt: schon 16? Auch hier rühmt Funkel das bislang Erreichte über Gebühr.
Er hat eine von Ex-Trainer Lucien Favre verunsichert hinterlassene Mannschaft allenfalls stabilisiert; von einem Aufbruch zu Höherem, wie ihn Babbel-Nachfolger Christian Gross in Stuttgart bravourös zeitigte, war und ist Hertha unter Funkel weit entfernt. Schließlich fehlen allein schon mindestens satte neun Punkte zu der im Winter aufgestellten Vorgabe von „25 Punkten, besser noch 28“, die Hertha in der zweiten Saisonhälfte zu holen gedenke.
Lockeres Training wie zu erfolgreichen Zeiten
Preetz sagt, man müsse in der Beurteilung von Funkels Wirken unterscheiden zwischen einer reinen Bewertung nach Punkten und der täglichen Arbeit mit der Mannschaft. „Die ist hervorragend.“ Funkels Spezialgebiet hier ist das Vermitteln von Zuversicht und Optimismus. Besonders zu Mitte dieser Woche waren die Trainingseinheiten jeweils sehr spaßbetont.
Die Spieler durften Handball spielen wie zu erfolgreichen Zeiten unter Favre und sich beim Kicken auf stark verkleinertem Feld an reichlich Toren delektieren. „Die Freude an der Arbeit ist zurück“, sagt Mittelfeldspieler Gojko Kacar. Die Südamerikaner Raffael, Cicero und Adrian Ramos sprinten und lachen, von frühlingshaften Temperaturen angetrieben, um die Wette. Der Glaube an eine wie ein Wunder anmutende Rettung scheint groß wie nie. „Ganz einfach“ sei das, reine Psychologie, erklärt Torwart Jaroslav Drobny: „Bist du erfolgreich, steigt das Selbstbewusstsein.“ Selbst ein Schweiß treibender Staffellauf mit Medizinbällen geriet zur heiteren Albernheit.
Aber Funkel wäre nicht er selbst, wenn er nicht auch hier eine ganz eigene Erklärung lieferte. Die in dem Fall aber regelrecht charmant ist. Nicht allein bei seinen Profis, nein, „bei allen Menschen ist die Lebensfreude gestiegen, weil das Wetter besser geworden ist“, sagt er, fügt aber immerhin noch an: „Natürlich haben auch sieben Punkte aus den vergangenen drei Partien das Klima verbessert, das ist völlig normal“. Und das, „obwohl statt der geholten sieben tatsächlich neun Punkte verdient gewesen wären“. Auch hier bestimmt eben Funkel, was und wie die Wirklichkeit zu sein hat.





