Mit der Begegnung am kommenden Wochenende sind es sechs Spiele bis zum Saisonende. Dann läuft sein Vertrag bei dem bayrischen Zweitligisten aus, und dann wollte er seine Karriere eigentlich beenden. Doch Neuendorf wäre nicht Neuendorf, wenn er sich immer an seinen Plan hielte. "Vielleicht möchte ich noch ein Jahr Fußball spielen", sagt er.
Schon während seiner Zeit bei Hertha BSC war er immer unberechenbar. Neuendorf liebt es zu überraschen. Mit Sprüchen, wechselnden Frisuren und natürlich auf dem Spielfeld. Knapp neun Jahre, mit einer kurzen Unterbrechung von 1998 bis 2007, spielte er für die Blau-Weißen und gehörte zu den außergewöhnlichsten Spielern der Vereinsgeschichte. Neuendorf ist wie eine Mischung aus Oliver Pocher und Stefan Effenberg: Frech, stets für einen Spruch gut und ein Kämpfer, der sich nicht immer anpassen wollte und konnte.
Immer einer der Faulsten
Dies wurde schon vor Beginn seiner Profikarriere deutlich. Als Neuendorf, damals Amateur, für die Reinickendorfer Füchse spielte, wollte ihn Bernd Krauss verpflichten, der Trainer von Borussia Mönchengladbach. Gegen neun Uhr morgens rief er bei den Neuendorfs an. Die Mutter hob den Hörer ab, ihr Sohn schlief noch. Sie weckte ihn, und Andreas Neuendorf trottete zum Telefon. "Junge, was ist los mit dir? Ich war heute schon um sechs Uhr laufen", sagte Krauss. Der müde Fußballer entgegnete, Krauss solle sich doch bitte später noch einmal melden.
"Ich war immer einer der Faulsten. Was ich als Profi erreicht habe, habe ich allein durch Spielübersicht und Talent geschafft" schreibt er in einem Brief für das Magazin "11 Freunde", den er an den deutschen Fußball-Nachwuchs richtet. Darin rät er jungen Spielern, mehr zu trainieren als andere und sich nicht auf ihrem Talent auszuruhen. "Was aus mir geworden wäre, wenn ich im Training noch ein bisschen mehr gemacht hätte, werde ich nicht mehr herausfinden", so Neuendorf.
Trotz seiner Faulheit wurde er 1994 Profi bei Bayer Leverkusen. Späher des Werksvereins hatten ihn bei den Reinickendorfer Füchsen entdeckt. Für 200.000 D-Mark wechselte er damals an den Rhein. Und zeigte seinen neuen Kollegen gleich beim ersten Training, was eine echte Berliner Schnauze ist. Als er sich zum Umziehen in die Kabine setzte, rief ein Mitspieler: "Junge, da sitzt du nicht so gut, das ist der Platz von Bernd Schuster." Neuendorf ließ sich nicht beeindrucken. "Dann muss der sich jetzt wohl einen anderen Platz suchen." Alles lachte. Als Mittelfeldlegende Schuster die Kabine betrat, setzte sich der Neuling doch brav um.
Ungewollte Rückkehr
Neuendorf absolvierte in drei Jahren 43 Spiele für Bayer. Der damalige Manager Rudi Völler bezeichnete ihn wegen seiner guten Technik und vielen Einwechslungen als "Mehmet Scholl von Bayer Leverkusen". Nach drei Jahren verlor Neuendorf aber seinen Stammplatz. Obwohl er verletzt war, lieh ihn Hertha aus. Unter Trainer Jürgen Röber kam Neuendorf in der Saison 1997/1998 aber nur zu zwei Kurzeinsätzen. In der darauffolgenden Spielzeit lief es dafür umso besser: Neuendorf ersetzte den verletzten Libero Kjetil Rekdal und überzeugte. Obwohl er in Berlin bleiben wollte, musste er aber 2000 zurück nach Leverkusen - Bayer hielt die Rechte an ihm.
