Ob Adriano Grimaldi eine Ahnung hat, was er da in seinem Eifer angerichtet hat? Sechsmal durfte der Stürmer in der Bundesliga in der Schlussphase aufs Feld, nie hinterließ er solchen Eindruck wie bei seinem Debüt am 12. September vergangenen Jahres, beim 2:1 von Mainz 05 gegen Hertha BSC. Ein Spiel, von dem Michael Preetz, der Geschäftsführer Sport des Berliner Bundesligisten, unwidersprochen immer wieder sagt: „Es war der Anfang vom Ende.“ Die Bruchstelle am Bruchweg.

Wenige Spiele taugen derart zum Markstein wie jenes. Wenige bleiben so sehr im Gedächtnis haften. Wegen Grimaldi. Seine Einwechslung in Minute 70 war wie ein lauter Knall – und führte geradewegs zur blau-weißen Implosion. „Der unbekannte Debütant stürmte unbekümmert drauflos, holte den Elfmeter raus, sorgte für die Wende“, urteilte das Fachmagazin kicker. Seitdem spielte er lediglich 41 Minuten, aber gegen Hertha war Grimaldi laut kicker „Spieler des Spiels“.

Wer auch sonst? 70 Minuten war alles nach Plan gelaufen – für Hertha. So lange war das Spiel in Mainz ein Abbild der Saison zuvor. Mit grandioser Nüchternheit hatten die ganz selbstbewusst in gold gewandeten Gäste Ball und Gegner verwaltet. Grundsolide vertrat etwa Bundesliga-Debütant Rasmus Bengtsson den verletzten Kapitän Arne Friedrich, vorne hatten sich die Gäste mit einer einzigen gelungenen Aktion über Cicero und letztlich Maximilian Nicu in Führung kombiniert. Die Uhr tickte dem Ende entgegen, ohne recht viel Widerstand kontrollierte der Hauptstadt-Klub das Geschehen. Es lockte der zweite Sieg im fünften Spiel – Hertha hätte sich so bis auf Platz neun katapultiert.

Geschmerzt hätte da nur – aber nichtsdestotrotz – der Fußbruch von Debütant Florian Kringe. Es kam anders, schlimmer. Viel schlimmer. Das Davonhumpeln der Leihgabe aus Dortmund war letztlich nur eine von vielen Facetten, warum seine Kollegen nach Spielschluss restlos paralysiert dreinblickten. Das Licht in ihren Augen war an, aber in ihren Köpfen war niemand zu Hause. Pal Dardai starrte ins Nichts, andere genauso. Wie sie dieses Spiel noch verloren hatten? Sie wussten es nicht. Sie sprachen, sie erklärten sich – aber ihre Worte ergaben keinen Sinn.

Sie hatten alle nicht mit Grimaldi gerechnet. Als der 18-Jährige an diesem strahlend schönen Herbsttag nach getaner Arbeit nach Hause ging, da huldigten die Menschen dem südländisch anmutenden Mann mit schwarzen Locken, Drei-Tage-Bart und einem breiten Lachen wie einem Spross aus dem adligen Geschlecht derer von Monaco. Was Zufall war, denn seinen Namen kannte das Volk kaum. Wie auch, den eigenen Mitspielern ging es nicht anders. Gesehen und wahrgenommen hatten sie den neuen Kollegen im Training, das ja – viel mehr aber auch nicht.

Es war wohl gerade diese Anonymität. Auf jede andere Waffe seines kaum weniger unbekümmerten Trainerkollegen Thomas Tuchel (36) hätte Lucien Favre eine Antwort gehabt, er hätte Kommandos aufs Feld gerufen, wie dem neuen Mann beizukommen sei. Aber nicht bei Grimaldi. Dessen erste Aktion, ein reichlich verunglückter Torschuss, erweckte ganz Mainz aus dem Dämmerzustand; Mannschaft wie Publikum gleichermaßen. Jetzt waren sie da, auf dem Platz und auf den Rängen. Die Nullfünfer steigerten sich in ihr Finale Furioso, die Berliner muteten mit einem Mal an wie eisenfüßige Tippkick-Figuren. Bengtsson, jetzt gar nicht mehr souverän, trat ein Luftloch am Sechzehner, die folgenden Sekunden wurden zu den schlimmsten seiner noch jungen Profikarriere: Grimaldi stieß in die Lücke und Nemanja Pejcinovic ihn einfach um – Strafstoß, 1:1. „Ein Albtraum“, stöhnt Bengtsson. Einer, aus dem er wie die gesamte Mannschaft bis heute nicht restlos erwacht scheint.

Per Konter trafen die Mainzer sogar noch zum Sieg. Geschlagen fuhren die Berliner nach Hause. Verletzt, demoralisiert. Es kam Freiburg. Der Druck, nach vier Niederlagen in Folge so langsam doch unbedingt mal gewinnen zu müssen, lastete bleiern auf Hertha. Das Resultat war entsprechend, 0:4. Platz 18. Als nächstes Hoffenheim, 1:5. Der Tiefpunkt. Das Ende von Lucien Favre, der Abschied von allen Visionen. Friedhelm Funkel kam und „übernahm eine hochgradig verunsicherte Elf“, sagt Preetz. „Es hat lange gedauert, sie zu stabilisieren – viel länger, als wir alle dachten.“

Alles nur wegen Grimaldi? „Gewinnen wir in Mainz, gibt es kein Freiburg und auch kein Hoffenheim. Dann sind wir jetzt Achter“, sagt Dardai. Mannschaften wie eben Mainz oder Hoffenheim spielten keine berauschende, aber eben doch eine sorgenfreie Saison. Eine unerhört beschönigende These? Wer die 90 Minuten erlebt und in die Gesichter nach Schlusspfiff geblickt hat, mag Dardai glauben – doch ist eine Saison keine Theateraufführung, die auch für geprügelte Darsteller Applaus bereithält.

Am Sonnabend ist wieder Mainz der Gegner. Weil seit dem Hinspiel Mitte September nun mal alles so kam, wie es gekommen ist, steht Hertha seit fast fünf Monaten zementiert am Tabellenende. Die Lage ist so gut wie ausweglos, selbst ein Sieg birgt keine Garantie, dass es doch noch was wird mit der Rettung – aber eine weitere Niederlage wäre wohl wirklich das Ende aller Hoffnung. „Wir wissen um die immense Bedeutung des Spiels“, sagt Preetz, und Trainer Funkel wünscht sich, dass „die Mannschaft nicht erst von der 46. Minute an Gas gibt wie in den Heimspielen gegen Mönchengladbach und Bochum, sondern von der ersten Sekunde an“.

Die Nullfünfer vom Bruchweg seien schließlich nicht zu vergleichen mit dem Mainz der Auswärtsspiele. „Da sind sie verwundbar, das wollen wir ausnutzen.“ Ganze sechs Punkte hat der Neuling in der Fremde geholt – ob mit oder ohne Adriano Grimaldi.