Die Zahl verfolgt ihn. Längst bereut es Friedhelm Funkel, dass er sie einst ausgesprochen hat: 28. So viele Punkte, hatte der Trainer von Hertha BSC zur Zeit des Wintertrainingslagers auf Mallorca errechnet, würden die Berliner in der Rückrunde sammeln müssen, um mit einiger Gewissheit – und dann insgesamt 34 Punkten – auch kommende Saison noch erstklassig tätig sein zu dürfen.

Neun Punkte haben die selbst ernannten „Aufholjäger“ seither gehamstert, fehlen noch satte 19 zu Funkels Wunschziel. „Wir haben schon einiges geschafft, müssen bis zur Rettung aber noch einiges bewerkstelligen“, sagt Funkel. Vom vormals ausgerufenen Plan ist er jedoch abgerückt. Zum einen, weil 19 Punkte bei noch zehn ausstehenden Spielen eine kaum realistische Ausbeute darstellen. Aber auch, weil die laufende Saison das Zeug dazu hat, in die Geschichte einzugehen als das Jahr, in dem so wenige Punkte wie nie zuvor zur Rettung genügen werden. In den ersten zehn Jahren nach Einführung der Drei-Punkte-Regel (ab 1995/96) waren in sieben Fällen mindestens 36 Punkte für Platz 15 nötig, in der Saison 1997/98 sogar 38. Seitdem aber nur einmal deren 35 (06/07), vergangene Saison reichten sogar 31 Punkte zum Klassenerhalt.

Hält Hertha also weniger eigene Stärke als vielmehr die kollektive Mitschwäche der Konkurrenz in der Bundesliga? Geschäftführer Michael Preetz ist es im Zweifelsfall einerlei. Allgemeingültig sagt er über das Quartett im Keller, bestehend aus Freiburg, Nürnberg, Hannover und Hertha: „Wer zuerst eine Serie startet, ist im Vorteil.“ Es geht um Platz 15, der die direkte Rettung bedeutet und in zweiter Instanz auch um Platz 16, der zur Teilnahme an den Relegationsspielen mit dem Zweitliga-Dritten berechtigt. Die beiden Letzten steigen direkt ab, Hertha ist seit 18 Spieltagen ununterbrochen Letzter.

Wie schnell es in dieser Saison indessen gehen kann, belegt das Beispiel Stuttgart. Noch am 16. Spieltag rangierte der VfB mit 13 Punkten auf Platz 15. Seither gewannen sie sieben von acht Spielen; mit 34 Punkten haben sie von Platz acht aus den internationalen Wettbewerb wieder in Sichtweite.

Nun verfügt Stuttgarts Kader über eine ganz andere Qualität als dies bei den Teams im Keller der Fall ist. Freiburg, Nürnberg, Hannover und Berlin tragen seit Monaten ein Schneckenrennen der besonderen Art aus. Deshalb mag Preetz auch eines nicht mehr ausschließen: „Dass gar keiner mehr eine Serie startet.“

Hertha käme das entgegen, denn die Aussicht, dass ausgerechnet der Hauptstadtklub noch reihenweise reüssiert, ist verhältnismäßig gering. Das Restprogramm ist schwer, und Siege gelangen in dieser verkorksten Saison überhaupt nur drei: gegen die direkten Konkurrenten Freiburg (3:0) und Hannover (1:0, 3:0). Diese beiden treffen nun am Sonnabend direkt aufeinander, „da wünsche ich mir schon jetzt ein Unentschieden“, unkt Preetz. Zeitgleich sind die Berliner beim Hamburger SV zu Gast, wo wohl nur Überheblichkeit der Rothosen die Blau-Weißen aussichtsreich ins Spiel bringt. Eher schon startet die Retterserie am Wochenende darauf, wenn der 1. FC Nürnberg ins Olympiastadion kommt. „Wir alle wissen, worum es in diesem Spiel geht“, sagt Preetz. Im Klartext: Eine Niederlage wäre das Ende aller Hoffnungen. Doch mit Druck hat die Mannschaft in dieser Spielzeit noch selten umgehen können. Dazu war Hertha beim 0:3 im Hinspiel im Duell zweier vermeintlich auf Augenhöhe befindlicher Teams noch zwei Klassen schlechter als der Gegner.

Der nächste Stopp: Wolfsburg, der Deutsche Meister und neues Reich von Herthas Ex-Frontmann Dieter Hoeneß, aber auch eine von wenigen Mannschaften mit noch mehr Gegentoren (45) als bei Hertha der Fall (44).

Das Saisonende steigert sich für Hertha zum Finale furioso. Die drei Titelkämpfer FC Schalke 04, Bayer Leverkusen und FC Bayern München türmen sich vor den Berlinern als die letzten drei Aufgaben auf – wehe, wenn das Meisterrennen bis dahin nicht schon entschieden ist.

Aber auch die Aufgaben vor dem unmittelbaren Schlussspurt sind kaum dazu angetan, Zuversicht zu verbreiten. Zu Hause gegen Dortmund ist ein (Teil-) Erfolg immerhin möglich, in Köln fast schon zwingend notwendig. Schwierig wird es auch gegen Stuttgart und in Frankfurt. So können nur mehrere Wunder Hertha noch retten. Die Last der Vorrunde wiegt schwer – und mit einiger Gewissheit zu schwer.