Von 2001 an spielte er wieder in seiner Heimatstadt für Hertha und entwickelte sich zum Publikumsliebling. Die Zuschauer spürten seine große Identifikation mit dem Verein. Sie begeisterte, dass der gebürtige Berliner immer ein Ohr für sie hatte und auf dem Spielfeld bis an die Grenze ging - und manchmal darüber hinaus. Einmal zerriss er sich vor Wut sein Trikot, und oft lieferte er sich heftige Diskussionen mit den Schiedsrichtern. Neuendorf ist emotional, authentisch, er polarisiert - und wird dafür geliebt.
In der Mannschaft sorgte er für gute Laune - oft mit sehr gewagten Streichen. Als er Langeweile hatte, rief Neuendorf in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) an und gab sich als sein Mitspieler Andreas Schmidt aus. "Ich habe eine Geschlechtsumwandlung hinter mir und möchte für die Frauennationalmannschaft spielen. Geht das?", fragte Neuendorf. Sein Gesprächspartner nahm die Anfrage ernst und informierte sich in verschiedenen Abteilungen des DFB über die Vorgehensweise in solchen Fällen. Einen Tag später rief ein Mitarbeiter des Verbandes auf der Geschäftsstelle von Hertha an. "Als ich das gehört habe, fiel ich aus allen Wolken", sagte Schmidt.
Ein anderes Mal kam er mit einer roten Perücke und Bart auf den Trainingsplatz und erschreckte seine Kollegen. Bei einem Mannschaftsausflug entblößte er zum Spaß der Mitspieler in einem Schwimmbad sein Hinterteil. Aus Jux erklärte er es zu seinem Ziel, Weltfußballer zu werden. Und als er im Training hintereinander zwei Kopfballtore erzielte, brüllte er: "Horst Hrubesch ist wieder da." Neuendorf nahm sich eben selbst nie zu ernst. Nach dem 3:3 gegen Bayer Leverkusen 2005 sagte er: "Wir hatten einfach eine überragende Nummer 20 - ach, das bin ich ja selbst."
Besonders gut verstand sich der ehemalige U21-Nationalspieler mit Marcelinho. Im Tanzlokal "Ipanema" verbrachte er mit dem Brasilianer, der heute für Coritiba spielt, lustige Abende.
Doch 2006 wechselte Marcelinho zum VfL Wolfsburg, und ein Jahr später verließ auch Neuendorf seine Heimat. Er konnte sich mit Manager Dieter Hoeneß nicht auf einen neuen Kontrakt einigen, obwohl dieser bei Neuendorfs Vertragsverlängerung 2004 gesagt hatte: "Er gehört zu Hertha BSC wie das Brandenburger Tor und die Siegessäule zu Berlin." Griechische Vereine und der FSV Mainz 05 interessierten sich für Neuendorf, doch der entschied sich, nach Ingolstadt zu wechseln. Beim Heimspiel gegen Bayer Leverkusen 2007 verabschiedeten die Hertha-Fans ihren Liebling mit einer erstaunlichen Choreographie. "Herthaner im Herzen, Berliner wie wir", stand auf einem Plakat. "Wenn ich nicht in Berlin bin, fehlt mir die Luft zum Atmen", gesteht Neuendorf.
Meisterwette mit Kollegen
Er gehört nach Berlin, das wisse er. Deswegen will er nach seiner Karriere in die Hauptstadt zurückkehren. Nur wann das sein wird, ist noch nicht klar. In der Hinrunde der aktuellen Saison kam er meist nur zu Kurzeinsätzen. In den vergangenen Wochen spielte Neuendorf immerhin zwei Mal von Beginn an. Den Absturz von Platz zwölf auf 17 konnte aber auch der Routinier nicht stoppen.
Ob er irgendwann für Hertha arbeiten wird, weiß er nicht. Den Kontakt zu ehemaligen Mitspielern wie Pal Dardai hat er auf jeden Fall gehalten und verfolgt die Entwicklung des Klubs. "Ich wette jede Woche aufs Neue mit meinen Ingolstädter Kollegen, dass Hertha Meister wird", sagt Neuendorf. Ich wette jede Woche aufs Neue mit meinen Ingolstädter Kollegen, dass Hertha Meister wird.
Nächsten Mittwoch lesen Sie in Hertha inside: Frau fragt nach - auf den Spuren der Herthaner.





