Steve von Bergen schießt den Ball ins rechte Toreck und jubelt, als hätte er soeben die Deutsche Meisterschaft gewonnen. „Jaaaaa“, schreit der Verteidiger von Hertha BSC und grinst Raffael an. Als seinem Mitspieler in dem Trainingsspiel eine Minute später ebenfalls ein Treffer gelingt, klatscht von Bergen in die Hände und deutet eine Verbeugung an. „Bien“ ruft er, französisch für: „gut“.
Der Schweizer sorgt bei den Einheiten des Bundesligisten für gute Laune. Er lobt, scherzt und motiviert auf Deutsch, Französisch oder Englisch – von Bergen ist dreisprachig fröhlich. Seine sportliche Situation kann nicht der Grund für die Ausgelassenheit sein. In der aktuellen Saison kam von Bergen auf gerade einmal neun Einsätze. Von Beginn an spielte er seit Anfang Februar nicht mehr. Zuletzt gehörte er beim 1:1 bei Arminia Bielefeld der Startformation an, weil Kapitän Arne Friedrich damals mit einer Rückenverletzung ausfiel.
Einsätze bei den Amateuren
Seit diesem Tag hat von Bergen in der Bundesliga nur 26 Minuten gegen Borussia Mönchengladbach gespielt. Obwohl der 25-Jährige seit knapp zwei Jahren in Berlin unter Vertrag steht, hat er bislang nicht überzeugen können.
Um überhaupt mal wieder Wettkampfspraxis zu bekommen, schickte Trainer Lucien Favre den Schweizer vor zehn Tagen sogar zur U23. Statt mit den Profis gegen den VfB Stuttgart spielte von Bergen mit dem Nachwuchs im Jahn-Sportpark gegen den 1. FC Magdeburg (1:0). „Natürlich bin ich mit meiner Situation nicht zufrieden. Kein Fußballer auf der Ersatzbank ist das. Aber das ist im Moment meine Rolle, und die muss ich akzeptieren“, sagt von Bergen.
An diesem Wochenende hat seine Leidenszeit ein Ende. Im Heimspiel gegen Borussia Dortmund am Sonnabend wird der Trainer von Bergen aller Voraussicht nach auf der rechten Abwehrseite einsetzen. Denn Marc Stein, auf dieser Position Stammspieler, ist nach seiner fünften Gelben Karte gesperrt. Und andere Alternativen gibt es kaum. „Wer hat sonst Spielpraxis?“, fragte Favre gestern und deutete somit an, dass ein Einsatz von Leandro Cufré nicht infrage kommt. Der in der Winterpause verpflichtete Argentinier stand bislang erst einmal in der Startelf und wurde zweimal eingewechselt. „Sollte ich spielen, ist das für mich eine große Chance“, sagt von Bergen. Der rechte Part in der Viererkette sei nicht seine Lieblingsposition, er sei Innenverteidiger. „Aber wenn der Trainer sagt, dass ich dort spielen soll, mache ich das. Das ist mein Job.“ Zumal der kommende ein immens wichtiger Spieltag sei, weil die Verfolger VfL Wolfsburg und FC Bayern München gegeneinander spielen. „Mit einem Sieg gegen Dortmund wollen wir uns in der Tabelle absetzen.“
Vertrag bei Hertha bis 2010
Für von Bergen persönlich geht es in der Partie darum zu zeigen, dass er sein Potenzial in der Hinrunde nicht ausgeschöpft hat. Denn in der ersten Saisonhälfte verschuldete er mehrere Gegentore und blieb den Beweis seiner Bundesligatauglichkeit schuldig. Ob er über die Saison hinaus in Berlin bleiben wird, ist daher unklar. „Wenn Steve einen Stammplatz hat, wird er bleiben. Wenn er nur ein paar Minuten im Monat spielt, müssen wir Klartext reden“, sagte von Bergens Berater John Dario der Morgenpost. Vor der Sommerpause werde er aber nicht mit anderen Vereinen Gespräche führen.
Hertha wird von Bergen nur bei einem lukrativen Angebot abgeben, denn die Berliner benötigen einen Transferüberschuss von fünf Millionen Euro. Sein Vertrag läuft bis 2010, und Favre braucht in der neuen Saison einen breiten Kader: Der Bundesligist wird aller Voraussicht nach in einem internationalen Wettbewerb spielen und muss mit Sperren und Verletzungen rechnen. Der Fußball-Lehrer wurde mit von Bergen 2006 und 2007 mit dem FC Zürich Schweizer Meister und schätzt seine Steigerungsmöglichkeiten größer als die von Kaka ein, wenngleich seine Größe (1,86 Meter) für ihn spricht. Der brasilianische Abwehrspieler könnte im Sommer verkauft werden.
Von Bergen will über seine Zukunft nicht sprechen. „Ich konzentriere mich nur auf Hertha.“ Allerdings wisse er, dass Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld derzeit nicht mit ihm plant, eben weil er kaum spielt. „Für die Schweiz laufen Stammspieler von europäischen Topklubs auf. Sich in meiner aktuellen Situation als Ersatzspieler Ambitionen auf die Nationalelf zu machen, wäre vermessen“, sagt er. In diesem Moment ist er ausnahmsweise mal nicht gut gelaunt.





